Terrorismus-Experte Andreas Zick: "Der IS gibt Jugendlichen ein überbordendes Machtgefühl"

ThemaNaher Osten

InterviewTerrorismus-Experte Andreas Zick: "Der IS gibt Jugendlichen ein überbordendes Machtgefühl"

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Der IS arbeitet mit allen Mitteln der Propaganda um Jugendliche anzuziehen. Auf Autokorsos fahren Kinder mit und schwenken ISIS-Flaggen

von Niklas Dummer

Große Maschinengewehre und die Verheißung eines heldenhaften Lebens: Der Sozialpsychologe Andreas Zick erklärt, wie der IS die westliche Jugend umgarnt und wie die Gesellschaft ihre Radikalisierung verhindern könnte.

Herr Zick, der Attentäter, der in Kopenhagen vergangene Woche zwei Menschen tötete und weitere verletzte, war ein 22-jähriger gebürtiger Däne, der sich dem IS anschließen wollte. Wie schafft es der IS, die Jugendlichen für sich zu gewinnen?

Der IS verkauft sich in seiner Internetpropaganda sehr popkulturell. Der Terror erscheint gar  nicht als der Krieg oder der riesengroße Raubfeldzug, der er ja ist. Die Videos sind aufgemacht wie eine BBC-Reportage, in der ein Journalist auf dem Schlachtfeld steht und Frontberichterstattung betreibt. Die IS-Kämpfer werden als Helden inszeniert, das Leben im Kalifat als ein glückliches.

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Andreas Zick Soziologe Islamischer Staat

Andreas Zick ist Sozialpsychologe und leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

Manche Videos erinnern an Szenen aus dem Computerspiel GTA: Wenn die IS-Anhänger mit einem Geländewagen durch die Stadt fahren, den Ellbogen lässig aus dem Fenster lehnen und von den paradiesischen Zuständen erzählen.

Genau, sie fahren immer durch eine schöne, grüne Umgebung und die Menschen erzählen, wie zufrieden sie sind und was ihnen im Kalifat geboten wird. Der Islamische Staat wird als eine Lebenswelt inszeniert, für die es sich lohnt, sein bisheriges Leben aufzugeben. Dafür operiert der IS sehr stark mit der Distanz zwischen Muslimen und ihrer Heimat.

Zur Person

  • Andreas Zick

    Andreas Zick ist Sozialpsychologe und leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Seine Forschungsgebiete umfassen unter anderem Diskriminierung, Gewalt, Vorurteile und Menschenfeindlichkeit. Aktuell erforscht er in dem Projekt „Radikalisierung zur Gewalt“ die Radikalisierungsprozesse in Gefängnissen.

Wie macht er sich diese Distanz zunutze?

Er zeigt den Jugendlichen, dass sie sich im Westen nicht verwirklichen können. Sie würden hier nicht beachtet, lebten hier ein schlechtes Leben. Der IS bietet dagegen echtes ein Ziel.

Das Kalifat.

Das haben wir lange unterschätzt. Vor dem IS waren die Ideologie, die fundamentalistischen, islamistischen Sichtweisen im Alltag kaum zu verwirklichen. Jetzt gibt es ein ganz konkretes Handlungsangebot, auf das sich Jugendliche verpflichten und für das sie kämpfen können – das motiviert viele.

Was sind das für Jugendliche, die sich dem IS anschließen? Gibt es Muster?

Viele von ihnen fühlen sich ihrer Familie nicht zugehörig und in der Schule oder im Berufsleben nicht eingebunden. Sie erklären ihre schlechten Leistungen nicht damit, dass sie zu wenig lernen oder Hilfe kriegen, sondern interpretieren das als eine religiöse Frage, als Unterdrückung. Junge Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen kompensieren damit ihr ganzes Versagen. Die späteren Gräueltaten erscheinen ihnen nicht als Gräueltaten sondern als eine Befreiung aus einem nicht lebenswerten Leben.

Doch es schließen sich nicht nur die dem IS an, die in der Gesellschaft durchfallen. Auch Jugendliche aus bürgerlichen Kreisen ziehen nach Syrien oder in den Irak. Haben wir ein gesellschaftliches Problem?

Einige kommen aus bürgerlichen Kreisen, ja. Dabei stellt sich für uns als Gesellschaft die Frage, ob der Druck, den wir auf Jugendliche ausüben, nicht zu hoch ist. Die gesamte Jugend ist durchökonomisiert, jedes Handeln muss verrechenbar sein. Die Jugend ist keine Phase mehr, in der man sich ausprobiert – das funktioniert nur noch außerhalb der Gesellschaft. Die Jugendlichen in ganz Europa reagieren auf den Druck, den die Gesellschaft erzeugt in einer Weise, die wir in den vergangenen Jahren nicht beobachteten.

Aus welchen europäischen Ländern radikale Islamisten kommen

  • Quelle

    Das "International Centre for Study of Radicalisation and Political Violence" (ICSR) hat in Kooperation mit der Münchener Sicherheitskonferenz für 50 Länder ausgewertet, wie viele Bürger aus den jeweiligen Staaten nach Syrien oder in den Irak gezogen sind, um sich militanten Gruppen anzuschließen. Die Daten für die einzelnen Länder beziehen sich auf die zweite Hälfte des Jahres 2014. Aus Westeuropa – so wird geschätzt – sind mittlerweile 4000 Kämpfer vor Ort. Ende 2013 waren es nicht einmal halb so viele. Geordnet werden die Länder nach der Anzahl der Kämpfer pro eine Million Einwohner.

  • Italien

    Circa 80 Kämpfer im Irak und in Syrien stammen aus Italien. Das macht 1,5 Kämpfer pro eine Million Einwohner.

  • Spanien

    Zwischen 50 und 100 Spanier haben sich militanten Gruppen angeschlossen. Auf eine Million Einwohner kommen damit rund zwei Kämpfer.

  • Schweiz

    Das ICSR schätzt die Zahl der Schweizer Kämpfer auf 40. Damit sind fünf Schweizer pro eine Million Einwohner nach Syrien oder in den Irak gezogen.

  • Irland

    Aus Irland stammen rund 30 Kämpfer. Das entspricht sieben pro eine Million Iren, die sich militanten Gruppen angeschlossen haben.

  • Deutschland

    Aus Deutschland kommen 500 bis 600 Menschen, die in Syrien und im Irak kämpfen. Damit gehört das Land zu der Gruppe europäischer Länder, aus denen insgesamt die meisten stammen. Pro eine Million Einwohner macht das 7,5.

  • Großbritannien

    Die gleiche Zahl an Kämpfern, 500 bis 600, stammt aus Großbritannien. Auf die Zahl der Einwohner heruntergerechnet sind es 9,5 pro eine Million.

  • Norwegen

    60 Menschen, die im Irak oder in Syrien kämpfen, kommen aus Norwegen. Auf eine Million Einwohner heruntergerechnet, sind das zwölf Kämpfer.

  • Finnland

    Für Finnland schätzt das ICSR die Zahl derer, die nach Syrien oder in den Irak gezogen sind, auf 50 bis 70. Das entspricht 13 Kämpfern pro eine Million Einwohner.

  • Niederlande

    Die Zahl der Niederländer, die in den Krieg gezogen sind, liegt zwischen 200 und 250. Heruntergerechnet auf eine Million Einwohner sind das 14,5 Kämpfer.

  • Österreich

    Aus Österreich ziehen zwischen 100 und 150 Radikale nach Syrien oder in den Irak. Pro eine Million Einwohner sind das 17.

  • Frankreich

    1200 Kämpfer im Irak und in Syrien stammen aus Frankreich. Damit kommen die meisten Europäer dort aus Frankreich. Weltweit kommen nur aus Jordanien, Marokko, Saudi-Arabien und Tunesien mehr. Auf eine Million Einwohner heruntergerechnet macht das 18.

  • Schweden

    Zwischen 150 und 180 Schweden kämpfen als Extremisten. Pro eine Million Einwohner sind das 19.

  • Dänemark

    Dänemark gehört zu den Ländern mit einem der größten Probleme, was radikale Islamisten angeht. Zwischen 100 und 150 Dänen sind nach Syrien oder in den Irak gezogen, um zu kämpfen. Das entspricht 27 Kämpfern pro eine Million Einwohner.

  • Belgien

    Pro eine Million Einwohner in Belgien sind 40 in den Irak oder nach Syrien gezogen. Insgesamt sind es 440.

Bis jetzt führen Sie die gesamte Attraktivität des IS auf gesellschaftliche Mängel im Westen zurück. Dabei ist der Diskurs um den IS vor allem ein religiöser. Welche Rolle spielt die Religion beim IS?

Der IS bläst die Religion auf. Er selbst macht Geschäfte mit Ölverkäufen und dem Drogenhandel, was nicht besonders religiös ist. Gleichzeitig instrumentalisiert er die Religion als Hülse und verleiht ihr politische Stärke. Sie bietet Sinn, wo der Westen den Jugendlichen keine Sinnangebote mehr macht. Das ist sehr verlockend.

Und sie macht große Verheißungen.

Ja, zumindest kurzfristig bietet der Fundamentalismus Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle und Einfluss. Als IS-Anhänger ist man Teil einer Gruppe, die die ganze Welt aufmischt, man kriegt ein überborderndes Machtgefühl – in manchen Lebensphasen ist das sehr attraktiv. Zuletzt bietet die Religion ganz einfache Erklärungen über die Welt und liefert Rechtfertigungen für die Gräueltaten. Bei Denis Cuspert...

… dem deutschen Gesicht des IS…

... ist zu beobachten, wie er religiöse Symbole verwendet, um einen Teil seiner kriminellen Vergangenheit zu verklären und sich gewissermaßen religiös neu aufzumachen und einzukleiden. Das machen viele Jugendlichen. Die radikale Religion ist als Einflussmittel sehr effektiv und lässt manch einen verdrängen, dass er in den Krieg zieht und keineswegs in eine paradiesische Welt, wie der IS sie in seinen Videos inszeniert.

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