Terrorismus: Vom Knast in den Dschihad

Terrorismus: Vom Knast in den Dschihad

, aktualisiert 24. Oktober 2016, 08:20 Uhr
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Knapp ein Drittel aller europäischen Dschihadisten wurden in Gefängnissen radikalisiert.

von Martin LechtapeQuelle:Handelsblatt Online

Gefängnisse als Rekrutierungszentren für den Dschihad? Eine Studie aus London zeigt: Viele europäische „Gotteskrieger“ werden im Gefängnis von Predigern vom Gotteskrieg überzeugt. Auch in Deutschland sind Fälle bekannt.

DüsseldorfFür Harry Sarfo, den ehemaligen Fußballtorwart aus Bremen, beginnt die Reise in den Dschihad in einer kleinen Zelle. Weil er mit Freunden einen Supermarkt ausraubte, wurde der 23-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. In seiner ersten Woche in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremen lernt Sarfo René Marc Sepac kennen.

Der Mitgefangene von Sarfo gilt als überzeugter Salafist. Also einer, der mit Gewalt die Ausrichtung der Gesellschaft und des Staates im Sinne ihrer Deutung des Islam durchsetzen will. Bevor Sepac in der Bremer JVA landete, verbreitete er für Osama bin Laden Propagandavideos im Internet. Zwei Mal versuchte er, in ein Terror-Camp zu reisen.

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„Sepac sagte zu mir: "Das ist Islam. Das, was Du bis jetzt praktiziert hast, ist kein Islam."“, sagte Sarfo Jahre später bei seiner Vernehmung zu der Polizei. Sarfo glaubte ihm. Drei Jahre nach seiner Freilassung, im April 2015, reist Sarfo zum Islamischen Staat (IS) nach Syrien, um sich zum Terroristen ausbilden zu lassen.

Eine kriminelle Vorgeschichte wie Sarfo haben viele der Männer, die heute für den IS in Syrien kämpfen. 27 Prozent aller europäischen Dschihadisten wurden im Gefängnis von islamistischen Predigern radikalisiert. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des King's College in London.

Die englischen Wissenschaftler untersuchten die Lebensläufe von 79 Dschihadisten aus Deutschland, Belgien, Großbritannien, Dänemark, Frankreich. Dabei fanden sie heraus, dass über die Hälfte der Dschihadisten im Gefängnis saß, bevor sie sich einer Terrororganisation anschlossen. Von den 15 in der Studie untersuchten deutschen Dschihadisten saßen sechs vor ihrer Festnahme bereits wegen kleinerer Delikte im Gefängnis. Zwei von ihnen radikalisierten sich in deutschen Gefängnis.

„Die Gefängnisse entwickelten sich zu Rekrutierungszentren von Dschihadisten“, heißt es in der vergangene Woche veröffentlichten Studie. Der IS konzentriere sich bei ihren Rekrutierungsbemühungen nicht so sehr auf Hochschulen oder religiöse Einrichtungen, sondern zusehends auf sozial Schwache und Kriminelle.

In Gefängnissen seien leicht „wütende junge Männer“ zu finden, die für eine Radikalisierung „reif“ seien und im Kampf an der Seite der Dschihadisten eine Form der „Erlösung“ sehen, so die britischen Wissenschaftler. Dschihadisten könnten dann auf „übertragbare Fertigkeiten“ wie Erfahrungen im Waffengebrauch und bei der kriminellen Geldbeschaffung zurückgreifen.

„Die Prediger des IS und von Al-Qaida sind eher ruhige, defensive Typen. Sie suchen sich ihre Rekruten aus und sprechen diese dann gezielt an“, sagt Oliver Rast, Sprecher der deutschen Gefangenen-Gewerkschaft und Ex-Häftling. Während seiner Haftstrafe in der JVA-Berlin-Tegel seien ungefähr sechs Anhänger einer islamistischer Gruppen mit ihm inhaftiert gewesen, so Rast. „Radikale Islamisten werden zu Trendsettern in den Gefängnissen. Es ist in Mode, sich den Islamisten anzuschließen.“


Die Terroristen im Gefängnis sind vernetzt

Die Verlockung im Gefängnisalltag ist groß, denn die Islamisten bieten eine Art Ersatz-Familie. Sie bezeichnen sich als „Brüder und Schwestern“, sie bieten Schutz vor anderen Häftlingen und sie sind gut organisiert.

„Al Asraa“ – heißt das Netzwerk, das Anwälte an angeklagte Dschihadisten vermittelt, Spenden sammelt und Briefe an die „Brüder und Schwestern“ in den Gefängnissen schickt. Laut Homepage hat „Al Asraa“ Kontakt zu 42 Gefangenen. Unter ihnen Arid U., der zwei US-Polizisten am Frankfurter Flughafen tötete und Marco G., der einen Bombenanschlag am Bahnhof in Bonn plante.

Es gehe ihnen vor allem darum, persönlichen Kontakt zu islamischen Gefangenen zu organisieren und „muslimischen Gefangenen und ihren Familien beizustehen“, schreiben die Betreiber auf ihrer Facebook-Seite. „Man darf aber davon ausgehen, das es den islamischen Gefangenenhilfen auch um die Verbreitung ihrer Ideologie in den Gefängnissen geht“, sagt ein Häftlingsvertreter.

Den Sicherheitsbehörden ist das Netzwerk bekannt, sie setzen auf Prävention und Überwachung. Fingerabdruckscanner, Observation einzelner Prediger und Deradikalisierung der bekannten IS-Häftlinge. „Die Dschihadisten sind in den Gefängnissen nicht sehr beliebt, sie sind eher Außenseiter“, sagt Marcus Strunk, Sprecher des Justizministeriums in Nordrhein-Westfalen. Es sei nicht richtig, dass die islamistischen Prediger in deutschen Gefängnissen große Reden halten und massenhaft neue Leute rekrutieren würden, so Strunk. Er sieht das Problem eher in Belgien und Frankreich.

Harry Sarfos Traum vom gerechten Gottesstaat zerplatzt bereits nach wenigen Wochen im Terror-Camp. Steinigungen, Enthauptungen, Erschießungen, abgeschlagene Hände – davon hatte Sepac aus der JVA Bremen nie etwas erzählt. Nach einer Hinrichtung von sechs Gefangenen flieht Sarfo. Eine mögliche Beteiligung an der Tat warf zuletzt neue Fragen auf.

Zurück in Deutschland wird Sarfo noch am Flughafen in Bremen verhaftet und im Sommer 2015 wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Heute lebt Sarfo nur 60 Kilometer entfernt von seiner alten Zelle in Bremen – in der JVA Oldenburg endet Sarfos Reise in den Dschihad.

Quelle:  Handelsblatt Online
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