Theologe Bülent Ucar: "Islamischer Calvinismus"

Theologe Bülent Ucar: "Islamischer Calvinismus"

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Bülent Ucar

Der muslimische Theologe Bülent Ucar über die Probleme mit Migranten und den Einfluss seiner Religion auf die Wirtschaft.

WirtschaftsWoche: Herr Professor, islamische Zuwanderer, meinen viele, können oder wollen sich nicht in die Strukturen hierzulande einfügen. Wie sehen Sie das?Bülent Ucar: Muslime aus einfachen Verhältnissen wurden in den Sechziger- und Siebzigerjahren in großer Zahl als Arbeitskräfte nach Deutschland geholt. Es wurden nur einfache Gastarbeiter gesucht, die hart und fleißig in den Zechen und Stahlbetrieben beim Aufbau dieses Landes mitarbeiteten. Niemand hat damals in die Zukunft der türkischen Kinder investiert. Sie galten ja noch bis in die Neunzigerjahre als Ausländer und nur zeitweilige Gäste.

Ganz grundsätzlich: Islamische Religion und moderne Wirtschaft, passt das überhaupt zusammen?Warum nicht? Etwa wegen des Zinsverbots? Wirtschaftliche Missstände einfach auf den Islam schieben ist zu platt. Die Geschichte kennt viele Gegenbeispiele, und heute gibt es mehrere wirtschaftlich erfolgreiche muslimische Nationen: am Golf, in Südostasien – und inzwischen auch die Türkei. Natürlich ist das Bruttosozialprodukt der islamischen Länder insgesamt sehr niedrig – aber warum? Die meisten werden von korrupten Diktatoren oder Familienclans regiert. Gewaltenteilung, Demokratie und Rechtsstaat fehlen. Meines Erachtens ist das der eigentliche Grund.

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Alle Religionen haben eine eigene Wirtschaftsethik und Wirtschaftsmentalität. Was legt der Islam seinen Gläubigen nahe? Luxuskonsum wie bei den Ölscheichs? Oder eher Fatalismus und Lethargie, weil sowieso alles vorherbestimmt ist?

Weder noch. Der Prophet sagt: Neun Zehntel des Einkommens liegt im Handel. Verinnerlicht wurde das durch die Muslime in der Geschichte leider nicht wirklich. Doch grundsätzlich gilt: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied in einer freien Marktwirtschaft. Gleichzeitig ist jeder Wohlhabende verpflichtet, einen Teil seines Geldes für Bedürftige zu spenden, das ist die soziale Komponente. Das Verbot von Spekulationsgeschäften, von Zinsen und von Handel mit unislamischen Gütern gibt die wesentlichen Grenzen wieder.

Was folgt daraus?

Einerseits sind Verschwendung und Luxus prinzipiell verpönt, andererseits ist der Muslim wegen des Zinsverbots und der Inflationsgefahr gezwungen, sein Geld in reale Wirtschaftsgüter zu investieren. Man kann darum von einem islamischen Calvinismus sprechen.

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