Thilo Sarrazin: "Es regiert die Gleichheitsideologie"

Thilo Sarrazin: "Es regiert die Gleichheitsideologie"

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Thilo Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben.

von Henning Krumrey

Thilo Sarrazin kritisiert, dass es in Deutschland zunehmend Denkverbote gäbe. In der Euro-Rettung und in der Genderdebatte müssten auch kritische Stimmen gehört werden.

Herr Sarrazin, in Ihrem neuen Buch prangern Sie Sprechverbote und Meinungsterror an, also die political correctness. Beobachten Sie so etwas auch in wirtschaftspolitischen Debatten?

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Sarrazin: Eines vorweg: In jeder Gesellschaft gibt es Grenzen des Sagbaren. Wer dagegen verstößt, muss mit Sanktionen rechnen. Das muss auch so sein, sonst könnte eine freie Gesellschaft nicht funktionieren. Den Begriff political correctness verwende ich aber bewusst nicht, weil der schon geistig in die Irre führt. Natürlich will ich mich korrekt verhalten, nicht inkorrekt!

Wo liegt dann das Problem?

Sarrazin: Ich beobachte, dass sich die Bandbreite dessen, was man sagen darf, in den vergangenen Jahren immer weiter verengt. Ich bin jetzt 69 Jahre alt, kann also gut 50 Jahre Mediendebatten überblicken. Gerade in den letzten 20 Jahren ist ihr Meinungsspektrum immer schmaler geworden, und es hat sich verschoben.

 

Sie verkaufen ihre Bücher mit Millionenauflage. Dass Sie sich nicht äußern könnten, können Sie nicht ernsthaft behaupten.

Sarrazin: Natürlich darf ich schreiben und sagen, was ich will. Es geht aber darum, was man öffentlich äußern kann, ohne dafür an den Pranger gestellt oder anders sanktioniert zu werden – formal, moralisch oder durch Häme. Ich habe ein Grundmuster der Sprechverbote identifiziert, das sich in vielen Ausprägungen niederschlägt. Das ist der Gleichheitswahn.

"Buch über Meinungsfreiheit" Sarrazin schreibt sich in Rage

Der streitbare SPD-Politiker schreibt in seinem neuen Buch über die „Grenzen der Meinungsfreiheit“. Er rechnet darin gnadenlos mit den Medien ab und verliert dabei gelegentlich das Thema aus den Augen.

Der ehemalige Bundesbankpräsident und Buchautor, Thilo Sarrazin, schimpft in seinem neuen Buch über die Medien. Quelle: dpa

Was verstehen Sie darunter?

Sarrazin: Alle natürlichen, alle angeborenen Unterschiede werden einfach geleugnet: zwischen klugen und dummen Menschen, fleißigen und faulen Menschen, Frauen und Männern. Es soll keine Unterschiede geben. Und wenn sie sich nicht leugnen lassen, dann sollen sie wenigstens keine Bedeutung haben. Solche Tendenzen beobachte ich auch in den Wirtschaftsmedien, weil ja auch deren Redakteure keine wesentlich andere Sozialisation erfahren haben als andere Journalisten – außer dass sie vielleicht Wirtschaftswissenschaften studiert haben.

 

Wo sehen Sie das?

Sarrazin: Nehmen Sie die Einwanderungs- oder die Eurodebatte, die schrecklich vereinseitigen und vereinfachen. Auch da regiert die Gleichheitsideologie: Wir haben eine Welt, es gibt keine Unterschiede, deshalb brauchen wir auch überall die Einheitswährung und den Einheitsbürger. Es soll allen gleich gut gehen und deshalb ist Einwanderung prinzipiell eine gute Sache.

Die Schweizer haben das gerade anders entschieden.

Sarrazin: Mich amüsiert diese beinahe verklemmte Rezeption, mit der über die Schweizer Einwanderungsentscheidung hergezogen wird. Ich habe noch in keiner deutschen Zeitung gelesen, dass die Schweizer – egal, ob man die Entscheidung richtig oder falsch findet – ein Kernelement jeder Volkssouveränität wahrgenommen haben: Wir haben zu entscheiden, wer in unserem Land leben darf. Das entscheiden keine Organe außerhalb des Landes.

 

Und beim Euro?

Sarrazin: Der Euro kommt aus dem Versuch Deutschlands, sich als Nation aufzugeben und einzubringen in ein größeres Ganzes jenseits des Nationalstaates. Das geben ja Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl auch ganz klar zu. Die Schweizer sehen das anders, die Franzosen auch, die Polen sowieso. Das ist also eine unhistorische Bemühung  Aber bei uns heißt der Obersatz: Der Euro ist etwas Wunderbares! Alles Nationale geht weg, das Europäische wird überhöht und moralisiert.

 

Sie meinen Kanzlerin Merkels Standardspruch?

Sarrazin: Angela Merkel bringt das auf den Punkt: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Das kann und soll man gedanklich verlängern: Scheitert Europa, dann scheitert der Frieden. Dann haben wir wieder Krieg. Also: Wer gegen den Euro ist, möchte mindestens zurück in das Zeitalter der Nationalstaaten, die sich waffenklirrend gegenüber standen. Wenn nicht gar zurück in die Zeit, als man von einer militärischen Vormachtstellung Deutschlands träumte. Vielleicht will man so die eigentliche Sachfrage vermeiden: Ist diese Gemeinschaftswährung richtig konstruiert, und kann die Rettungspolitik überhaupt funktionieren?

 

Buchcover "Der neue Tugendterror" von Thilo Sarrazin Quelle: Presse

Das neue Buch von Thilo Sarrazin erscheint für 22,99 Euro im DVA-Verlag

Bild: Presse

Aber die Debatten finden doch statt: In den Medien, in der Politik, insbesondere auch in der Wissenschaft.

Sarrazin: Natürlich finden Debatten statt – schon weil man ja nicht die ganze Wissenschaft umdrehen kann. Es war ja kein Zufall, dass 1999 etwa 80 Prozent aller deutschen Ökonomen gegen die Einheitswährung waren; dass bei den Geldpolitikern und Geldtheoretikern vorwiegend Skepsis herrscht. Das bekommt man nicht in den Griff. Ich habe aber sehr nah mitbekommen, wie Finanzminister Wolfgang Schäuble versuchte, die Vertragsverlängerung von Professor Hans-Werner Sinn am Ifo-Institut zu unterbinden, weil er hier feindliche Propaganda befürchtete. Umgekehrt wurde Marcel Fratzscher von der Politik gezielt im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung installiert, weil er mit seiner Herkunft aus der EZB ein Gegenpropagandist ist.

In den Parteien – insbesondere in CDU und FDP – werden Euro-Kritiker gezielt ausgegrenzt.

Sarrazin: Da ist es ganz klar: Wer Kritik an der Gemeinschaftswährung übt, wird nicht mal stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Verbraucherschutz. Das ist das absolute Karriereende. Das gilt für die SPD genauso wie in der CDU, und sogar in der angeblich liberalen FDP. Deshalb findet die Debatte in den Parteien gar nicht mehr statt. Da herrscht ein tumbes Durchwinken, egal, was von oben kommt. Auch der ansonsten von mir geschätzte Frank-Walter Steinmeier bleibt beim Thema Euro und Europa in öffentlichen Äußerungen weit unter seinen geistigen Möglichkeiten.

Werfen Sie Merkel, Schäuble und Steinmeier vor, dass sie gezielt Debatten abschneiden?

Sarrazin: Frau Merkel und Herr Schäuble haben die Tendenz, Debatten zu unterdrücken. Aber mein Buch handelt ja vor allem von Medien, und Medien beeinflussen ganz stark die Politik. Aus meiner eigenen Erfahrung als ehemaliger Politiker kann ich sagen: Politiker interessieren sich nicht dafür, was das Volk sagt, sondern was die Medien dem Volk sagen.

 

Jetzt sagen Sie bitte nicht wie Schröder: Bild, BamS, Glotze!

Sarrazin: Politiker gucken auf die Medien, denn das Volk lernen sie ja gar nicht mehr kennen, allenfalls noch die Kellnerin. Als ich in Berlin Finanzsenator war, hatte ich auf meiner Beobachtungsliste natürlich die Lokalpresse und gewisse Wirtschaftsjournalisten. Das waren acht bis zehn Leute, denen musst Du Deine Politik erklären, zu denen musst Du ein vernünftiges Arbeitsverhältnis aufbauen. Dann brauchst Du Dir um Deine mediale Darstellung keine großen Sorgen zu machen. Die meisten Politiker handeln da ganz rational. Politiker sind auch keine Wissenschaftler, müssen sie auch nicht sein. Wenn sie mal einen Standpunkt gefunden haben, müssen sie ihn auch durchsetzen. Wenn Schäuble, Merkel und der Fraktionsvorsitzende Kauder in ihrer Partei alle Eurokritiker wegbeißen, dann ist das nicht sehr fein. Aber so ist das in der Politik.

 

Mit ihrer Position müssten Sie sich ja eher mit der AfD anfreunden können als mit Ihrer eigenen Partei, der SPD?

Sarrazin: Tatsächlich kommt die einzige fundamentale Gegenposition von der AfD, in der sich ja einige kluge Ökonomen versammelt haben, und aus der linken Hälfte der PDS. In der Eurofrage verbindet mich mit Sahra Wagenknecht mehr als mit allen etablierten Parteien. Es bleibt ja gar nichts anderes mehr übrig. Dass nicht mehr offen über die Probleme der Einheitswährung gesprochen wurde, hat uns ja gerade in die aktuelle fatale ökonomische Lage geführt, in der wir sind.

In den Unternehmen schlägt sich das in Frauenquoten nieder. Sehen Sie darin eine Gefahr für die Unternehmen?

Sarrazin: Ich sehe das vor allem mit einer gewissen Heiterkeit. Die Unternehmensvertreter sind hilflos und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Ingenieurwissenschaftliche Studiengänge werden mit überwiegender Mehrheit von Männern belegt.. In den Kulturwissenschaften ist es genau umgekehrt.. Beides hat sich auch nicht wesentlich über die vergangenen Jahrzehnte geändert. Wenn es einigermaßen gerecht zugeht, wird die Zusammensetzung der Unternehmensleitungen in 20 bis 25 Jahren die Zusammensetzung der heutigen Studienjahrgänge abbilden. Und wenn Sie dann auf die Ingenieure schauen – immer noch 80 Prozent Männer unter den Studenten -, dann wird sich in den Unternehmen nicht viel ändern, gar nicht ändern können.

Ist die Studienwahl denn neigungsbedingt oder perpetuiert sich das von selbst. Wenn Frauen sehen: Im Maschinenbau-Unternehmen haben wir es schwer, dann ist es logisch, dass weniger Frauen Maschinenbau studieren.

Sarrazin: Kein 15-jähriges Mädchen denkt über seinen Beruf nach, es folgt seinen Neigungen. Genau wie die Jungs.

Dann hätten wir eine Welt voller Models und Lokomotivführer.

Sarrazin: Nein, schon weil es nicht mehr ausreichend Lokomotiven zu führen gibt.

 

Sind diese Neigungen gesellschaftlich geschaffen oder genetisch bedingt?

Sarrazin: Man kann einen Menschen nicht zerlegen wie Maschinen, um das zu ermitteln. Aber jeder Kindergarten, jede Familie macht im Alltag dieses Experiment. Auch wenn keine Rollen vorgegeben werden, gibt es zwar Jungen, die mit Puppen spielen, aber sie sind in der absoluten Minderheit. Oder nehmen Sie Intelligenztests. Bei Frauen liegen die Ergebnisse seit Jahrzehnten enger zusammen, bei Männern sind sie stets breiter gestreut. Bei Männern ist der Anteil extrem intelligenter Personen deutlich höher, aber eben auch der Anteil extrem dummer Personen. Diese Werte sind stabil, seit es Intelligenztests gibt. Es ist auch immer so, dass Frauen besser bei den sprachlichen Komponenten abschneiden und Männer bei den mathematischen oder denen mit räumlicher Vorstellungskraft. Soll das alles gesellschaftlich geprägt sein?

 

Was heißt das für die Berufswahl?

Sarrazin: Viel spricht dafür, dass mehr Männer für mathematische Studiengänge geeignet sind. Das ist ja auch nicht schlimm. Hinzu kommt, dass weniger junge Frauen naturwissenschaftliche Fächer wählen, weil sie seltener ihren Neigungen entsprechen. Tatsächlich ist es so, dass Frauen in IT-Berufen weit unterrepräsentiert sind, obwohl wir alle diese Technik benutzen.

 

Woher kommt dann ihrer Meinung nach die unterschiedliche Berufswahl bei Männern und Frauen?

Sarrazin: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war in Rheinland-Pfalz und Berlin Chef einer Finanzverwaltung. Dort gibt es schon immer eine strikte Einstellung nach Noten. Zwar haben die Männer die leicht besseren juristischen Staatsexamina, trotzdem verweiblicht der öffentliche Dienst bei den Juristen. Erklärung: Die Männer mit guten Noten gehen in Top-Kanzleien, lassen sich 70 bis 80 Stunden in der Woche ausbeuten und haben ein Anfangsgehalt von 100.000 Euro. Später verdienen sie als Partner 200.000, 300.000 Euro. Die guten Frauen werden überwiegend lieber Sachgebietsleiterin, Richterin oder Staatsanwältin. Sie sind weniger geld- und machtorientiert und sie schätzen die soziale Sicherheit. Wenn man nun vergleicht, was der Examensjahrgang 1990 heute verdient – die sind jetzt alle um die 50 –, dann verdienen die männlichen Juristen etwa 50 Prozent mehr als die Frauen. Aber nicht, weil Frauen ungerecht niedrig bezahlt werden, sondern weil sie andere Arbeitsumstände gewählt haben.

Sie wollen behaupten, es gäbe keine finanzielle Diskriminierung? Männer und Frauen würden eigentlich gleich bezahlt?

Sarrazin: Die um die Beschäftigungsstruktur bereinigte Lohnlücke zwischen Männern und Frauen liegt bei zwei Prozent. Das ist die statistische Unschärferelation. Eine Lohnlücke zwischen Männern und Frauen lässt sich nicht nachweisen. Hier sieht man sehr schön, dass eine ideologisch getriebene Gleichheitsbetrachtung an der Lebenswirklichkeit von Männern und Frauen völlig vorbei geht.

"Europa braucht den Euro nicht" Sarrazin schreibt den Euro ab

Der Ex-Bundesbanker knöpft sich die Gemeinschaftswährung vor. „Europa braucht den Euro nicht“, sagt Sarrazin in seinem neuen Buch. Was drin steht – und wie stimmig es ist.

Quelle: dpa

Soziale Gerechtigkeit ist langfristig wahrscheinlich das Thema, über das in den vergangenen 30 Jahren am häufigsten gestritten wurde.

Sarrazin: Jeder von uns – ich auch – empfindet große Einkommensunterschiede als sozial ungerecht. Das möchten die Menschen nicht akzeptieren, sie fühlen sich damit unwohl. Was vielen schwer fällt ist zu erkennen, dass es angeborene Unterschiede in der Begabung und im Temperament gibt. Und die führen auch in der gerechtesten Gesellschaft immer wieder zu ungleichen Ergebnissen. Der eine hat bei allem Bemühen eben die Hauptschule nur knapp geschafft und arbeitet in einem Blumenladen, und der andere ist leitender Ingenieur. Der eine verdient, wenn er eine Stelle hat, 1500 Euro, der andere vielleicht 7000 oder 8000 Euro im Monat. Das wirkt ungerecht, weil sich beide bemüht haben. Natürlich müssen wir da angleichen und etwas umverteilen – deshalb bin ich ja Sozialdemokrat geworden. Aber wir müssen es in dem Bewusstsein tun, dass die Menschen ungleich sind und wir gerade die begabtesten unter ihnen brauchen. Sonst wird das finanziell nicht funktionieren.

 

Wie viel Gleichheit verträgt denn ein ökonomisches System?

Sarrazin: Ich behaupte, nur 10 Prozent der Bevölkerung wären überhaupt in der Lage, ein Mathematikstudium zu schaffen. Ich gehöre übrigens nicht dazu. Ich habe schon mit Mathematik für Volkswirte genug zu kämpfen gehabt. Aber aller technischer Fortschritt hängt von Mathematik ab, also von einer kleinen Minderheit. Diese Knappheit muss bezahlt werden.

 

Das Einkommen kann dann aber auch wieder abkassiert und umverteilt werden.

Sarrazin: So einfach geht das nicht mehr. Bei vielen Freunden und Bekannten beobachte ich, dass sie alle ihre Kinder für eine Zeit ins Ausland schicken, auch damit sie gut Fremdsprachen lernen. An den deutschen Universitäten werden Vorlesungen und Übungen teilweise auf Englisch gehalten. Wir ziehen also eine international bewegliche Elite heran, die jederzeit woanders hingehen kann. Diese Falle hat die deutsche Politik noch gar nicht bemerkt. Wir können unsere Steuern nicht mehr beliebig erhöhen. Schon heute hindert die Steuerlast die jungen Leute daran, Vermögen zu bilden. Wir untergraben damit die Kapitalbildung unserer Leistungsträger. Irgendwann sagen die sich: Dann gehe ich in die Schweiz, da verdiene ich brutto mehr und die Steuern sind auch noch geringer.

 

Wer legt gesellschaftlich fest, wie viel Umverteilung sein darf oder sein muss?

Sarrazin: Es gibt keine objektiven Gerechtigkeitsmaßstäbe. Das ist ein Ergebnis des gesellschaftlichen Diskurses. Wobei man wissen muss: Wenn man es in die eine oder andere Richtung übertreibt, fängt man sich Nachteile ein. Wir hatten eine jahrzehntelange Debatte über die richtige Höhe der Unternehmensbesteuerung. Es war ein Meilenstein, als wir endlich die Definitivbelastung deutscher Unternehmen auf 28,5 Prozent gedrückt haben.

Haben wir zu viel Umverteilung oder ist sie nur falsch konstruiert, bekommen es die Falschen?

Sarrazin: Ich persönlich würde alle leistungs-unabhängigen Einkommenstransfers radikal begrenzen. Natürlich brauchen wir für jeden eine Mindestsicherung, ob man das Hartz IV nennt oder Grundsicherung in der Rente, das ist egal. Aber die Kinderförderung sollten wir komplett umbauen: Nur wer in einer stabilen, formalisierten Beziehung lebt, bekommt den materiellen Vorteil des Ehegattensplittings. Sonst nicht. Den Rest des Geldes sollten wir in Bildungsförderung und Kitas stecken. Es muss unattraktiv sein, Kinder zu bekommen, wenn man nicht weiß, wie man sie ernähren kann. Und es muss unattraktiv sein, Kinder zu bekommen, wenn man nicht in einer stabilen Beziehung lebt. Und für diejenigen, die in einer stabilen Beziehung leben, muss es wesentlich attraktiver sein als heute. Das geht am besten über die Steuer.

Wäre es dann nicht konsequent, ein Familiensplitting einzuführen?

Sarrazin: Ich hätte gar nichts dagegen. Dann wird das Einkommen auf mehr Köpfe verteilt, und je mehr Köpfe, desto stärker sinkt die Steuerlast. So macht es Frankreich, mit dem Ergebnis, dass dort auch die Besserverdienenden relativ viele Kinder bekommen. Bei uns ist aus ideologischen Gründen der Vorteil auf die Höhe des Kindergeldes beschränkt. Dadurch haben wir für alle, die mehr verdienen, null Anreiz, Kinder zu bekommen. Da sind wir in einem ideologischen Grabenkampf. Für mich ist es ein Unterschied, ob der Staat sagt: Du musst weniger Steuern zahlen, wenn Du Kinder hast – dann lässt er mir das Geld für meine eigene Entscheidung. Oder ob der Staat sagt: Du bekommst Geld, weil Du Kinder bekommst. Dann geht es um Geld, das ich nie erwirtschaftet habe. Klar ist, dass die weniger Erfolgreichen und Gebildeten überdurchschnittlich viele Kinder bekommen, wenn der Sozialstaat Kinder höher prämiert, als man für die rein physische Ernährung braucht. Aber wenn man das diskutiert, wird man hart attackiert.

Streitgespräch Sarrazin/Wagenknecht "Bei Spanien müssen wir höllisch aufpassen"

Thilo Sarrazin und Sahra Wagenknecht streiten über die Euro-Krise, die Verantwortung der Banken - und wie es mit Griechenland und Spanien weitergeht.

Thilo Sarrazin und Sahra Wagenknecht streiten über den richtigen Weg aus der Euro-Krise. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Derzeit erleidet die Bundesregierung ein Trommelfeuer der Kritik wegen ihrer Rentenpolitik. Finden Sie das gerecht?

Sarrazin: Der Aufschrei kam spät. Als die Wahlprogramme geschrieben und diskutiert wurden, habe ich davon nicht viel gelesen und gehört. Das ist sehr unkritisch begleitet worden.

 

Es konnte ja keiner ahnen, dass Wahlprogramme nach der Wahl auch umgesetzt werden.

Sarrazin: Man muss bei aller Kritik auch die Schizophrenie unserer Bürger sehen. Zum einen ist der Anteil der Wähler, die Rente beziehen oder kurz davor stehen, schon bei über 40 Prozent. Deshalb befürwortet die Mehrheit der Bürger die aktuellen Rentenpläne. Aber gleichzeitig sagt eine Mehrheit: Die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme wird immer unsicherer – was auch stimmt. Das Verhältnis von jungen Beitragszahlern zu Rentnern verschiebt sich immer weiter. Dazu muss man nicht viel Mathematik können.

 

Ist das der Sieg des Egoismus?

Sarrazin. Nicht nur. Wer eine Familie hat, denkt an die Zukunft, an die Kinder und Enkel. Da reicht der Horizont bis 2070 oder gar bis 2100. Wenn aber ein immer größerer Teil der Menschen keine Kinder hat, schrumpft das Interesse an der Zukunft, oder es wendet sich vom Konkreten ins Abstrakte. Das ist besonders absurd. Dann denkt man nicht darüber nach, ob es der nächsten Generation in Deutschland gut gehen kann, sondern wie es den Elefanten in der Serengeti geht, oder wie inhuman es ist, Giraffen im Kopenhagener Zoo totzuschießen.

 

Zurück zur Rente: Ist die Rente mit 63 gerecht? Die Bundesregierung hat den Slogan erfunden: Nicht geschenkt, sondern verdient.

Sarrazin: Die ganz großen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen waren immer jene, wo jemand glaubte, es gebe eine allgemeine Formel für Gerechtigkeit. Kenneth Arrow hat mit dem Arrow-Paradoxon mathematisch nachgewiesen, dass es unter realistischen Bedingungen nicht möglich ist, eine gesamtgesellschaftlich logisch konsistente Präferenzfunktion zu finden. Aber nur wenn es diese gäbe, könnte ich den Schaden des einen mit dem Nutzen des anderen vergleichen und ein gesamtgesellschaftliches Optimum finden, ähnlich dem Pareto-Optimum. Das geht aber nicht. Also gibt es immer ein Stück weit Wertung und Willkür.

Also kann die Regierung frei schalten und walten?

Sarrazin: Natürlich kann man sagen: Es ist ungerecht, dass Mütter, die Kinder nach dem Jahr 1992 geboren haben, begünstigt wurden und die anderen nicht – so ist ja bisher die Gesetzeslage. Es ist aber auch ungerecht, dass ein hart arbeitender Mensch, der 1955 in Pension ging, nur noch sieben Jahre lebte und in heutiger Kaufkraft eine schmähliche Rente von 600 Euro bekam, während ein heutiger Pensionist noch 15 Jahre lebt und eine doppelt so hohe Rente kassiert. Die Welt ist überhaupt voller Ungerechtigkeiten. Es ist ungerecht, dass mein erstes Buch 1,4 Millionen Mal verkauft wurde, während wissenschaftlich wesentlich bessere Bücher, die vielleicht auch einen höheren langfristigen Wert haben, bloß 3000 Mal verkauft wurden. Natürlich ist das ungerecht. Alles ist ungerecht. Deshalb muss man die Welt unter dem Aspekt pragmatischer Funktionalität einrichten.

Vergleich mit AKW-Demos Sarrazin macht Front gegen Türken-Protestler

Die Demonstranten in der Türkei lassen nicht locker. Am Wochenende protestierten sie wieder gegen ihre Regierung. Thilo Sarrazin kann dem Aufstand nichts abgewinnen und stellt die Anliegen der Protestler infrage.

Thilo Sarrazin kann dem Aufstand in der Türkei nichts abgewinnen und stellt die Anliegen der Protestler infrage. Quelle: dapd

Was heißt das für die Rente?

Sarrazin: Die Politik muss sich fragen, wem sie dient: dem Wohlbefinden ihrer aktuellen Wähler ohne Ansehung der Zukunft? Dann handelt sie jetzt richtig. Oder dient sie den langfristigen Interessen derer, die im Jahre 2050 in Deutschland leben? Dann handelt sie falsch. Die Regierung hat eine ganz eindeutige Abwägung vorgetragen: Sie dient den Interessen derer, die sie wählen. Das verhindert langfristige Politik.

 

Beim Kampf gegen den Klimawandel geht es gerade um langfristige Probleme. Gefällt Ihnen das wenigstens?

Sarrazin: Mir will es nicht in den Kopf, dass man Milliarden ausgibt, um die Frage zu beantworten, ob es im Jahre 2120 an der Ostsee im Sommer durchschnittlich zwei Grad kälter oder wärmer sein wird oder ob in Lindau am Bodensee noch ein paar Palmen mehr wachsen werden. Die Antworten werden hier immer unsicher sein. Aber Fragen, auf die es ganz klare und eindeutige Antworten gibt, werden vernachlässigt. Politik bedient Gefühle und kümmert sich nicht um die Wirklichkeit. Sie bedient das Gefühl der Stadtmenschen am Prenzlauer Berg, bei denen die Gasetagenheizung gut funktioniert, die sich aber um das Weltklima sorgen. Und sie bedient das Gefühl von deren Eltern, dass sie jetzt eine ordentliche Rente bekommen. Die Folgen spielen keine Rolle.

 

Wer soll die Maximen definieren, was heute als sozial gerecht gilt: Soziologen, Ökonomen, die Politik, die Gewerkschaften, die Kirchen?

Sarrazin: Das ist eine gute Frage. In einer Demokratie muss darüber öffentlich gestritten werden. Aber man muss gesellschaftliche Debatten so führen, dass sie zu vernünftigeren Ergebnissen führen. Dazu soll mein Buch einen Beitrag leisten. Diese Debatten werden umso besser, wenn sie von umfassend informierten Menschen geführt werden.

"Buch über Meinungsfreiheit" Sarrazin schreibt sich in Rage

Der streitbare SPD-Politiker schreibt in seinem neuen Buch über die „Grenzen der Meinungsfreiheit“. Er rechnet darin gnadenlos mit den Medien ab und verliert dabei gelegentlich das Thema aus den Augen.

Der ehemalige Bundesbankpräsident und Buchautor, Thilo Sarrazin, schimpft in seinem neuen Buch über die Medien. Quelle: dpa

Dazu gehört, dass alle Meinungen vorgetragen und verbreitet werden. Dazu gehört auch, dass man den Mund bei Themen hält, von denen man nichts versteht. Sie werden bei all meiner Meinungsfreudigkeit kein einziges öffentliches Wort zur Energiewende finden, weil meine Gedanken dazu noch unfertig sind. Derzeit bestehe ich da nur aus Vorurteilen.

 

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Das könnte dann ja in ein paar Jahren das nächste Buch werden.

Sarrazin: Daran habe ich auch schon gedacht. Aber das muss ich mir erst erarbeiten.

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26 Kommentare zu Thilo Sarrazin: "Es regiert die Gleichheitsideologie"

  • Sehr geehrter Herr Sarrazin,

    aus Ihren Antworten spricht die reine Vernunft. Bei anderen liest man an entsprechender Stelle Unwahrheiten, Gemeinplätze, Polimisierung und Diffamierung.

    Vielen Dank, dass Sie trotz aller Anfeindungen mit Ihre Ansicht in die Öffentlichkeit gehen.

  • Ich teile nicht immer seine Meinung, aber es ist ein guter Mann ! Besser als das meiste, was wir da in Berlin in Regierung und Opposition sitzen haben ...

  • Es zeugt von journalistischer Unabhängigkeit, einen der wichtigsten Mahner der politischen Gegenwart zu Wort kommen zu lassen und sich nicht von der von Sarrazin zu Recht beklagten political correctness davon abhalten zu lassen. Das unterscheidet die WiWo von anderen "Leitmedien", deren Kolumnisten sich nicht entblöden, stolz darauf zu sein, seine Bücher nicht zu lesen.
    G.A.Geiger

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