TK-Gesundheits-Report Job? Mehr Last als Lust

Überlastung, Stress, Termindruck: Arbeitnehmer leiden immer häufiger unter ihrem Job, zeigt eine Studie. Selbst in der Freizeit bekommen viele den Beruf nicht aus ihrem Kopf. Das hat Folgen – auch für den Arbeitgeber.

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Die Fakten zum BKK-Gesundheitsreport 2015
Zettel Depression Quelle: dpa
Eine Frau an einem See Quelle: dpa
Eine Frau Quelle: dpa
Schild mit der Aufschrift Arzt Quelle: dpa
Ein Mann ist überfordert Quelle: dpa
Rentenbescheid Quelle: dpa

Die Arbeit wird für immer mehr Menschen von der Lust zur Last. Dies belegt eine neue Studie der Techniker-Krankenkasse (TK). Seit 2002 betreibt die Kasse mit eigenen Beratern aktives Gesundheitsmanagement in Betrieben. Nun hat sie insgesamt 29 Einzelbefragungen von fast 9.000 Arbeitnehmern mehr als Jahre ausgewertet.

Vertreten waren Betriebe aus dem produzierenden Gewerbe genauso wie Dienstleistungsunternehmen und der Öffentliche Dienst. Ziel der Untersuchung war herauszufinden, wie die Arbeitsbelastung mit der Zeit verändert hat. Zwar sind sieben von zehn Befragten mit ihrer Jobsituation insgesamt immer noch zufrieden.

„Doch der Belastungslevel steigt“ sagt der Vorstandschef der TK, Jens Baas. „Wir haben die zwölf Jahre in zwei Befragungszeiträume aufgeteilt. Dabei zeigt sich, dass in der ersten Phase von 2002 bis 2009 nur drei von zehn Befragten angaben, dass sie ihre Arbeit auch nach Feierabend stresst. Im späteren Zeitraum der Jahre 2010 bis 2015 sagten das fast zwei Fünftel der Befragten.“

Symptome einer Depression

Dabei ist besonders bemerkenswert, dass der Anteil der Arbeitnehmer, die sich Arbeit mit nach Hause nehmen, in den zwölf Jahren kaum gestiegen ist. Zugenommen hat aber die Unzufriedenheit mit dieser Situation. Das Verschmelzen von Arbeit und Privatleben steigt mit der Position im Unternehmen. Zwei Drittel der befragten Führungskräfte geben an, sich auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeit mit beruflichen Belangen zu befassen. Von ihnen empfindet immerhin jeder zweite das als Belastung. Unter der Beschäftigten ohne eigene Führungsverantwortung sagen allerdings drei von vieren, dass sie sich durch diese Situation gestresst fühlen.

Auch sonst hat die Zufriedenheit mit dem Job eher abgenommen. Beklagten sich vor 2009 vier von zehn Arbeitnehmern über eine ziemlich oder sehr starke Zusatzbelastung, waren das im Befragungszeitraum der vergangenen fünf Jahre bereits die Hälfte der befragten Arbeitnehmer. Nur 12,7 Prozent sind mit ihrer Arbeitssituation rundum zufrieden. Als überhaupt nicht oder kaum zufrieden bezeichnen sich 30 Prozent.

Der Stress im Job


Ein Grund dafür ist zunehmender Stress im Job. Der kann viele Ursachen haben. Berichtet wir von hohem Zeit und Termindruck, von zu vielen Aufgaben, die gleichzeitig erledigt werden müssen sowie von zahlreichen Unterbrechungen und Behinderungen im Arbeitsablauf. 60 Prozent gaben an, dass dieser Stress in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat. Dabei fällt auf, dass auch Führungskräfte sich durch diese Situation zunehmend überfordert fühlen. Im Befragungszeitraum 2002 bis 2009 beschreiben Beschäftigte in Führungspositionen zwar eine höhere Arbeitsintensität, liegen aber beim Belastungserleben etwa auf dem Niveaus aller Befragten.

„In der Befragtengruppe nach 2010 empfindet sich aber bereits jede zweite Führungskraft durch die hohe Arbeitsintensität als ziemlich bis sehr stark belastet“, heißt es im Report und weiter: „Unter dem Strich stellt sich die Frage, wie lange Beschäftigte die hohe Arbeitsintensität bewältigen können und wann Überforderungen zu körperlichen und psychischen Störungen führen?“

Diese Berufe machen depressiv
MontagsbluesBesonders montags fällt es uns schwer, etwas positives am Arbeiten zu finden. Laut einer amerikanischen Studie dauert es im Durchschnitt zwei Stunden und 16 Minuten, bis wir wieder im Arbeitsalltag angekommen sind. Bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr dauert es sogar noch zwölf Minuten länger. Doch es gibt nicht nur den Montagsblues: Manche Berufsgruppen laufen besonders stark Gefahr, an einer echten Depression zu erkranken. Allein in Deutschland haben nach Expertenschätzungen rund vier Millionen Menschen eine Depression, die behandelt werden müsste. Doch nur 20 bis 25 Prozent der Betroffenen erhielten eine ausreichende Therapie, sagte Detlef Dietrich, Koordinator des Europäischen Depressionstages. Quelle: dpa
Journalisten und AutorenDie Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben. Quelle: dpa
HändlerDer Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent. Quelle: dpa
Parteien, Vereine & Co.Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.
UmweltschutzDer Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen. Quelle: AP
JuristenAls mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv. Quelle: dpa
PersonaldienstleisterAuf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich. Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.

Ob und in welchem Umfang Gesundheitsschäden bereit eingetreten sind, beantwortet der TK-Report nicht. Zu gewagt wäre es, die aktuelle Arbeitsunfähigkeitsstatistik einfach mit den Ergebnissen der 29 Umfragen zu verbinden. „Die Fehlzeitenberichte zeigen aber, dass wir aktuell den höchsten Krankenstand in der Geschichte unserer Gesundheitsberichterstattung haben und das insbesondere psychisch bedingte Erkrankungen deutlich zugenommen haben“, so Baas. Dass es hier Zusammenhänge gibt, liege eigentlich auf der Hand.

Der TK Chef hält es daher für besonders wichtig, bei Themen wie betrieblichem Gesundheitsmanagement und Arbeit 4.0 nicht nur darüber zu sprechen, was Beschäftigte krank mache, „sondern auch darüber, welche Ressourcen wir fördern können, damit sie lange gesund arbeiten können.“ Dabei gehe es um mehr als ergonomische Arbeitsplätze und flexible familienfreundliche Arbeitszeiten.

Defizite zeigten sich bei den Umfragen vor allem bei Themen wie Informationsfluss, guter Arbeitsorganisation und Wertschätzung durch Vorgesetzte. „Viele Führungskräfte fürchten, dass es teuer wird, wenn sie in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren“ so Baas. Die Studie zeige aber, dass man auch mit guter Führung eine hohe Gesundheitsrendite erreichen könne.

Die Beschäftigten geben ihren Chefs zwar durchweg gute Noten, wenn es um Sachkompetenz geht. Handlungsbedarf besteht aber offenbar bei der Bereitschaft, sich am einzelnen Mitarbeiter zu orientieren. Fünf von zehn Beschäftigten wünschen sich mehr Motivation durch ihren Chef. 54 Prozent beklagen mangelnde Teambildung, 30 Prozent vermissen klare Arbeitsaufträge und 42 Prozent die Wertschätzung ihrer Arbeit.

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