Tod auf der Gorch Fock: Was hat die Bundeswehr zu verbergen?

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Tod auf der Gorch Fock: Was hat die Bundeswehr zu verbergen?

von Ferdinand Knauß

Die Bundeswehr muss keinen Schadenersatz an die Eltern der toten Marinesoldatin Jenny Böken zahlen. Doch die ungeklärten Todesumstände werfen Fragen auf über die Personalpolitik der Truppe.

Vater Böken hatte nach der Urteilsverkündung Tränen in den Augen. Die 1. Kammer des Verwaltungsgerichts Aachen hat seine Schadenersatzklage gegen die Bundeswehr abgelehnt. Bökens Tochter Jenny war demnach keiner besonderen Lebensgefahr ausgesetzt, als sie in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 als Offiziersbewerberin auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Und daher sprach der Vorsitzende des Gerichts den Eltern auch keinen Schadenersatz in Höhe von 40.000 Euro zu.

Das Verwaltungsgericht Aachen hat die Entschädigungsforderung der Eltern von Jenny Böken abgelehnt. Quelle: dpa

Das Verwaltungsgericht Aachen hat die Entschädigungsforderung der Eltern von Jenny Böken abgelehnt.

Bild: dpa

Keine "besondere" Lebensgefahr

Der Tod der Marinesoldatin Böken wurde am Mittwoch erstmals überhaupt vor einem Gericht verhandelt – unter großem Medieninteresse. Die Hintergründe sind mit diesem Urteil (Aktenzeichen: 1 K 2995/13) aber alles andere als geklärt. Denn verhandelt wurde nur die verwaltungsrechtliche Frage, ob der Einsatz Bökens als „Ausguck“ auf dem Schiff besonders lebensgefährlich gewesen sei. Betonung auf „besonders“. Lebensgefährlich sei dieser Posten zwar, aber nicht besonders, begründete der Vorsitzende Richter Markus Lehmler sein Urteil. Dazu müsse die Wahrscheinlichkeit, sich zu verletzen oder zu sterben höher sein, als die, unversehrt zu bleiben. Das sei bei insgesamt nur sechs tödlichen Unfällen in mehr als 50 Dienstjahren der Gorch Fock nicht der Fall.

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Böken war nicht diensttauglich

Der Tod Bökens bleibt dennoch gemeinsam mit dem Tod der Offiziersbewerberin Sarah Seele auf demselben Schiff zwei Jahre später ein dunkler Fleck und wirft einen Schatten auf die Personalpolitik und inneren Zustände der Bundeswehr. Denn keine Rolle spielte für das Gericht der Gesundheitszustand, militärisch gesprochen die „Tauglichkeit“ Bökens. Doch die ist der Angelpunkt der Affäre. Sechs Jahre nach dem Tod Bökens wird immer deutlicher, dass die junge Frau niemals auf diesem Schiff hätte dienen dürfen, da sie den gesundheitlichen Anforderungen an eine Laufbahn als Marineoffizier nicht entsprach. Schon bei der Musterung, also bevor Böken überhaupt zum ersten Mal eine Marine-Uniform anzog, war sie für nicht borddiensttaufglich befunden worden. Bei einer Untersuchung an der marineschule Flensburg-Mürwik stellte ein Truppenarzt fest, dass sie nicht als Offizier geeignet ist.
Wie es möglich war, dass beide, Jenny Böken und Sarah Seele, obwohl sie aus medizinischer Sicht eigentlich nicht tauglich waren, dennoch Marine-Offiziersanwärter werden und als solche auch auf der Gorch Fock dienen sollten, ist die eigentlich brisante Frage, die mitten in den inneren Zustand der Bundeswehr zielt.

Die Bundeswehr, aber auch die zuständige Staatsanwaltschaft Kiel, zeigen kein Interesse, die dubiosen Umstände des Todes von Böken möglichst offen ans Licht zu bringen. Die Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden eingestellt. Obwohl zum Beispiel ungeklärt ist, warum Bökens Leichnam, der erst einige Tage später aus der Nordsee gefischt wurde, kein Wasser in der Lunge hatte, wie es bei Ertrunkenen der Fall ist. Auch berichtet eine frühere Sanitäterin der Gorch Fock, dass die Krankenakte von Böken lückenhaft sei.

Gesundheitliche Probleme Bökens waren bekannt


Der Antrag der Eltern Böken, das Verfahren wiederaufzunehmen, wurde 2011 vom Oberlandesgericht Schleswig abgelehnt. Nun liegt in Karlsruhe eine Verfassungsbeschwerde der Eltern vor. Gibt das Bundesverfassungsgericht dieser Recht, müsste die Kieler Staatsanwaltschaft (oder auf Antrag eine andere), wohl auch endlich untersuchen, wie es möglich war, dass Böken – bei Sarah Seele war es ähnlich – von der damaligen Offizierbewerberprüfzentrale (heute Assessmentcenter für Führungskräfte der Bundeswehr) für die Offizierslaufbahn angenommen wurde. Seele war für eine Bordverwendung deutlich zu klein und bei Böken wurden Kreislaufprobleme und Schwindelerscheinungen festgestellt. Sie soll, wie Kameraden aussagten, immer wieder während des Dienstes, sogar bei Schießübungen eingeschlafen sein. Auch noch wenige Tage vor ihrem Tod hatte Böken gegenüber dem Schiffsarzt über Probleme geklagt.

Wer bescheinigt die Tauglichkeit?

Verantwortlich dafür, die beiden jungen Frauen als tauglich für die Gorch Fock zu erklären, war in beiden Fällen dieselbe Ärztin, deren Mann ebenfalls als Arzt in derselben Behörde tätig war. Deren gemeinsame Tochter war als Offizieranwärterin gemeinsam mit Böken an Bord der Gorch Fock und wurde im Aachener Gericht als Zeugin gehört. An mehr als einen Schrei kann sich die Zeugin, mittlerweile Oberleutnant zur See, nicht erinnern. Es sei aber auch nicht zutreffend, dass sie direkt nach dem Einlaufen des Schiffes von Bord verschwunden sei, wie zuvor aus Bundeswehrkreisen kolportiert wurde. Nach anderen Quellen verbrachte sie das gesamte Wochenende mit den angereisten Eltern, die Bökens Aufenthalt auf der Gorch Fock als Ärzte erst ermöglicht hatten, in einem Hotel.

Was an Bord der Gorch Fock in jenem Spätsommer 2008 los war, bleibt also mysteriös. Ungeklärt ist, warum Jenny um 23.30 Uhr nicht die Standardmeldung. „Auf der back ist alles Wohl“ ausrief, aber erst um 23.43 Uhr bemerkt wurde, dass sie über Bord gegangen war. Geklärt ist noch nicht einmal, welcher Soldat oder welche Soldatin Jenny Böken auf ihrer Wache hätte ablösen sollen.
„Wir werden nicht Ruhe geben, bis wir wissen, was passiert ist“, sagte Vater Böken vor der Presse. Das zu erfahren ist nicht nur für die trauernden Eltern von Belang. Was haben die Bundeswehr oder einzelne Soldaten zu verbergen?
Vielleicht hat die Antwort darauf auch mit der Antwort auf eine umfassendere, politisch brisantere Frage zu tun: Wie werden in unseren Streitkräften Personalentscheidungen getroffen? Und welche Rolle spielt dabei ein Sanitätsdienst, der Soldaten Tauglichkeiten bescheinigt für Aufgaben, denen sie körperlich und vielleicht auch psychisch nicht gewachsen sind?

Sollte Frauenquote um jeden Preis erfüllt werden

Die Antwort beträfe nicht nur junge Offiziersanwärterinnen, sondern zum Beispiel auch höhere Offiziere, wie den früheren Oberst – und heutigen General – Klein, der nach Aussage seines damaligen Arztes nicht "auslandsverwendungfähig" war und dennoch nach Afghanistan in den Einsatz durfte, wo er durch die Bombardierung eines Tanklasters und die nachfolgende Kundus-Affäre traurige Berühmtheit erlangte. Ohne den karriereförderlichen Auslandseinsatz wird schließlich niemand mehr General.

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Da werden unpassende ärztliche Untersuchungsergebnisse eben passend gemacht. Ähnlich handeln Bundeswehrärzte offenbar auch, wenn es gilt, den Frauenanteil auf Grund politischer Vorgaben zu erhöhen, oder vielleicht auch schlicht den allgemeinen Nachwuchsmangel der Bundeswehr auszugleichen.
Vielleicht wurde Jenny Böken einfach zum Verhängnis, dass im September 2008 der 50. Geburtstag des Segelschulschiffs gefeiert werden sollte. Aus Bundeswehrkreisen heißt es, die Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums habe sich dafür möglichst viele junge Marine-Soldatinnen an Bord gewünscht.

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