_

Top-Ökonom Christian Saint-Etienne: "Austritt Deutschlands umso wahrscheinlicher"

von Gerhard Bläske

Der französische Top-Ökonom befürchtet verheerende Folgen für den Euro und die Euro-Länder, wenn Europa so weiter macht wie bisher.

Christian Saint-Etienne
Christian Saint-Etienne

Herr Saint-Etienne, in Ihrem Buch „Das Ende des Euro“ geben Sie der Währungsunion keine große Chance mehr. Warum nicht?

Anzeige

Saint-Etienne: Die Euro-Zone ist in ihrer jetzigen Form weit davon entfernt, ein optimaler Währungsraum zu sein. Nötig wären eine Wirtschaftsregierung, ein Gemeinschaftsbudget und eine Steuerharmonisierung. Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, wird es sehr schwer sein, ein Auseinanderbrechen zu vermeiden.

Was ist das größte Problem?

Der krasse Gegensatz zwischen Norden und Süden. Sehen wir einmal von Griechenland, Portugal und -Irland ab, so gibt es drei Staaten im Norden – Deutschland, -Österreich und die Nieder-lande – mit ihren industriellen Wirtschaftsmodellen, die auf dem Export beruhen. Auf der anderen Seite stehen Italien, Spanien und Frankreich, die auf Konsum und Freizeit setzen. Unter diesen Bedingungen kann man langfristig keine gemeinsame Währung aufrechterhalten.

Wäre ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone wirklich so dramatisch?

Nicht für Deutschland, die Niederlande oder Österreich. Wohl aber für die anderen Länder, die wesentlich schwächer sind und hohe Defizite aufweisen. Ihre Währungen würden stark abwerten, so um die 30 Prozent, während ihre Verschuldung um ein Drittel anstiege.

Welche Lösung hätte langfristig Bestand? 

Die beste Lösung wäre, einen harten Kern der Euro-Zone zu bilden, einen begrenzten Kreis von neun Ländern. Drei im Norden, Deutschland, die Niederlande und Österreich, dann Belgien und Luxemburg sowie vier Länder im Süden: Frankreich, Spanien, Italien und Portugal. Griechenland und Irland könnten die Euro-Zone verlassen und ihre Währung abwerten. Anders als bei Italien oder Frankreich könnte die EU die Auswirkungen des Austritts in diesen kleineren Staaten abfedern.

Die Gegensätze in der verbleibenden Euro-Zone wären immer noch enorm.

Ja, man müsste daher die Haushalte teilweise vergemeinschaften und ein gemeinsames Budget der Euro-Länder schaffen – zusätzlich zum EU-Haushalt. Dieses könnte fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone umfassen. Es müsste dazu dienen, Infrastruktur- oder Energieprojekte zu finanzieren, wobei ein Rückfluss von 80 Prozent an die Geberländer garantiert und strenge Verpflichtungen zur Reduzierung der Defizite vereinbart werden könnten. So hätte auch Deutschland ein Interesse mitzumachen.

Mit Verlaub: Was Sie da vorschlagen, ist wenig realistisch.

Es kann eine Situation eintreten, in der die Lage unerträglich wird! Ich fürchte, dass man unbegrenzt mit Krisen- und Rettungsplänen weitermacht und den Südeuropäern eine Re-Industrialisierung unter drastischen Bedingungen aufzwingt, die von Deutschland diktiert werden – und nicht zu erfüllen sind.

Zu diesem Artikel
14 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.08.2011, 02:23 UhrAnonymer Benutzer: Ranifa

    es wäre von anfang an nötig gewesen die einhaltung der konvergenzkriterien besser zu kontrollieren, am besten eben nicht durch die finanzminister der eu-staaten selber sondern etwa durch die kommission, die den jeweiligen sünder dann richtig mit sanktionen drohen könnte, etwa strafzahlungen, stimmentzug. dann wäre es wohl erst gar nicht so weit gekommen mit der krise.
    eine deutsch-französische vereinigung könnte ich mir in wirtschaftlichen, finaziellen dingen als nicht so unheimlich realitätsfern vorstellen. doch versucht mal nen deutschen davon zu überzeugen die angesprochene dt.-frz. armee zu finanzieren. die meisten von uns leben doch in einer traumwelt in der das militär überflüssig scheint. schade, eine dt.-frz. vereinigung könnte ein starker kern europas sein, ein modell, dem sich dann womöglich andere eu-länder anschließen würden, so dass wir in der welt von morgen, die von großen mächten wie usa, china, russland, japan, indien dominiert sein wird, nicht ganz so unbedeutend sind und wenigstens noch ein minimum an mitsprachemöglichkeit zum weltgeschehen haben.

  • 05.06.2011, 20:22 UhrAnonymer Benutzer: weltenbummler

    Die Währung ist nur so lange was Wert, wenn die menschen daran glauben. ich glaube nicht daran! NiCHT MEHR!

  • 04.06.2011, 14:19 UhrAnonymer Benutzer: Joker1

    Der Mann hat überwiegend Recht ! Nur,eine Deutsch-Französiche
    Union, bei dem Geltungsbedürfnis der Fanzosen ist absoluter Nonsen.
    Löst den Euro endlich auf, vor der Einführung gings allen besser, von
    den bekannten betrügern mal abgesehen !
    Verrechnungseuro ja, ohne EZb, die kann virtuell plaziert werden,
    ohne Waserkopf! Handelt, bevor das Volk euch gnadenlos zwingt bzw. erleidigt und zwar schmer- und dauerhaft !

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Alternativen gesucht
Alternativen gesucht

Der Euro wird mit jedem Tag mehr zum Verhängnis für Europa, wirtschaftlich wie politisch. Wann endlich werden...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.