Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller und Daimler-Aufsichtsratschef Bischoff über den Linksruck in Deutschland: "Auch das sagen, was weh tut"

Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller und Daimler-Aufsichtsratschef Bischoff über den Linksruck in Deutschland: "Auch das sagen, was weh tut"

Nicola Leibinger-Kammüller und Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff über den Linksruck in Deutschland.

WirtschaftsWoche: Die Linkspartei zieht in die Parlamente von Niedersachsen und Hessen ein. In der Bevölkerung schwindet die Zustimmung zur sozialen Marktwirtschaft. Liegt dies allein an mangelnder politischer Führung oder hat die Wirtschaft eine Mitverantwortung?

Leibinger-Kammüller: Zugegeben: Die Wirtschaft hat vielleicht noch nicht genug Anstrengungen unternommen, um den Menschen den unternehmerischen Handlungsbedarf angesichts der globalen Veränderungen zu vermitteln. Diese Aufgabe kann nicht allein den Verbänden überlassen werden, hier stehen auch die Unternehmen in der Pflicht. Fakt aber ist auch, dass die Wirtschaft darin zu wenig von der Politik unterstützt wird. Anstatt die Menschen auf notwendige Veränderungen vorzubereiten, versuchen Teile der Politik in populistischer Weise, die Menschen zu verunsichern und die Unternehmen für die Folgen von schmerzlichen, aber notwendigen Anpassungen verantwortlich zu machen. Entscheidungen wie etwa die Einführung des Mindestlohns suggerieren der Bevölkerung, man könne sich dem globalen Wettbewerb einfach entziehen. Dies ist ein folgenschwerer Trugschluss.

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Bischoff: Unser demokratisches Gemeinwesen, das auf der sozialen Marktwirtschaft basiert, halte ich für stabil genug, eine linke Protestpartei in unseren Parlamenten zu verkraften. Dennoch muss es uns zu denken geben, dass die Zustimmung zur Marktwirtschaft in Teilen der Bevölkerung gelitten hat und stattdessen vermehrt staatliche Reglementierung und Umverteilung propagiert wird. Das ist ja keine Tendenz, die allein bei den sogenannten „Linken“ zu beobachten ist. Unsere soziale Marktwirtschaft war bislang weitgehend eine Schönwetter-Veranstaltung und musste noch keinen wirklichen Härtetest bestehen. Auch ist der negative Gegenentwurf des „real existierenden Sozialismus“ abhanden gekommen. Dieser hat uns allen ja lange Zeit vor Augen geführt, wie extrem unproduktiv eine auf staatlicher Umverteilung basierende Volkswirtschaft ist.

Warum hat die Bevölkerung so wenig Verständnis für ökonomische Zusammenhänge?

Leibinger-Kammüller: Unserer Gesellschaft fehlt ein Grundverständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge. Unternehmer werden mit Argwohn betrachtet. Das beginnt bereits in der Schule: Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge wird wirtschaftliches Handeln in deutschen Schulbüchern auf die Auseinandersetzung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen reduziert. Die Karikatur des ausbeutenden Unternehmers ist hierzulande nach wie vor populär. Ganz anders als in den USA, wo die Leistung des Unternehmertums für die nationale Geschichte differenziert gewürdigt und der Typ des Unternehmers den Schulkindern geradezu als gesellschaftliches Leitbild vermittelt wird. Dass Lehrer und Schüler auch in Deutschland an Wirtschaft interessiert sind, zeigen die positiven Erfahrungen der Initiative Wissensfabrik. Bundesweit engagieren sich hier Unternehmen an ihren Standorten in Projekten mit Schulpartnerschaften, um das Wirtschafts- und Technikverständnis bei Kindern schon früh zu wecken.

Bischoff: Dass die Bürger wieder mehr Vertrauen in unser marktwirtschaftliches Wirtschafts- und Wertesystem fassen, setzt das Wissen darüber voraus, wie Marktwirtschaft eigentlich funktioniert. Doch wo wird heute das Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge auf breiter Basis vermittelt? Wo lernen die Deutschen, dass Wettbewerb der Urquell für die Produktivität und Leistungsfähigkeit unseres Landes ist? Dass Wettbewerb auf Märkten nichts anderes bedeutet, als menschlichen Eigennutz in einen Wohlstandsgewinn für alle umzuwandeln, und dass genau hierin die moralische Rechtfertigung der Marktwirtschaft besteht? Dass Marktwirtschaft erst die materiellen Voraussetzungen schafft für Umverteilung, Solidarität und funktionierende Sozialsysteme? Dass die politisch gewollte wirtschaftliche Einbindung großer Volkswirtschaften, wie der Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Chinas und Indiens, die Zahl der Menschen verdoppelt hat, die an der internationalen Arbeitsteilung teilnehmen, was den Wettbewerbsdruck für Länder wie Deutschland signifikant verschärft – mit allen positiven, aber auch negativen Konsequenzen? Dass die neuen Kommunikationstechnologien viel mehr Menschen erlauben, ihre Kenntnisse auf unseren Stand zu bringen und somit mit uns zu konkurrieren? Dieses elementare Grundverständnis für das Fundament unserer Gesellschaftsordnung wird weder in der Schule oder Ausbildung noch durch Medien umfassend vermittelt. Nur so ist erklärbar, dass in unserem Land „Gerechtigkeit“ zunehmend mit „Gleichheit“ verwechselt wird.

Die Politik führt die wachsende Kritik auch auf schlecht kommunizierte unternehmerische Entscheidungen zurück, beispielsweise bei Standortschließungen. Lassen da Unternehmen Fingerspitzengefühl vermissen? Und trägt der Unternehmer oder der Unternehmensführer eine gesellschaftliche Verantwortung, die über sein unmittelbares operatives Geschäft hinausgeht?

Leibinger-Kammüller: Für mich gibt es zweifellos eine Verantwortung des Unternehmers für seine Mitarbeiter in Deutschland. Dabei darf er aber das Gesamtwohl des Unternehmens nicht aus den Augen verlieren und muss bei Bedarf entsprechend reagieren. Alles andere wäre unternehmerisch und auch sozial unverantwortlich. Es gibt nun einmal Branchen, da lassen sich hierzulande keine ausreichenden Gewinne mehr erzielen. Das muss man sagen, auch wenn es weh tut.

Bischoff: Sicherlich gab es in der jüngeren Vergangenheit Standortentscheidungen, die mit fehlendem „Fingerspitzengefühl“ kommuniziert worden sind. Aber machen wir uns nichts vor: Die Kritik richtet sich letztlich immer auf den Inhalt. Daher ist das Verständnis der Bürger wichtig, dass Wettbewerb für alle Beteiligten mit Unsicherheit verbunden ist, da Wettbewerb nun einmal bedeutet, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Tatsache ist: Ein Unternehmen, das in seiner Ertragskraft zurückfällt, läuft früher oder später Gefahr, völlig auszuscheiden – völlig unabhängig von früheren Erfolgen. Und wahrscheinlich ist es diese „Blindheit“ des Marktes gegenüber den Anstrengungen der Vergangenheit, seien es nun Investitionen in Fabriken oder jahrelange Berufserfahrungen, die den Menschen Unbehagen bereitet. Das heißt, das, was die Bürger als preis- und qualitätsbewusste Konsumenten durchaus willkommen heißen, nehmen sie als selbstständige Produzenten oder Arbeitnehmer oft eher als Bedrohung wahr.Daher ist es in der Verantwortung der sozialen Marktwirtschaft, den Verlierern des Wettbewerbs so rasch wie möglich eine neue Chance zu bieten. Es geht also nicht um „Ergebnisgleichheit“, sondern um „Chancengerechtigkeit“.

Genauso ist es richtig, dass ein Unternehmer immer die Verantwortung für seine Mitarbeiter besitzt und dafür zu sorgen hat, dass sein Unternehmen als „Good Corporate Citizen“ agiert – und zwar bezogen auf den jeweiligen Standort wie auch in Bezug auf die globalen Herausforderungen. Denn ein Unternehmen, das langfristig erfolgreich ist, benötigt nicht nur die Akzeptanz am Markt, sondern auch in der Gesellschaft. Übrigens ist diese gesellschaftliche Akzeptanz über „Corporate Social Responsibility Rankings“ längst kapitalmarktrelevant und sollte schon aus diesem Grund ein Ziel unternehmerischen Handelns sein. Darüber hinausgehend sehe ich aber keine Verantwortung eines Unternehmens, weil wir sonst von hinten her das Primat der Politik aufheben würden.

In der Bevölkerung verschlechtert sich laut Meinungsforschungsinstituten das Bild des Unternehmers und des Managers dramatisch. Vertrauen geht verloren, und man unterstellt Wirtschaftsvertretern, dass sie vaterlandslose Gesellen sind. Ist diese Kritik nachvollziehbar?

Leibinger-Kammüller: Familienunternehmen genießen aber ein hohes Ansehen. Sie schaffen proportional mehr neue Arbeitsplätze im Inland und sind zugleich deutlich wachstumsstärker als Dax-Konzerne. Aber die Kritik bezieht sich eben pauschal auf die Wirtschaft, deren Bild durch das Fehlverhalten weniger Manager geprägt ist. Unsere Aufgabe ist es deshalb, den positiven Beitrag beispielsweise der Familienunternehmen in der Öffentlichkeit deutlicher darzustellen.

Bischoff: Nein, diese Kritik teile ich nicht. Natürlich haben Unternehmen mit Sitz in Deutschland eine Verantwortung für die Beschäftigung am Standort Deutschland. Diese Verantwortung muss jedoch ihre Grenze dort haben, wo trotz intensiven Bemühens die dauerhafte Ertragskraft und Existenz des Unternehmens gefährdet wird. Übrigens stört mich schon die Begrifflichkeit „vaterlandslose Gesellen“ ganz gewaltig. Ich sehe nämlich mit großer Sorge, wie die Leistungseliten in unserer Gesellschaft sich gegenseitig der Unfähigkeit, Gier, Unmoral und Faulheit bezichtigen. Der normale Bürger muss bei diesem Umgang jede Hoffnung verlieren, dass unsere Institutionen und die, die sie leiten, auch nur im Entferntesten in der Lage wären oder ein Interesse daran hätten, eine für ihn erfolgreiche Zukunft zu gestalten.

Wie gut ist die Außendarstellung deutscher Unternehmensführer, wenn es um Themen jenseits ihres Unternehmens geht? Dürfen Unternehmen die Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge allein der Politik überlassen, oder ist dies primär eine Aufgabe der Verbände?

Leibinger-Kammüller: Viele Unternehmer bemühen sich ja, ihr wirtschaftliches Tun in der Öffentlichkeit darzustellen und dafür zu werben. Sie setzen sich darüber hinaus vielfältig für die Gesellschaft ein. Aber die Bereitschaft dazu ist begrenzt, das gebe ich zu. Viele tun dies nicht, weil sie sich in erster Linie um ihre Aufgaben in den Unternehmen kümmern, was ja auch das Wichtigste ist. Sie tun es auch nicht, das weiß ich aus Kollegengesprächen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Sind sie als Unternehmer beispielsweise Gast in einer Talkshow, stehen sie oft am Pranger. Viel entscheidender als dies aber ist: Sowohl auf Unternehmens- als auch auf Verbandsseite besteht ein Defizit, wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich darzustellen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die öffentliche Erklärungsrolle bislang traditionell von der Politik übernommen wird. Wir müssen lernen, unser unternehmerisches Handeln stärker einer breiteren Bevölkerung zu erklären und damit „gesellschaftsfähig“ zu machen.

Bischoff: Die Außenwirkung unternehmerischer Entscheidungen könnte in vielen Fällen wesentlich verbessert werden, und mit Sicherheit könnte auch von den Verbänden noch mehr geleistet werden. Es ist auch richtig, dass es Fälle gegeben hat, auf die viele Bürger zu Recht sehr emotional reagiert haben, und hierzu gehören sicherlich auch ungerechtfertigte, also ohne entsprechende Leistung bewilligte Millionenzahlungen. So etwas verdient Kritik. Dennoch sollten wir uns darüber einig sein, dass in unserem Land in der Mehrzahl redliche Unternehmer und Manager arbeiten, die sich durchaus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung jenseits der Rendite bewusst sind. Diese Tatsache findet zu wenig Aufmerksamkeit. Die mangelnde politische Bildung öffnet dem wirtschaftlichen Populismus Tür und Tor. Auch die öffentlich-rechtlichen Medien kommen meines Erachtens in keiner Weise ihrer Informationsfunktion nach, was wirtschaftliche Zusammenhänge angeht. Warum geht kaum noch ein Unternehmer oder Manager in eine Talkshow? Weil er einfach vorgeführt wird. Er hat kaum eine Chance, marktwirtschaftliche Zusammenhänge, die sich nun mal nicht in zwei Sätzen vernünftig darstellen lassen, zu erläutern.

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