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TV-Kritik: Großes Themenhopping bei Maybrit Illner

Quelle: Handelsblatt Online

Europa, Salamis und Ufos waren Thema bei Maybrit Illner. Dirk Niebel, Cem Özdemir und eine zurückhaltende Piratenpartei-Chefin diskutierten querbeet. Da musste schon die Kanzlerin als gemeinsamer Nenner herhalten.

Zumindest thematisch war es der ganz große Rundumschlag gestern bei Maybrit Illner. Quelle: Screenshot ZDF
Zumindest thematisch war es der ganz große Rundumschlag gestern bei Maybrit Illner. Quelle: Screenshot ZDF

BerlinZumindest thematisch war es der ganz große Rundumschlag: „Wulff, Euro, FDP - kann die Kanzlerin einfach weiter so regieren?“, lautete die Frage gestern bei Maybrit Illner. Die Antwort: Kann sie wohl, denn - wie jeder ansatzweise erfahrene Talkshowzuschauer ahnen musste - kam Angela Merkel selbst als Gesprächsthema so gut wie gar nicht vor. Die Kanzlerin bildet eben nur den gemeinsamsten Nenner zwischen den beiden größten innenpolitischen Krisenherden - dem Bundespräsident und der FDP.

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Die kleine Partei bekam deshalb sehr viel Redezeit, weil mit dem Ex-Generalsekretär Dirk Niebel ein relativ hochrangiger FDP-Vertreter zu Gast war. Und weil bis zur Razzia bei seinem ehemaligen Sprecher nun wirklich niemand ahnen konnte, dass die längst schon ausgelutscht erscheinende Wulff-Debatte gestern schon wieder neuen Zündstoff lieferte.

Immerhin gestattete die Konstellation Illner, ihre Sendung mit der Frage nach neuesten Einschätzungen der frischen Wulff-Entwicklungen zu beginnen. Nachdem der omnipräsente Talkshow-Talker Michael Spreng die Befürchtung formuliert hatte, nun könne ein „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“-Eindruck entstehen, bezog CDU-Politiker Michael Fuchs die „Mir reicht das langsam“-Position.

Nicht nur einmal brachte der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion das Bobbycar-Geschenk für Wulffs Sohn aufs Tapet, das Anfang der Woche Wulff zum Vorwurf gemacht wurde. Allerdings drehte ihm aus dem kleinen Widerspruch, dass er selbst schon mehrere Bobbycars verschenkt habe, aber doch googeln musste, niemand einen Strick.

Dann kam der heimliche Star der gestrigen Illner-Show zu Wort: Marina Weisband, unverbrauchte Geschäftsführerin der Piratenpartei, fand: „Natürlich muss der Mann zurücktreten“, und zwar vor allem, weil er das Klischee speise, dass kein Politiker eine saubere Weste hat. Den Vorwurf, „salamihaft“ zu agieren, den längst wohl jeder Bundesbürger Wulff macht, machte auch sie - und stellte die im Internet zelebrierte Transparenz der Piraten als Gegenteil solcher Salamihaftigkeit dar.

Mit „Wir haben uns in Deutschland daran gewöhnt, dass wir keinen Außenminister haben, wir werden uns daran gewöhnen, dass wir keinen Bundespräsidenten haben“ leitete der Grüne Cem Özdemir zum dominanten Thema der Illner-Sendung über: der permanenten Umfragewerte-Krise der FDP. Leider verabschiedete sich die fast ebenso eloquente wie telegene Piratin damit für längere Zeit aus der Diskussion. Die gewieften Wahlkämpfer, allen voran Özdemir und natürlich Niebel übernahmen das Regiment.


Maria Weisband darf gerne öfter im TV auftreten

Der zunächst ungewohnt stille Niebel nahm mit herabhängenden Mundwinkeln allerneueste Umfrageergebnisse und das „FDP-Bashing“ entgegen, um dann mit einem Lob des deutschen Mittelstands in großem Bogen zum Erfolg des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes überzuleiten. Die gute wirtschaftliche Lage in Deutschland sei der FDP zuzuschreiben, folgerte er. Nein, sie habe eher mit den Reformen der rot-grünen Bundesregierung zu tun, warf Özdemir ein - und schon waren die gewieften Fernsehpolitik-Rhetoriker mittendrin im Austausch der populärsten Wahlkampfstandards der letzten Jahre und Jahrzehnte. Vom Autobahnbau in Baden-Württemberg über die Arbeitslosenquoten der Vergangenheit bis zu den Schwimmbädern, die in vielen Kommunen schließen müssen, wurde alles gestreift.

Der kurze Auftritt des FDP-Renegaten Michael Knape, der als Bürgermeister im brandenburgischen Treuenbrietzen mit mehreren Kollegen aus der Partei austreten möchte , vermittelte vielleicht eine Ahnung von scharfen Auseinandersetzungen innerhalb der FDP. Die Diskussion brachte er aber nicht voran. Bloß dass er von der FDP als „Label“ sprach, könnten zumindest Talkshowredakteure sich notieren und bei späterer Gelegenheit weiterverwenden.

Die prägnanteste Analyse kam erneut von Weisband: Die FDP „habe die ganzen Bürgerrechtssachen aus der Hand gegeben und den Piraten zugeschustert“. Spreng, der sich als enttäuschter ehemaliger FDP-Wähler outete, formulierte geschliffener, die FDP habe den durch die Lehman-Krise ausgelösten Paradigmenwechsel der Weltpolitik verschlafen und wirke „wie ein aus der Zeit gefallenes UFO“. Weisband schaute die wahlkämpfenden älteren Herren fortan an ungefähr wie ein UFO und verfiel in vornehme Zurückhaltung.

Erleichtert wurde dies durch die Moderatorin. Anders als gewohnt bemühte Illner sich kaum, ihren Gästen halbwegs vergleichbare Redeanteile zu verschaffen, sondern ließ Niebel enorm viel Raum. Und das, ohne mit einem Wort auf die in letzter Zeit häufig geäußerte Kritik an dessen Arbeit und Personalpolitik im Hauptberuf als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einzugehen.

Kurz vor Schluss schwante ihr dann die „Themenhopping“-Gefahr, doch als Gegenmittel diente bloß ein weiterer Einspielfilm. Und wer mehrere Illner-Shows in ganzer Länge verfolgt hat, weiß, dass die Einspielfilme sehr selten zu Fokussierung beitragen. Schließlich setzte erneut die Piratin einen Akzent. Weisband plädierte für „Themenbündnisse“ statt für Parteien-Koalitionen - was zumindest beim hartgesottenen FDP-Mann einen Nerv zu treffen schien. „Wechselnde Mehrheiten führen zur Instabilität einer Nation“, warnte Niebel mit rotem Kopf.

Fazit: Erstens darf Marina Weisband gerne öfter in den Talkshowarenen auftreten. Denn ob man ihre Positionen teilt oder nicht - sie überraschen die Mitdiskutanten zumindest und könnten, falls man Weisband zu Wort kommen lässt, solchen in hektische Routine erstarrenden Telewahlkampf verhindern, wie er die zweite Hälfte der gestrigen Show bestimmte. Zweitens sollten Fragen wie die, wie denn die FDP gerettet werden soll, bitte nur noch in FDP-internen Runden diskutiert werden, und nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das wäre sowohl im Interesse des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als auch in dem der FDP.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 20.01.2012, 11:48 UhrNichtDumm

    Eigentlich könnte man diese sogenannten Talkshows als Computerspiel generieren und die Antworten der immer gleichen Teilnehmer per Mausklick abspielen lassen.

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