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TV-Krtik: Krawalliger Sexismus-Talk bei Maybrit Illner

von Christian Bartels Quelle: Handelsblatt Online

Schlechter Tag der ZDF-Moderatorin: In ihrer Talkshow zum Topthema Sexismus wimmelte es von steilen Thesen und losen Enden. Und auch die ZDF-Redaktion selbst leistete sich einen Faux-pas.

Maybrit Illner.
Maybrit Illner.

DüsseldorfIn der Talkshow-Themennot kann Maybrit Illner auch Themen nicht immer exklusiv haben: Am Donnerstagabend musste sie das Thema Sexismus-Diskussion aufgreifen - wie schon Günther Jauch am Sonntag ("Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?") und Anne Will am Mittwoch ("Sexismus-Aufschrei - hysterisch oder notwendig?"). Ihr ZDF-Kollege Markus Lanz, der schon über die ganze Woche dasselbe Thema mit beackerte, kündigte im Werbetrailer vor ihrer Sendung Thomas Petzold als seinen Gast an - einen der Chefredakteure des "Stern", der die laufenden Diskussionen anstieß.

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Unter dem Titel "Schote, Zote, Herrenwitz - ist jetzt Schluss mit lustig?" verfingen sich Illner und ihre Gäste sofort in der aus diesen laufenden Diskussionen bekannten Falle: Aus dem "Stern"-Artikel rückschließen zu wollen, wie genau es vor über einem Jahr in jener Hotelbar zugegangen war, in der der FDP-Politiker Rainer Brüderle zur "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich die nun überall diskutierten Sätze über Dirndl und Tanzkarten gesagt hatte, ist in Abwesenheit der Beteiligten verdammt schwierig.

Das Gespräch der beiden sei eine "Petitesse" gewesen, sagte Brüderles FDP-Parteikollege Wolfgang Kubicki. Eine Hotelbar sei doch "ein Stück weit ein öffentlicher Raum", meinte Claudia Roth von den Grünen. Es sei ein privates Gespräch gewesen, meinte Medienanwalt Ralf Hoecker. Auflösen ließ sich das nicht. Immerhin kam mit der "Petitesse", für die es die einen hielten und die anderen nicht, ein gemeinsamer sprachlicher Nenner für den Anfang der Illnershow auf.

Die junge Schauspielerin Sophia Thomalla lieferte sich mit Kubicki ein Duell, was die Härte des Blicks betraf, lag aber noch mehr als er auf der Pro-Brüderle-Linie. Wenn Journalisten sexuelle Belästigung beklagen, sei das "ein Widerspruch in sich", so oft wie sie schon von Journalisten nach ihren Brustvergrößerungen und ihren sexuellen Vorlieben gefragt worden sei, lautete nur eine ihrer kräftig formulierten Thesen.

Fünfter Gast: die baden-württembergische ver.di-Gewerkschafterin Christina Frank, deren süddeutscher Tonfall zwar an den Brüderles erinnerte, die aber die Petitessen-These nicht teilte. Zeitweise erwies sie sich als am besonnensten argumentierender Illner-Gast. Was sie über sexuelle Belästigung an Arbeitsplätzen im Einzelhandel- und Dienstleistungsbereich berichtete, hätte sich als interessanter Aspekt des Themas erweisen können, wenn Frank bloß einen interessierten Gesprächspartner in der Sendung gefunden hätte.


Möglichst krawallige Gegensatz-Pärchen

Doch gecastet war das Panel nur im Blick auf möglichst krawallige Gegensatz-Pärchen. Einerseits Claudia Roth, die in gewohnt engagierter Betonung lange Argumentationsbögen schlug oder zu schlagen versuchte, andererseits der coole Anwalt Hoecker, der auf nüchternste Art und Weise die Unterschiede zwischen Verbrechen, Vergehen, Ordnungswidrigkeiten und noch darunter anzusiedelnden Belästigungen erläuterte - ein dankbar diametraler Gegensatz. Kaum hatte Hoecker jedoch seine Erläuterung abgeschlossen, ließ er sich hinreißen, es "einen hinterfotzigen Trick" zu nennen, wie nun Brüderle in einen Topf mit "Sexismus" genannt werde. "Vorsicht!", rief Roth drohend. "Nein, da bin ich nicht vorsichtig!", entgegnete der Anwalt. Brauchte er auch nicht zu sein, weil Illner diese unverhoffte Chance, über Probleme der Wortwahl im Sexismus-Kontext zu diskutieren, ausließ.

Nicht ihr einziges Versäumnis. Kubicki nannte den weiteren "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn "den größten Chauvi, den ich kenne in Deutschland", bekam aber keine Gelegenheit, das zu erläutern. Später äußerte Hoecker kurz nacheinander die Ansichten, im Kölner Karneval hätten Männer immer "einen Schuss frei", und Frauen sollten sich aus Situationen, in denen sie sich belästigt fühlten, zurückziehen. Weder wurde ersteres präzisiert, noch letztere steile These weiterdiskutiert, weil da die Sendung längst in Krawall entglitten war. Eine Talkshow mit so vielen losen Enden, in der es von Gesprächsbeiträgen wimmelte, die entweder weiter erklärungsbedürftig oder schlicht überflüssig waren, gab es länger nicht zu sehen.

Illner feuerte unverdrossen boulevardeske Einspielfilmchen ab. Kaum war die Diskussion auch durch das Themenspektrum Karneval/ Oktoberfest/ Hüttengaudi nicht in eine sinnvolle Richtung gelenkt worden, ging es ähnlich knapp um die Twitter-Inititative "Aufschrei" (#aufschrei), deren Initiatorinnen am Sonntag bei Jauch und am Mittwoch bei "stern tv" auf RTL gesessen hatten. Zuvor schon hatte sich Illner selbst einen Faux-pas geleistet: als sie einen Ausschnitt mit den TV-Moderatoren Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt einspielte, in dem es ums Begrabschen einer Messehostess als "Mutprobe" ging. Vielleicht war das sender-selbstkritisch gemeint, denn die Sendung, die im dem Oktober 2012 für Sexismus-Diskussionen gesorgt hatte, war für den ZDF-Sender Neo entstanden. Vor allem aber war äußerst unklar, ob die belästigte Frau ihr Einverständnis gegeben hatte, in noch einmal völlig anderem Rahmen im Hauptabendprogramm gezeigt zu werden. Als Quelle des in ZDF-Auftrag produzierten Ausschnitts blendete die ZDF-Show "maybrit illner" bizarrerweise Youtube an.

Im hektischen Wechsel zwischen völlig unterschiedlichen Themen - aufgrund von Zuschauer-Mails fragte Illner, ob die Sexismus-Debatte nicht zu sehr islamistischen Argumenten ähnele, darauf sprach Roth von der Frauenquote und Hoecker vom "puritanischen Amerika", das auch kein Vorbild sein könne - ging eine überdurchschnittlich krawallige Talkshow zu Ende, die sinnvollen Diskussionen eher geschadet haben dürfte.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 01.02.2013, 12:51 UhrNichtDumm

    Eigentlich sollte Brüderle dieses Frollein verklagen, denn nicht er hat seine Hose geöffnet, sondern sie ihr Dekollete.

    Stattdessen sollte diese "Journalistin" den Stern verklagen, der hat sie ja zur Rettung seiner gesunkenen Auflage missbrauchen wollen.

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