Überflieger Deutschland: Wo wir überall Spitze sind

Überflieger Deutschland: Wo wir überall Spitze sind

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Fußballfans auf dem Fanfest vor der Lanxess-Arena in Köln

von Alexander Busch, Christian Schlesiger, Matthias Kamp, Florian Willershausen und Malte Fischer

Deutschland hat sich verändert. Die Gesellschaft ist weltoffener geworden, die Wirtschaft startet durch, das Ausland blickt mit Respekt auf die vielen Stärken und Erfolge. Unser Land ist viel besser, als wir denken.

Der Reiseführer „Lonely Planet“ ist Kult unter Individualtouristen. Jedes Jahr listet der Urlaubs-Guide die besten Hotels, Restaurants und Freizeitaktivitäten einer Region auf. In seiner aktuellen Ausgabe „Best in Travel 2010“ streichelt die Redaktion auch hiesige Gemüter: Deutschland zählt dieses Jahr zu den zehn empfehlenswertesten Destinationen weltweit — ein Muss für Reiselustige. Begründung der Redaktion: Kein Land hat sich „so oft neu erfunden“.

Die Schlussfolgerung der Reisefibel, die bereits millionfach über den Ladentisch ging, trifft den Kern: Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren erneuert, selbst in Bereichen, in denen man es kaum vermuten würde. Die Wirtschaft strotzt vor Selbstbewusstsein, die Gesellschaft ist weltoffener geworden, das Ausland respektiert die Deutschen für ihre Leistungen. Deutschland im Jahr 2010 macht Mut für einen positiven Blick in die Zukunft.

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Natürlich hat Deutschland auch weiterhin Probleme: Das Volk vergreist. Reformen stehen im Stau. Seine heillos zerstrittene Regierung lässt viele Probleme nahezu unlösbar erscheinen – die Liste reicht vom ineffizienten Gesundheitssektor bis hin zum chaotischen Steuersystem und dem Bürokratieabbau, der häufig alles noch viel schlimmer macht. Seine Dichter und Denker ticken nicht mehr ganz so kreativ, wie es sich für das Erfinderland der humanistischen Gymnasien gehört. Frühere Vorzeigebranchen wie die erfolgsverwöhnten deutschen Automobilhersteller haben fast das Elektroauto verschlafen. Doch quer durch die Wirtschaft herrscht trotz allem Aufbruchstimmung. Die Deutschen jammern sich hoch — teilweise bis an die Weltspitze.

Krise war gestern. In diesem Jahr dürfte Deutschland ein Wirtschaftswachstum von mehr als zwei Prozent erzielen. Das ist deutlich mehr als die 0,8 Prozent, die im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre zu verzeichnen waren. Damit setzt sich Deutschland mit Schweden an die Spitze der europäischen Erholung.

Die Dynamik zwischen Kiel und Konstanz erinnert an alte Zeiten. Von 1950 bis 1959, den Jahren des Wirtschaftswunders, wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland im Schnitt um 7,5 Prozent pro Jahr. Die Aufholjagd nach dem Krieg wirkte bis in die Sechzigerjahre fort.

Von Fehlern gelernt

Es folgten Jahrzehnte des Auf und Ab — Zeiten, aus denen Deutschland gelernt hat. In den Siebzigerjahren wurde die staatliche Nachfragesteuerung zum Credo der Wirtschaftspolitik ausgerufen – und es folgte ein Abrutschen in wirtschaftliche Stagnation bei steigenden Preisen. Anfang der Achtzigerjahre setzte die Wirtschaft dann durch die Belebung der Angebotsseite zu einem mehr als zehn Jahre währenden Aufschwung an.

Die Nachwirkungen überzogener Lohnabschlüsse im Gefolge der Wiedervereinigung, strukturelle Verkrustungen am Arbeitsmarkt und steigende Belastungen durch Steuern und Abgaben ließen Deutschland beim Wirtschaftswachstum Anfang dieses Jahrzehnts wieder weit zurückfallen. Das Magazin „Economist“ sprach vom „kranken Mann Europas“.

Doch Deutschland riss das Ruder herum. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase 2001 nahm die Wirtschaft Kurs auf die Zukunft. Die Unternehmen holten den Rotstift heraus, warfen Ballast über Bord und strukturierten sich um. Die Regierung unterzog den Arbeitsmarkt mit Hartz-Reformen einer Radikalkur.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Trotz Rezession nach der Lehman-Pleite 2008 steht Deutschland wieder ganz vorne in Europa. Aus dem Schlusslicht ist die Konjunkturlokomotive des Kontinents geworden. Unternehmen feiern Exporterfolge, und die Arbeitslosigkeit sinkt. Nicht ohne Neid geht im Ausland wieder das Wort vom „deutschen Wunder“ um – fast so wie vor 60 Jahren.

Selbst im Umgang mit der Krise erntet Deutschland Lob. Zwar haben Rezession, Bankenrettung und Konjunkturprogramme große Löcher in den Staatshaushalt gerissen. Nach Schätzung von Experten wird das Defizit dieses Jahr auf 4,5 Prozent des BIPs steigen. Zu viel, gemessen am Maastrichter Zielwert von drei Prozent. Doch verglichen mit Ländern wie Frankreich (acht Prozent), Großbritannien (zehn Prozent) und USA (neun Prozent) steht Deutschland als Musterknabe da.

Hinzu kommt, dass sich Bund und Länder mit der Schuldenbremse in der Verfassung verpflichtet haben, die Kreditaufnahme in den nächsten Jahren drastisch zu reduzieren. Halten sie sich daran, wird der Schuldenberg weniger stark wachsen als in anderen Ländern. Ökonomen rechnen für 2015 mit einem Schuldenstand von 81 Prozent des BIPs. Im Schnitt aller Industrieländer dürfte die Quote laut Internationalem Währungsfonds bis 2015 auf 110 Prozent steigen.

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