Überschuldung: Warum in Privatinsolvenzen volkswirtschaftlicher Sprengstoff steckt

Überschuldung: Warum in Privatinsolvenzen volkswirtschaftlicher Sprengstoff steckt

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Schuldnerberatung: Die gesetzliche Möglichkeit der Privatinsolvenz hilft nur einer Minderheit der Betroffenen

Hinter der wachsenden Zahl von Privatinsolvenzen verbergen sich persönliche Tragödien, ökonomischer Leichtsinn und volkswirtschaftlicher Sprengstoff.

Im Wohnzimmer von Horst Linder (Name geändert) in Krefeld am Niederrhein sieht es nicht nach Pleite aus. Die dunkle Ledercouch bietet Platz für eine Großfamilie, die Teppiche tragen die Muster berühmter persischer Manufakturen, die Kommoden stammen vom Schreiner, nicht vom Möbeldiscounter – es ist der Chic einer noch nicht lange vergangenen Zeit, es sind die Überreste eines Lebens im bürgerlichen Wohlstand. Der heute 62-jährige Architekt arbeitete lange als Projektentwickler, organisierte den Bau von Fußballstadien und Wohnsiedlungen, verkaufte die dann an Investoren. Er legte sich eine große Wohnung zu, ein schickes Auto, alles auf Raten. Und alles kein Problem – bis irgendwann die Aufträge wegblieben. Seine Sicherheiten waren längst aufgebaucht, sein angespartes Vermögen schließlich fürs tägliche Leben eingesetzt. Was ihm blieb, waren 200.000 Euro Schulden.

Derzeit gelten in Deutschland 3,3 Millionen Menschen als überschuldet. Ihre Verbindlichkeiten türmen sich auf rund 70 Milliarden Euro, die betroffene Gläubiger eigentlich ersatzlos aus ihren Bilanzen streichen müssten. Das ist ein gewaltiger volkswirtschaftlicher Sprengsatz. Als Geprellte grüßen Banken, Versandhäuser, Elektromärkte, Wohnungsbaugesellschaften, Telefonkonzerne, aber auch Privatleute.

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Selbst Alltagsausgaben auf Pump

Schuld daran ist auch eine veränderte Einstellung zur Kreditaufnahme. „Selbst Alltagsausgaben werden inzwischen regelmäßig über Kredite finanziert“, sagt Werner Sanio vom Schuldnerfachzentrum der Universität Mainz. Statt zu sparen, bis das Geld für den Fernseher oder die Couchecke beisammen ist, schauen viele nur darauf, ob sie sich die nächste Ratenzahlung leisten können. Lag der Anteil von Ratenkrediten an den gesamten Konsumkrediten vor zehn Jahren noch bei unter 50 Prozent, so hat sich das Verhältnis inzwischen gedreht: Fast 60 Prozent aller aufgenommenen Kredite von Privathaushalten sind heute Ratenkredite. Die Haushaltsbudgets werden so knapp kalkuliert, dass der Verlust des Arbeitsplatzes fast unweigerlich in die Überschuldung führt.

Um die Forderungskataloge der Gläubiger zu bereinigen und den Schuldnern die Rückkehr in geordnete Verhältnisse zu ermöglichen, hat der Bundestag vor zehn Jahren die Verbraucherinsolvenz parallel zur Insolvenz von Unternehmen eingeführt: Menschen, die so tief in der Kreide stehen, dass ihre Gläubiger chancenlos sind, können wie Firmen Insolvenz anmelden. Der Schuldner kann so nach einiger Zeit ins Wirtschaftsleben zurückkehren, die Geldgeber bereinigen ihre Bücher. „Die Rückkehr der Schuldner ins Wirtschaftsleben schafft Kaufkraft“, behauptet die Autorin Anne Koark, die mit ihrem Roman „Insolvent und trotzdem erfolgreich“ über die eigene Insolvenzerfahrung vor fünf Jahren einen Bestseller landete. Sie kritisiert, die Entschuldung würde sich in Deutschland viel zu lange hinziehen. So wird ein Schuldner in Großbritannien nach einem Jahr von all seinen Verpflichtungen befreit, in Frankreich nach 18 Monaten. In Deutschland dauert es sechs Jahre.

Dass die Schuldner von heute der Konsummotor von morgen sein sollen, hält Jochen Schatz dagegen für eine gefährliche Hoffnung. „Die Privatinsolvenz animiert dazu, über seine Verhältnisse zu leben“, sagt der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Inkassounternehmen. Zahlungsunfähige Privatleute von heute seien die Wiederholungstäter von morgen.

Betroffene sehen das natürlich anders. Andrea Straub (Name geändert) will nur, dass die Gläubiger endlich Ruhe geben. Sie hat alles noch mal durchgezählt, letzte Nacht, wie fast jede Nacht in den vergangenen Jahren. Unbezahlte Arztrechnungen, Mietschulden, Bankschulden – über 90 Gläubiger hat sie, 160.000 Euro wollen die von ihr. Dafür reicht ihr kleines Gehalt niemals. Selbst wenn sie arbeitet, bis sie tot umfällt, wird alles nur schlimmer werden. Da kann sie auch gleich tot sein, hat sie sich im schlimmsten Moment gedacht, das wäre sogar besser. Das war im Juni 2006 und die heute 41-jährige Düsseldorferin war kurz davor, sich in den Rhein zu stürzen. Dann begann ihr Insolvenzverfahren.

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