Umweltschutz: Die Jugend entdeckt den positiven Protest

Umweltschutz: Die Jugend entdeckt den positiven Protest

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Carrotmob in Hamburg. Die Kasse klingelt im Minutentakt

Zuckerbrot statt Peitsche: Um Unternehmen zum Umweltschutz zu bewegen, erfinden junge Leute den positiven Protest.

Seener Aktas ist misstrauisch. Zwei Männer reden auf seinen Schwager in dessen Obst- und Gemüseladen ein. Das kann nichts Gutes bedeuten. Schnell läuft er vom Büro in den Verkaufsraum. Sein Schwager versteht schlecht Deutsch. Was sie wollen, fragt Aktas die Fremden. Was diese nun sagen, hat er noch nie gehört: Sie wollen dem türkischen Laden im Hamburger Schanzenviertel Kunden beschaffen, 200 bis 300 mehr für einen Tag. Sein Schwager Mehmet Bozkurt müsse dafür nur einen Teil dieses einen Tagesumsatzes in die Energieeffizienz seines Ladens investieren. In neue Kühlgeräte etwa.

Die Fremden sind Jörn Hendrik Ast und Gerrit Jessen, beide junge Unternehmer. Sie organisieren mit vier anderen Mitstreitern einen Carrotmob (Mob ist englisch für Meute). Im Gegensatz zu den klassischen Flashmobs, bei denen sich Hunderte Menschen etwa zu einer Kissenschlacht vor dem Kölner Dom verabreden, hat der Carrotmob eine Botschaft. Um Unternehmen zum Stromsparen zu bewegen, wird ihnen statt einer Peitsche eine Karotte vor die Nase gehalten. Das Lockmittel ist das Geld von Kauflustigen, die sich über das Internet zum Konsum verabreden.

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In den USA startete die Protestform vor zwei Jahren, in Deutschland kauften das erste Mal vor einem Jahr 400 junge Leute gemeinsam in einem Kiosk ein. Der Besitzer hatte innerhalb von drei Stunden 2000 Euro in der Kasse.

Riss in der Kühlschranktür

Die neue Aktionsform steht für eine Veränderung der Protestkultur. Spontan und unkompliziert soll sie sein, die kritische Meinungsäußerung, und Spaß machen natürlich auch. Der Soziologe Dieter Rucht von der Freien Universität Berlin sagt: „Junge Leute wollen nicht mehr in Vereinen sitzen und sich an einer Geschäftsordnung entlang hangeln. Sie wollen sich situationsbedingt, ihren eigenen Interessen folgend, engagieren.“ Das hat auch Greenpeace erkannt und im Juni 2009 die Internet-Plattform Greenaction gegründet. Dort kann jeder zu Kampagnen aufrufen, auch ohne Mitglied zu sein. Das senkt die Hemmschwelle für politisches Engagement.

Kirsten Brodde, Autorin des Buches „Protest! Wie ich die Welt verändern und dabei auch noch Spaß haben kann“ glaubt, dass junge Leute nicht mehr bereit sind, an „Latsch-Demos“ teilzunehmen. Und immer nur gegen etwas sein wollen sie auch nicht. „Carrotmobs entspringen dem Bedürfnis, konstruktiv zu sein, für etwas zu sein“, sagt sie. Protestforscher Rucht erwartet, dass die Zahl der geplanten Kaufräusche zunehmen wird. Aber nur, solange die Medien sie spannend finden. Denn ein Protest, der nicht in der Öffentlichkeit stattfinde, finde nur für die Protestierenden selbst statt. Eine Variation könnte helfen. „Bisher werden nur kleine Läden besucht, es müssen auch große Unternehmen angegangen werden“, sagt Brodde.

Bozkurt jedenfalls hat sich überzeugen lassen. 40 Prozent eines Tagesumsatzes will er für den Klimaschutz im Laden -investieren. Möglichkeiten gibt es genug: Die Kühltheke ist über 13 Jahre alt, die Kühlschranktür hat einen Riss. Für Strom muss Bozkurt monatlich 430 Euro zahlen.

Am Samstag, den 5. Juni, ist es so weit. Die ganze Familie ist da. Brüder, Schwestern, Schwager, Enkel, Söhne und Töchter tragen grüne T-Shirts mit dem Namen des Ladens vorne drauf: Yesilirmak Markt, extra für den Tag gekauft. „Normalerweise fürchten die Leute einen Flashmob. Wenn sie aber Ziel eines Carrotmobs werden, freuen sie sich“, sagt Brodde. Schnell unterschreibt Bozkurt noch den Vertrag, der ihn zur Investition verpflichtet.

Von 11 Uhr bis 15 Uhr sollen die Kunden kommen, so steht es auf der Facebook-Seite. Gegen 13 Uhr klingelt die Kasse im Minutentakt. In vier Stunden kaufen 276 Kunden für 1670 Euro in dem Hamburger Laden ein. Das ist das Dreifache eines ganzen Tagesumsatzes. So macht Umweltschutz Freude.

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