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Undercover in der Piratenpartei: Nervöse Piraten

Undercover in der Piratenpartei: Mein Leben als Pirat

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Abstimmung Piraten-Arbeitskreis Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche
Klares Stimmungsbild. Bei Anträgen der Arbeitskreise gibt es kaum Wiederspruch. Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Nervöse Piraten

Im Forum wird mein Antrag unterdessen munter diskutiert, als Hauptkonkurrent entpuppt sich schnell der AK-Vorsitzende Robert Stein, der jedes neue Argument mit einem Verweis auf die Sorgen der Arbeitnehmer im Einzelhandel pariert. Ich erlebe hier außerdem zum ersten Mal ein anderes Phänomen, das für die Debatten der Internet-Partei stilbildend ist: den mitlesenden Mob. Solange die Debatten sich um spezielle Themen drehen, läuft es gesittet ab, die Beiträge bleiben eng am Thema, beziehen sich aufeinander. Doch wehe dem, der es wagt, an den Grundüberzeugungen der Partei zu zweifeln. Aus einer Handvoll Diskutanten wird in Sekunden eine aufgebrachte Menge. Zum Glück bin nicht ich es, der den Stein ins Rollen bringt. Die Rolle übernimmt Oberpirat Bobby79 selbst.

Meinen Einwurf zum Ladenschluss hatten andere genutzt, um eigene Ideen für das Wirtschaftswahlprogramm einzubringen. Mit jeder neuen Idee werden die Arbeitskreispiraten nervöser, seit Wochen haben sie an ihrem Programm gearbeitet, jetzt wollen sie es nicht mehr umschmeißen. Als einer fragt: „Wo waren die ganzen Leute eigentlich vor dem 14. 3.?“, also dem Tag, als die Neuwahlentscheidung in NRW fiel, platzt Bobby79 der Kragen. Er schimpft auf die Trolle und fordert auf, sie zu ignorieren. Sofort bricht ein Sturm los, und Bobby ist mittendrin. Auf einmal sind ganz viele Piraten, wo vorher nur der Arbeitskreis war. Die einen unterstützen ihn, andere werfen ihm vor, die transparenten Prinzipien der Partei zu untergraben, und wieder andere wundern sich, so würden sie Bobby nicht kennen. Eine Stunde später ist der Spuk vorbei.

Diagramm: Piraten mit Rückenwind Quelle: Infratest Dimap, Piratenpartei Deutschland
Diagramm: Piraten mit Rückenwind Quelle: Infratest Dimap, Piratenpartei Deutschland

Mich lässt das rätselnd zurück. Manche haben sich positiv über meine Idee geäußert, andere zweifelnd. Woher soll ich wissen, ob ich mit einer Mehrheit rechnen könnte? Mir fällt „Liquid Feedback“ ein, die Software, mit der die Partei Stimmungsbilder zu allem Möglichen einholt. Doch die Hürden dafür sind hoch. Wer das System nutzen will, braucht erst Unterstützer dafür, dass abgestimmt wird. Und dann dürfen nur Mitglieder mitmachen.

Kleiner Erfolg

Am nächsten Morgen weiß ich zumindest, wie der Arbeitskreis tickt. Bobby79 hat seine Leute auf Linie gebracht, bei der Mumble-Sitzung hat der Arbeitskreis sich gegen den Antrag ausgesprochen. Mir bleibt jetzt nur noch die offene Konfrontation. Schließlich hat der Arbeitskreis nur ein Dutzend Mitglieder, auf dem Parteitag stimmen aber Hunderte ab. Donnerstagabend, einen Tag vor der Deadline für die Anträge, erläutere ich meine Idee noch einmal und füge auch einen Entwurf bei. Ich mache Ernst, soll das heißen. Mein erster kleiner Erfolg kommt eine Stunde später, als ich eine persönliche Mail erhalte: „Ich unterstütze deinen Antrag.“ Jetzt kommt auch die Debatte richtig in Fahrt. Über Ostern wird der Beitrag „Ladenöffnungszeiten“ so intensiv diskutiert wie kein anderer in der Geschichte des Arbeitskreises. Zerknirscht räumt Bobby79 ein:

Auch wenn ich grundsätzlich anderer Meinung bin (...) schlage ich vor, dass Du den Antrag einreichst. Vielleicht findest Du ja Deine 2/3 Mehrheit.

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Das schmeckt schon nach Erfolg, und drei Tage später ist klar, dass ich es formell geschafft habe: Das Antragsbuch wird veröffentlicht, darin „Wahlprogrammantrag 049, Neuregelung Ladenöffnungszeiten“. Alles hängt jetzt am Parteitag.

26 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 03.07.2012, 11:42 UhrLordSnow

    Den Versuch sollte man wirklich mal in anderen Parteien wiederholen, da wäre ich gespannt, wie viele Jahre oder Jahrzehnte man benötigt, um ein Thema, was einem wichtig ist auf die Tagesordnung zu setzen, vor allem wenn man nicht der Vertreter eines Großkonzernes ist.

  • 15.05.2012, 18:13 UhrGeneral-Investigation

    Das hat doch nicht mit dem Alter der Piraten oder dem Alter des Autoren zu tun, es sind lediglich Erfahrungen die dort gemacht wurden.
    Und etwas für destruktiv zu halten, nur weil über Tatsachen geschrieben wird, ist schon seltsam. Immerhin sind es die Piraten, die sich als neue Glaubensgemeinschaft präsentieren (mehr sind sie nämlich tatsächlich nicht)und dabei ganz vergessen, das man nicht nur einfach gegen etwas sein muß, sondern am besten gleich im nächsten Atemzug eine Verbesserung mitbringt. Doch genau das tun die Piraten nicht, sondern bringen immer wieder den gleichen Satz der Sinngemäß sagt: "Wir wissen noch nichts zu dem Thema X, weil wir uns noch nicht damit befasst haben."
    Und diese Themen mit denen Sie sich noch nicht befasst haben, füllen eine ellenlange Liste! Die Piraten werden genauso schnell wieder von der Politikbühne verschwunden sein wie sie auch drauf geklettert sind. Und das ist gut so.

  • 15.05.2012, 18:08 UhrGeneral-Investigation

    @ Otto

    Sie halten es für Freiheit einkaufen zu können wann Sie wollen? Fein, dann sollten Sie dringend in den Verkauf gehen damit Sie verstehen lernen, wie dann so ein Arbeitstag aussehen könnte. Immerhin gibt es Menschen wie Sie, die auch gerne einkaufen wollen wann Sie möchten. Denen ist es auch ziemlich egal,ob sich das für die Inhaber überhaupt lohnt und nicht irgendwann die Preise steigen müssen, weil die Zusatzkosten einfach aufgefangen werden müssen - oder man zur Not eben auf Angestellte verzichten muß, womit die anderen noch mehr machen müssen.
    Kommt das Ihrer Idee nach Freiheit immer noch so nah?


    @ Maren

    Absolut richtig, aber viele haben noch gar nicht bemerkt, das längere Ladenöffnungszeiten nicht gleichzeitig mehr Geld in die Kassen bringen, sondern ganz im Gegenteil mehr Kosten verursacht werden. Bei uns in einer Relation großen Stadt hat man zu Beginn der erweiterten Ladenöffnungszeiten hoch jauchzend gejubelt und schon nach 6 Monaten gab es nur noch einen Anteil von max. 10% die Ihre Läden länger aufhalten wollten. Noch 4 Monate später haben auch die Inhaber eingesehen das es Unsinn ist, also komm doch niemand damit das man dringend die Läden offen haben müßte weil die Leute später einkaufen. Das ist Unfug, denn es wird nicht mehr Geld ausgegeben, sondern nur zu anderen Zeiten!

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