US-Politologe Weiss: "Deutschland sollte nicht so schüchtern sein"

US-Politologe Weiss: "Deutschland sollte nicht so schüchtern sein"

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Der New Yorker Politologe Thomas G. Weiss.

Deutschland gilt bei den Vereinten Nationen als Musterschüler: Emsig, hilfsbereit, nett. Vielleicht etwas zu nett, sagt der New Yorker Politologe Thomas G. Weiss. Die Deutschen sollten selbstbewusster sein.

Wenige Politologen sind so mit den Vereinten Nationen vertraut wie Professor Thomas G. Weiss vom New Yorker Ralph Bunche Institute for International Studies. Der Amerikaner, bekannt durch Dutzende Veröffentlichungen zu den UN und zur Konfliktforschung, stellt den Deutschen im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur nach 40 Jahren Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen ein gutes Zeugnis aus - würde aber gern mehr sehen.
dpa: Herr Professor, 1973 wurden die beiden deutschen Staaten Mitglieder der Vereinten Nationen. Spät, fast 30 Jahre nach der Gründung - oder früh, nicht einmal 30 Jahre nach dem Holocaust?

Weiss: Der Grund für die Verzögerung war nicht der Weltkrieg direkt, sondern die daraus resultierende Teilung. Die beiden deutschen Staaten haben sich gegenseitig belauert und ihre Verbündeten natürlich auch. Erst Ende der 60er Jahre gab es Bewegung in die richtige Richtung. So wurde 1971 das wirkliche China und nicht Taiwan Mitglied der UN und zwei Jahre später auch Deutschland. 1945 war das nach dem Krieg einfach unmöglich.

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Sind die Deutschen denn seit 1990 ein ganz normales Mitglied?

Grundsätzlich ja. Das Image des Kriegsfeindes und -verlierers ist längst begraben. Das gilt für mich persönlich, aber auch für die UN-Mitglieder und inzwischen ja auch für die Deutschen selbst. Aber wie für Japan gilt auch für Berlin: Ihr solltet aktiver sein.

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Quelle: dpa

Aber Deutschland ist doch, nach Japan, drittgrößter Beitragszahler und Zehntausende Helfer unter der hellblauen UN-Flagge sind Deutsche.

Das ist richtig, dieses Engagement ist sehr groß. Aber Deutschland will sicher, wie Japan, nicht einfach Geldautomat der UN sein. Viele wünschen sich eine größere Beteiligung an militärischen Einsätzen. Ein Mitspieler auf dem weltweiten Parkett wird man durch wirtschaftliche, aber auch durch militärische Stärke. Und die Debatte um Syrien zeigt, dass sich Deutschland zu wenig selbst in Position bringt.

Also nach 70 Jahren Vereinte Nationen gilt nach wie vor nur der etwas, der starke Bataillone hat?

Man müsste dumm sein, wenn man das nicht zugibt: Militärische Stärke ist eine absolute Notwendigkeit, um eine große Macht zu sein. Das ist es natürlich nicht allein, das zeigt Deutschland ja gerade in der Eurokrise, wo es auf einem rein politisch-wirtschaftlichen Feld Führungskraft bewiesen hat. Aber ohne militärische Stärke geht es nicht. Bedauern Sie es oder nicht, aber so tickt die Welt.

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Welche Rolle könnte Deutschland in den nächsten 40 Jahren spielen? Kommt endlich der erhoffte Sitz im Weltsicherheitsrat?

Es gibt dafür nur eine ganz kleine Chance. Ich bin gerade aus Brasilien zurückgekommen, da hatte ich dieselbe Diskussion. Jeder beteuert zwar den Willen zur Reform. Aber im Grunde hat jeder etwas dagegen. Jeder potenzielle Kandidat, auch Deutschland, hat mindestens einen mächtigen Gegenspieler, der ihn unbedingt verhindern will. Und keine Reform käme an den jetzigen ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates vorbei. Und die denken natürlich gar nicht daran, ihre Macht zu teilen.

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