
Links vom Schreibtisch der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hängt ein schweres Messingkreuz an der Wand, ein Kreuz, kein Kruzifix, hoch über ihr, schlicht, streng und mahnend, das Symbol göttlicher Gnade. Schräg rechts von ihr im Eck, auf Augenhöhe, vis-a-vis, sitzt ein goldiger Buddha-Frosch und grinst, die Beine verschränkt, die Handrücken auf den Knien, eine „kultige Feng-Shui-Deko“, heißt es im Internet-Shop, Modell Relax, 18 x 28 Zentimeter. Das Kreuz hat Ilse Aigner (CSU) von ihrem Vorgänger, dem bayrischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Horst Seehofer geerbt. Es erinnert sie daran, dass es etwas Größeres gibt als sie selbst. Den fröhlich meditierenden Frosch haben ihr ein paar liebe Freundinnen geschenkt. Er ermuntert sie, trotzdem gelassen, heiter und sympathisch zu bleiben.
Seit fast 15 Monaten ist Ilse Aigner nun schon Ministerin. Man kann nicht behaupten, dass sie sich in dieser Zeit in den Vordergrund gedrängt, von München abgenabelt, ihre persönliche Handschrift gefunden hätte. Ilse Aigner hat in Wolgast ein Fischereischutzboot auf den Namen „Meerkatze“ getauft und in Berlin das Grußwort zum Zukunftskongress Gartenbau gesprochen. Sie hat den ermäßigten Steuersatz auf Agrardiesel begrüßt und sich in Brüsseler Verhandlungsnächten für die Subventions-Interessen der Milchbauern eingesetzt. Sie hat auf Geheiß ihres Parteichefs den Anbau von Genmais verboten und die Münchner Direktiven sowohl gegen ihre eigene Überzeugung als auch gegen die ihrer Fortschrittsfreunde in der Union durchgeboxt. Die größte Gemeinheit, die im politischen Berlin gegen sie im Umlauf ist, ist die, dass Ilse Aigner als Anwältin der Landwirte, als Führungsmitglied der CSU und als bayrische Regionalpolitikerin alle Erwartungen erfüllt hat.
Geräuschloser Aufstieg
Es fällt schwer, Ilse Aigner zu überschätzen. Ihr fehlt die frei formulierende Felsenfestigkeit des Kollegen Gutten- » » berg, die staatsräsonale Inbrunst Westerwelles, der Instinkt, die Schärfe und die Eloquenz zur Debattenführung, wie sie Ursula von der Leyen eigen ist. Ihren Aufstieg und Einfluss verdankt sie keinem Machtwillen, keinem Charisma, keiner studierten Gelehrsamkeit, keiner rhetorischen Kraft, sondern ihrem Adressbuch, ihrer Kontaktfreude, ihrer Beziehungspflege, ihrem Ehrgeiz, ihrem Fleiß und ihrer Freundlichkeit. Ilse Aigner ist mit allen in der CSU gut, mit keinem dicke: „Nicht nach oben buckeln, nicht nach unten treten“, sagt Aigner, das hätten ihre Eltern sie gelehrt.
Als selbstbewusste, unverbildete, sachorientierte Politikerin konterkariert sie in höchst angenehmer Weise das traditionelle Bild einer CSU, in der sich hormonell unausgeglichene Alphatiere mit allerlei Krachledereien zu überbieten suchen. Als gelernte Elektrotechnikerin im Dirndl aus dem Oberbayern der Geranienbalkone entspricht sie in nahezu perfekter Weise dem Selbstbild der CSU als Partei der Tradition und des Fortschritts. Andererseits personifiziert sie als fescher, kinderloser Single in Berlin die gesellschaftliche Modernisierung der Union in Richtung urbane Mitte. Beides hat ihrer Karriere gewiss nicht geschadet.
Ihren geräuschlosen Aufstieg hat sich Ilse Aigner, 45, knochenhart erarbeitet: „Es gibt nur wenige Politiker, die auf allen erdenklichen Ebenen, in allen möglichen Strukturen, kommunal, regional, national, sowohl innerparteilich als auch überparteilich so gut vernetzt sind wie Ilse Aigner“, sagt ein hochachtungsvolles Mitglied der CSU-Führungsriege. Mit 19 Jahren trat Aigner der Jungen Union bei; mit 26 wurde sie Mitglied des Gemeinderats in ihrer Heimatgemeinde Feldkirchen-Westerham; mit 30 zog sie in den Münchner Landtag ein; mit 34 wurde sie in den Bonn-Berliner Bundestag gewählt, in dem sie sich der Bildung, der Forschung, dem Haushalt, dem Tourismus, der Raumfahrt und der Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements widmete, bevor sie am 4. November 2008 zur Ministerin vereidigt wurde.










