Verbraucherschutz: Wie Produktsiegel für Verwirrung sorgen

Verbraucherschutz: Wie Produktsiegel für Verwirrung sorgen

, aktualisiert 10. März 2017, 05:00 Uhr
von Dietmar NeuererQuelle:Handelsblatt Online

Eigentlich sollen die Portale die Bürger über die Qualität von Produktsiegeln informieren. In Wahrheit sorgen die vom Bund geförderten Webseiten aber eher für Verwirrung, bemängeln die Grünen und fordern Konsequenzen.

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Noch ein Siegel mehr: Kürzlich präsentierte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ein neues staatliches Label für mehr Tierwohl.

BerlinDie Verbraucherinformation gilt als eine zentrale Säule des Verbraucherschutzes. Produktsiegel beispielsweise sollen Bürgern helfen, nicht beim Einkauf die Orientierung zu verlieren. Trotzdem ist oftmals nicht auf Anhieb klar, was mit einer Kennzeichnung gemeint ist. Das kann auch daran liegen, dass die vielen Label die Verbraucher überfordern. Allein auf dem deutschen Markt gibt es inzwischen mehr als 1000 verschiedene Siegel.

Die Bundesregierung hat sich daher zum Ziel gesetzt, über die vielen unterschiedlichen Qualitätsabzeichen aufzuklären. Sie tut dies etwa mit diversen Internetportalen, die staatliche Förderung erhalten. Kunden sollen dort über die Inhalte und Herstellungswege der Produkte informiert werden. Wie komplex das Thema ist, lässt sich schon daran ersehen, dass sich für die Siegel-Aufklärung gleich vier Ministerien zuständig fühlen: Justizminister Heiko Maas (SPD), Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries(SPD). Bewährt hat sich das aber nicht.

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Zumindest haben die Grünen massive Zweifel am Nutzen der von der Bundesregierung initiierten Verbraucherportale zur besseren Beurteilung von Produktsiegeln geäußert. „Verbraucherinnen und Verbraucher verlieren zunehmend den Durchblick, welches Siegel wofür steht“, sagte Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, dem Handelsblatt. „Zur Steigerung der Verwirrung liefern die von der Bundesregierung geförderten Portale dann auch noch unterschiedliche Ergebnisse. Was wir brauchen ist ein vertrauenswürdiges Siegel pro Sektor.“

Laut Maisch bewerten beispielsweise die Verbraucherportale „label-online.de“ und „siegelklarheit.de“ dieselben Siegel unterschiedlich. Als Beispiel nannte die Grünen-Politikerin das Kleiderlabel „Cotton made in Africa“ des Unternehmers Michael Otto. Bei „Label online“, das vom Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV) Fördermittel erhält, wird das Siegel als „besonders empfehlenswert“ eingestuft, das Portal „Siegelklarheit“, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) betrieben wird, empfiehlt es nur als „gute Wahl“.

Unterschiedlich fallen die Bewertungen auch bei dem von der Fair Wear Foundation vergebenen Gütezeichen für ökologische und sozial fair hergestellte Mode aus. Während „Label online“ es als nur „empfehlenswert“ führt, stuft „Siegelklarheit“ das Siegel als „sehr gute Wahl“ ein. Die Grünen-Politikerin Maisch macht den Bund für die widersprüchlichen Urteile verantwortlich. „Die Bundesregierung versagt beim Lichten des Siegeldschungels“, sagte sie.


Verbraucherschützer fordern staatliche Mindestkriterien für Siegel

Die Bundesregierung sieht hingegen in dem von ihr initiierten Verbraucherportal „siegelklarheit.de“ ein geeignetes Instrument, um sich über gängige Umwelt- und Sozialsiegel zu informieren. Für das Portal seien „produktgruppenspezifische Mindestkriterien“ in den Bereichen Glaubwürdigkeit, Sozialverträglichkeit und Umweltfreundlichkeit festgelegt worden, heißt es in einer Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion. Damit gebe es einen „Benchmark für Siegel, der die Unterscheidung zwischen vertrauenswürdigen, inhaltlich anspruchsvollen und weniger vertrauenswürdigen Siegeln erlaubt“.

Verbraucherschützer überzeugt das nicht. „Die Mindestkriterien, die das Portal siegelklarheit.de festgelegt hat, haben keine Auswirkungen auf die Siegellandschaft“, sagte Kathrin Krause, Referentin für nachhaltigen Konsum beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), dem Handelsblatt. „Es sind keine Kriterien die die Produktion von Gütern sowie Nutzung und Auslobung von Nachhaltigkeitseigenschaften verändern.“

Zudem liste siegelklarheit.de nur Siegel, die eine „positive Bewertung“, also einen „Smiley“, erhalten hätten. „Der Siegel-Dschungel wird dadurch nicht gelichtet.“ Im Gegenteil: Die „schwachen“ oder „ambitionslosen“ Siegel, die für Verwirrung auf dem Markt sorgten, existierten weiter.

Der VZBV fordert daher, „staatliche Mindestkriterien für eine sozial- und ökologisch verantwortliche Produktion zu etablieren, an denen sich Produzenten und Verbraucher orientieren können“. Nötig sei zudem eine übergeordnete Kontrollinstanz. „Wir brauchen auch eine Aufsicht, die das Einhalten der Kriterien prüft – sonst sind Siegel eher ein buntes Feigenblatt statt Nachweise für Nachhaltigkeit und Fairness“, sagte Verbandsexpertin Krause.

Quelle:  Handelsblatt Online
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