Verkehrspolitik: Mehr Fahrrad wagen!

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Verkehrspolitik: Mehr Fahrrad wagen!

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Fahrrad in der Stadt: Chaos auf den Radwegen und in der Politik.

von Thomas Schmelzer

Abrupt endende Radwege, Baustellenblockaden, vorbeirauschende Autos: In deutschen Städten herrscht Fahrrad-Anarchie. Die Politik schaut weg. Dabei gibt es längst Beispiele, wie es besser gehen kann.

Der weiße Transporter zischt nur wenige Zentimeter an meinem Rad vorbei, dann schert er scharf vor mir in die Spur. Ein paar Minuten später taucht von links ein Sportwagen auf, knapp hält er vor mir an der Kreuzung an. Es geht weiter über von Wurzeln nach oben gedrückte Pflastersteine. Slalomfahren um Passanten, die plötzlich vom Gehweg auf den schmalen Radstreifen wechseln. Schließlich endet der Radweg und wirft mich auf eine riesige Kreuzung – mitten hinein in das Gewusel aus Bussen, Fußgängern, LKWs und jeder Menge Autos.

Herzlich willkommen in der Fahrrad-Anarchie Deutschland. Genau 6,5 Kilometer misst die Strecke von meiner Haustür ins Büro durch Berlin. Es könnte ein ruhiger Weg sein, vorbei an Bäumen, Parks, Häuserreihen – ein entspannter Start in den Tag. Stattdessen: Gedrängel, Gehupe, Gefahr. Autofahrer schreien Radfahrer an. Radfahrer drängeln sich dreist zwischen Autos hindurch. Der Stresspegel steigt.

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Leider ist der Weg durch Berlin keine Ausnahme. Ob Köln, Hamburg, München, Dresden, Düsseldorf, Stuttgart: In fast jeder deutschen Großstadt müssen sich Autofahrer, Passanten und Radfahrer jeden Tag durch solches Chaos auf den Straßen kämpfen. Es fehlt an klaren Beschilderungen, separaten Radwegen – und einem Konzept für die Zukunft der Mobilität in den Städten.

Viele Argumente sprechen dabei für mehr Fahrradverkehr. Vor allem ist er günstig. Nach einer Berechnung der Forscher Stefan Gössling von der Universität Lund in Schweden und Andy Choi von der australischen Universität Queensland kostet jeder Autokilometer für den Fahrer 50 Cent – für Radfahrer dagegen ist er fast kostenlos (Kosten: 0,08 Cent). Für die gesamte Volkswirtschaft fällt die Bilanz ebenso gut aus. Jeder zurückgelegte Kilometer mit dem Auto kostet 15 Cent, jeder Fahrradkilometer bringt 16 Cent Gewinn ein. Der Gewinn kommt zustande, weil die Forscher für ihre Rechnung den Nutzen des Fahrrads für Klimaschutz, Lärmreduktion, Schadstoffverringerung oder das Gesundheitssystem mit berücksichtigt haben.

Zweitens: Mehr Fahrradfahrer könnten die Städte vor einem drohenden Verkehrskollaps bewahren. Mehr Räder bedeutet weniger Autos – und somit weniger Staus. Schon jetzt verlieren die Volkswirtschaften der EU jeden Tag eine Milliarde Euro durch stockenden und stehenden Verkehr. Das rechnete EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc gerade auf dem Radfahrkongress Velocity vor. Zwar entstehen viele Staus auf den Autobahnen, doch auch in den Städten würden Handwerksbetriebe, Supermärkte und Händler von staufreien Straßen profitieren.

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Drittens: die Umwelt. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes würde ein Berufspendler, der jeden Tag fünf Kilometer zur Arbeit fährt, 350 Kilo Kohlendioxid einsparen, falls er statt des Autos das Fahrrad benutzt. Auf Deutschland gerechnet, könnte eine stärkere Nutzung des Fahrrads bis zu acht Prozent der CO2-Emissionen aus dem täglichen Personenverkehr einsparen. Auch das Feinstaub-Problem vieler Städte könnten die Radfahrer entschärfen.

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