Verschuldung: Privatinsolvenzen auf neuem Höchststand

Verschuldung: Privatinsolvenzen auf neuem Höchststand

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Münchner Tafel

von Bert Losse

Millionen deutsche Haushalte sind überschuldet, die Zahl der Privatinsolvenzen könnte 2010 einen neuen Rekordstand erreichen. Darunter leidet auch die Wirtschaft.

Die RTL-Sendung mit Peter Zwegat interessiert Bettina Seidel nicht besonders. Wenn der populäre TV-Schuldnerberater mit grimmiger Miene die Verbindlichkeiten traurig dreinblickender Eheleute aufs Papier kritzelt, schaltet sie meist ab. Mit diesem Thema hat Seidel während ihres Arbeitstages schon genug zu tun: Sie ist Schuldnerberaterin bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und berät finanziell klamme Haushalte, denen die Schulden über den Kopf wachsen. Der Andrang ist groß. „Wir sind ständig ausgebucht“, sagt Seidel.

Kein Wunder: Insgesamt müssen die Bundesbürger derzeit Kredite in Höhe von mehr als 1,2 Billionen Euro bedienen. Rund 6,2 Millionen Menschen sind überschuldet und kommen ihren laufenden Zahlungsverpflichtungen nicht nach. Es sei „in unserer Gesellschaft völlig normal geworden, sich Wünsche per Kredit zu erfüllen“, sagt Seidel. „Manche Schuldner haben bis zu 30 Gläubiger.“

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Auf Kante genäht

Der letzte Ausweg ist für immer mehr Schuldner der persönliche Konkurs. Im vergangenen Jahr verzeichnete Deutschland die (nach Großbritannien) zweithöchste Zahl von Privatinsolvenzen in Westeuropa. 2010 könnte deren Zahl mit rund 140 000 einen neuen Rekordwert erreichen. Bei dem 1999 eingeführten Insolvenzverfahren zahlt der Schuldner, sofern ein außergerichtlicher Einigungsversuch gescheitert ist, sechs Jahre lang den pfändbaren Teil seines Einkommens an einen Treuhänder. Der Rest der Schulden verfällt danach. Viel kriegen die Gläubiger so nicht zurück: Bei zwei unterhaltspflichtigen Kindern und einem Nettolohn von 1600 Euro etwa sind gerade mal 15 Euro im Monat pfändbar.

Aus vielfältigen Gründen rutschen Menschen in die Schuldenfalle: Oft sind die Haushaltspläne so auf Kante genäht, dass ein Jobverlust unweigerlich zur Zahlungsunfähigkeit führt. Dann können Hauseigentümer plötzlich ihren Hypothekenkredit nicht mehr bedienen. Eine wachsende Zahl von Verbrauchern deckt sich auch ungehemmt mit Konsumgütern ein, die sie sich nicht leisten können. Dabei helfen Raten, großzügige Dispokredite oder Null-Prozent-Finanzierungen. Selbst im Krisenjahr 2009 unterschrieben die Deutschen Konsumkreditverträge in Höhe von 226 Milliarden Euro – das sind zwei Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Und so manches Klischee erweist sich als überraschend realitätsfest. „Während sich Männer eher bei der Autofinanzierung übernehmen, tun die Frauen dies eher im Versandhandel“, heißt es in einer Analyse der Wirtschaftsauskunft Bürgel.

Private Verschuldung und Konjunktur verstärken sich gegenseitig: „Die Zentralbanken haben nach dem Platzen der New-Economy-Blase die Leitzinsen drastisch gesenkt. Das hat die Anreize zur Aufnahme neuer Kredite erhöht“, sagt Paul Schmidt, Volkswirt an der Frankfurt School of Finance & Management. Und wer in einer „nachhaltigen Überschuldungskrise“ stecke, so die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, ist meist ein schlechter Konsument; er kauft weniger ein, streicht Kino- und Restaurantbesuche – und bremst die Konjunktur.

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