exklusivVolkswagen: Was wusste Wulff?

06. Januar 2012
Christian Wulff neben einem VW-Logo (2008) Quelle: APBild vergrößern
Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff bei einer Porsche-Betriebsversammlung (2008) Quelle: AP
von Martin Seiwert

Banken, Versicherungen und Fonds fordern 1,8 Milliarden Euro Schadensersatz von Bundespräsident Christian Wulff wegen vermeintlicher Versäumnisse als VW-Aufsichtsrat.

Als niedersächsischer Ministerpräsident war Christian Wulff stolz auf seine Nähe zur Wirtschaft. So sehr, dass er sich „Vorstandsvorsitzender von Niedersachsen“ nannte. Jene Nähe wird für Wulff immer mehr zum Problem. 67 Banken, Versicherungen, Pensions-, Staats- und Hedgefonds behaupten, Wulff habe in seiner Zeit als VW-Aufsichtsrat Pflichten verletzt und den Porsche-Eignern, den Familien Porsche und Piëch, in die Hände gespielt.

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Als VW-Aktionäre hatten die Investoren nach eigenen Angaben hohe Summen verloren, weil Porsche im Übernahmekampf mit VW Marktteilnehmer rechtswidrig getäuscht habe, so der Vorwurf. Mitschuldig sei Wulff, der als Ministerpräsident für den 20-Prozent-Anteil des Landes Niedersachsen an VW verantwortlich war. Er habe gewusst, dass Porsche Anleger belogen habe. So soll er beispielsweise schon vor Oktober 2008 erfahren haben, dass Porsche VW übernehmen wollte.

Erst da hatte Porsche die Übernahmepläne öffentlich bekannt gegeben. Wulff, so der Vorwurf der Investoren, habe es aber versäumt, dafür zu sorgen, dass die anderen VW-Aktionäre und Marktteilnehmer rechtzeitig darüber informiert worden seien. Die Geldhäuser fordern deshalb von Wulff 1,79 Milliarden Euro Schadensersatz, wie aus einem Antrag auf Einleitung eines außergerichtlichen Gütetermins hervorgeht, der der WirtschaftsWoche vorliegt.

Der Antrag, der an die staatlich anerkannte Gütestelle CenaCom in Karlsruhe gerichtet ist, wurde am 28. Dezember von der Berliner Prozessführungsgesellschaft ARFB gestellt, an die die 67 Investoren ihre Ansprüche abgetreten haben. Experten halten den Ausgang des Verfahrens für völlig offen. Dem Antrag zufolge hätten die angeblichen Falschaussagen von Porsche zu Kurskapriolen der VW-Aktie geführt.

Wulff habe „schweigend und untätig zugesehen, wie Porsche Nutznießer der Kapriolen wurde und 5,4 Milliarden Euro Beute machte“, heißt es in dem Antrag. Wulff, sein Rechtsanwalt und das Bundespräsidialamt äußerten sich inhaltlich nicht zu den Vorwürfen. Wulff sei das Güteverfahren bislang nicht bekannt gewesen, so der Anwalt des Bundespräsidenten. Porsche und VW bestreiten alle Vorwürfe.

Die von Wulff geforderte Summe ist identisch mit der, die die Investoren von Porsche und VW fordern. Eine entsprechende Klage wurde im September am Landgericht Braunschweig eingereicht und kurz vor Jahresende erweitert. Zu den ursprünglich 41 Klägern kamen 26 weitere. Die Forderung erhöhte sich von 1,1 auf 1,8 Milliarden Euro. Fünf weitere Investoren fordern in einer neuen Zusatzklage noch einmal 351 Millionen Euro von Porsche.

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Kommentare | 14Alle Kommentare
  • 06.01.2012, 17:46 UhrIris

    wenn Banken, Pensionskassen und Versicherungen die Finger durch die Aktien-Leerverkäufe verbrannt haben, dann zurecht. Wenn ein Finanzexperte nicht weiß, dass Geld ohne Wertschöpfung, nicht arbeiten kann, wer soll es dann wissen. Herr Wiedeking ist auch diesem Irrglauben aufgegessen. Die einzigen die in Haftung genommen werden sollen sind die Herren Wiedeking und Härter

  • 06.01.2012, 18:19 UhrMalocher

    Mit nichts anderem in der Hand als der nicht zum ersten Mal von Womack/Jones methodisch falsch aufgebauten Studie industrieller Arbeit in der Automobilindustrie mithin am Beispiel der Dr.-Ing. h. c. F. Porsche AG (dies.: Lean Thinking, New York u. a., 2003, S. 189-218) war es ohnehin von deren Vorstand vermessen, eine Mehrheit an der Volkswagen AG anzustreben. Halten angesichts dessen Investoren ihre deshalb offenkundig eigene Aliteralität nunmehr dem einstigen niedersächsischen Ministerpräsidenten als früherem Aufsichtsratsmitglied vor, könnte ein solches Unterfangen aberwitziger nicht sein.

  • 06.01.2012, 20:06 UhrJoselyn

    Wenn sich das beweisen ließe und bewahrheiten sollte, wäre das Insiderhandel. Damit würde Herr Wulff nicht nur gegen Bundesrecht, sondern sogar gegen EU-Recht verstoßen haben. Schweigend zusehen und aussitzen kann er ja gut.

    Schließlich ist man per Gesetz bei solchen Informationen verpflichtet, diese zeitnah (innerhalb 1 Woche bis 2 Wochen) weiterzugeben, damit kein Schaden entsteht bzw. der Schaden in Grenzen gehalten wird.

    Auf den Ausgang des Verfahrens bzw. Gütetermins kann man gespannt sein.

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