Von Berlin bis zum Hunsrück: Duisburg ist kaum wiederzuerkennen

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Von Berlin bis zum Hunsrück: Der große Wohnungsmarkt-Check

Duisburg ist kaum wiederzuerkennen


Reine Bürostandorte scheiden aus. Und damit sich Umnutzungen rentieren, weiß Niermann, sind große Eingriffe in die statische Konstruktion tabu. Wichtig ist, dass keine Treppenhäuser zu entfernen sind und dass sich Balkone oder Loggien anbauen lassen. In Golzheim geht das Kalkül für Garbe auch auf, weil im Erdgeschoss, wo mal Empfang und Poststelle waren, ein 1100 Quadratmeter großer Supermarkt einziehen wird.

Stimmten Lage und Bausubstanz, sei ein Totalumbau 25 Prozent billiger als ein Neubau, sagen die Garbe-Bauleiter Müller und Walla. Da es gilt, Häuser aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren an Standards von heute anzupassen, wird der alte Estrich komplett entfernt und ein moderner schwimmender Estrich mit Schallschutz verlegt. Die Fassade bekommt eine Wärmedämmung.

Johnson & Johnson-Mitarbeiter würden bei einer Besichtigung der 42 Wohnungen wenig wiedererkennen. Von der alten Innenausstattung erhalten bleibt einzig – der hölzerne Handlauf im Treppenhaus.

Duisburg - Wie in einem anderen Land

„Zwischen Düsseldorf und Duisburg liegen nicht 30 Minuten, sondern Welten“, sagt Arne Lorz vom Stadtentwicklungsprojekt „Duisburg2027“. Während Düsseldorf aus allen Nähten platzt, schrumpft Duisburg – wie viele andere Ruhrgebietsstädte. Auf mehr als 600 000 Einwohner war Duisburg mal ausgelegt. 486 000 sind es jetzt, mit einem weiteren Rückgang auf 450 000 rechnen Stadtplaner wie Lorz. 15 000 Wohneinheiten stünden schon leer, sagt er – während in Düsseldorf Mangel herrscht. Man müsse, so Lorz, die Stadt „an den Schrumpfungsprozess anpassen“. Oder sich von „unattraktiven Wohnlagen trennen“, gab der frühere Planungsdezernent Jürgen Dressler als andere Parole vor. Nur: Wie macht man das?

Die erste Begegnung mit Bruckhausen im Duisburger Norden ist Staunen pur: Straßen wie Filmkulissen. Parkten rechts und links die passenden Autos, könnten zwischen den schäbigen Fassaden einst schmucker Gründerzeithäuser DDR-Szenen spielen oder Unterschicht-Dramen aus der Weimarer Republik. Man schaut die Dieselstraße herunter – und nur 200 Meter entfernt ragen die Anlagen des ThyssenKrupp-Stahlwerks auf und der gigantische Hochofen, der bald abgerissen wird und schon durch einen modernen ersetzt wurde. 12 500 Menschen arbeiten hier. Im Film verewigt ist Bruckhausen längst: Götz George als Kommissar Schimanski prügelte sich hier durch „Tatort“-Folgen.

In Bruckhausen eskaliert ein Konflikt zwischen Stadt und Bürgern, der ahnen lässt, welche Zerreißprobe dem Ruhrgebiet noch bevorsteht, wenn die Städte auf den Bevölkerungsrückgang mit Sanierungsprogrammen vom grünen Tisch und mit Abrissbaggern reagieren. Abreißen will die Stadt Duisburg den Teil Bruckhausens, den nur die Kaiser-Wilhelm-Straße vom Stahlwerk trennt. 120 Häuser sollen verschwinden, rund 30 davon sind schon weg. Die Stadt macht ganze Straßenzüge platt, um dort am Ende einen Grüngürtel anzulegen.

Prognose für Mieten bis 2015

  • Hamburg

    Durchschnittspreis 2012: 10,4 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +10,5 Prozent

    Quelle: Feri Eurorating Services AG

  • München

    Durchschnittspreis 2012: 12,6 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +9,5 Prozent

  • Frankfurt am Main

    Durchschnittspreis 2012: 11,5 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +9,3 Prozent

  • Dresden

    Durchschnittspreis 2012: 6,1 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +8,3 Prozent

  • Berlin

    Durchschnittspreis 2012: 7,5 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +8,2 Prozent

  • Freiburg

    Durchschnittspreis 2012: 8,9 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +7,7 Prozent

  • Augsburg

    Durchschnittspreis 2012: 7,2 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +7,5 Prozent

  • Bonn

    Durchschnittspreis 2012: 9,4 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +7,2 Prozent

  • Bremen

    Durchschnittspreis 2012: 7,2 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +7,1 Prozent

  • Düsseldorf

    Durchschnittspreis 2012: 9,6 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +7,1 Prozent

  • Leipzig

    Durchschnittspreis 2012: 5,7 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +7,1 Prozent

  • Köln

    Durchschnittspreis 2012: 9,2 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +6,9 Prozent

  • Münster

    Durchschnittspreis 2012: 8,7 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +6,7 Prozent

  • Chemnitz

    Durchschnittspreis 2012: 4,9 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +5,4 Prozent

  • Bochum

    Durchschnittspreis 2012: 6,3 Euro/qm
    Preisentwicklung bis 2015: +4,5 Prozent

Den nennen Katrin Gems, Turhan Senel und Muhammed Bülbül bloß den „Lügengürtel“. Sie glauben Kommunalpolitikern nichts mehr. Bülbül ist mit seiner Familie der letzte Mieter in einem ansonsten entmieteten Haus am Kringelkamp und will nicht raus. Senel ist Handwerksmeister und Chef eines Sanitär- und Heizungsbetriebs mit sechs Mitarbeitern. Er hat seit 1999 mit seinem Bruder eine alte Villa in Bruckhausen saniert und will sich nicht zum Verkauf an die Stadt zwingen lassen. Auf ein Enteignungsverfahren werde er es ankommen lassen, sagt der Mann mit dem gepflegten Dreitagebart: „Enteignung setzt Gemeinwohl voraus. Ist es im Gemeinwohl, eine Rasenfläche anzulegen?“

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Gems ist Immobilienmaklerin, Gründerin der Geschichtswerkstatt Duisburg Nord und kämpft um den Erhalt des historisch gewachsenen Arbeiter- und heutigen Multikulti-Viertels. „Hier findet Vertreibung und Verdrängung statt“, sagt sie und fürchtet, durch Abrissprogramme werde ein „lebenswerter Stadtteil“ zerstört und bezahlbarer Wohnraum verknappt. Seit 2006 unterliegt der umkämpfte Teil Bruckhausens – etwa die Hälfte des historischen Stadtteilkerns – einer Veränderungssperre und damit Regeln wie aus einem anderen Land: Eigentümern ist es verboten, ihre Häuser wertsteigernd zu renovieren. Seit 2008 dürfen Häuser zudem nicht mehr beliehen werden, neue Mietverträge muss die Stadt genehmigen. Prämien bewegten Mieter zum Wegzug – Hausbesitzern fehlten so Einnahmen, um ihre Kredite zu bezahlen

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