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Vor dem EU-Gipfel: Berlin will die EU zu Disziplin erziehen

von Henning Krumrey und Christian Ramthun

Wenn sich Angela Merkel am Donnerstagnachmittag mit ihren Kollegen Staats- und Regierungschefs in Brüssel zum EU-Gipfel trifft, dann ist das eigentlich nur eine Zwischenetappe – aber eine wichtige. Denn die Konferenz soll jene Entscheidungen im Dezember vorbereiten, die den Charakter und die Zusammenarbeit der Gemeinschaft für die nächsten Jahrzehnte verändern soll. Es geht um nichts weniger als eine Aufwertung der bisherigen Wirtschafts- und Währungsunion, eine engere Zusammenarbeit in der Fiskal- und Wirtschaftspolitik sowie neue parlamentarische Gremien und zusätzliche Finanztöpfe.

Die Bundesregierung will die Krise nutzen, um am unvollendeten Haus Europa weiterzubauen. “Wenn die Probleme am größten sind“, sagt Europa-Architekt Wolfgang Schäuble, „sind die Chancen für eine Weiterentwicklung ebenfalls am größten.“ Der Bundesfinanzminister arbeitet hartnäckig an einer europäischen Fiskalunion. Dazu stellt sich Schäuble ein Gesamtpaket vor. Erstens möchte er die Stellung des EU-Währungskommissars stärken. Nicht mehr das Kollegium aller Kommissare soll in endlosen Debatten darüber entscheiden, ob ein Mitgliedsland gegen die Schuldenkriterien verstößt; vielmehr soll der Währungskommissar allein einen nationalen Haushaltsentwurf zurückweisen können zur Überarbeitung. Daneben soll das Europa-Parlament stärker in die Entscheidungen einbezogen werden, wobei Schäuble aber nur die Abgeordneten abstimmen lassen will, die aus den 17 Euro-Ländern stammen.

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Die Instrumente zur Euro-Rettung

  • Banken-Union

    Pro: Mit einer gemeinsamen Einlagensicherung und mit einem EU-weiten Sicherheitsnetz für Europas Banken könnte zwei bedrohlichen Szenarien vorgebeugt werden: einem Bank-run, bei dem die Sparer panisch ihre Einlagen von der Bank abheben. Und der Gefahr, dass nationale Auffangfonds nicht ausreichen, um nationale Banken zu stützen.

    Contra: Gesunde Banken, allen voran in Deutschland, müssten im Ernstfall für ihre maroden Konkurrenten in anderen Euroländern zahlen. Außerdem gibt es noch keine effiziente europäische Bankenaufsicht. Damit gelten für die Banken noch unterschiedliche Voraussetzungen - und es besteht keine Möglichkeit, die Geldhäuser zu kontrollieren und Abwicklungen und Restrukturierungen zu erzwingen.

    Wahrscheinlichkeit: nur vorhanden, wenn es vorher eine effiziente europäische Bankenaufsicht gibt. Das soll die Europäische Zentralbank übernehmen. Wenn dazu eine überzeugende Einigung gelingt: 60 Prozent.

  • Direkte Bankenhilfe

    Pro: Mit direkter Bankenhilfe aus dem ESM oder von der EZB wären Krisenländer wie Spanien ihr größtes Problem los: dass nämlich Notkredite der Europartner die Schuldenlast das Staatshaushaltes und damit die Pleitegefahr deutlich erhöhen. Der Rettungsfonds könnte den Banken direkt Sicherheiten zur Verfügung stellen, mit denen diese das notwendige Geld zur Rekapitalisierung aufnehmen. Im besten Fall verdient der ESM daran, weil er das Geld billiger aufnimmt als verleiht.

    Contra: Bei direkter Bankenhilfe hätten die Euroländern keine Möglichkeit, Gegenleistungen von den Regierungen zu erzwingen. Zudem wäre nicht garantiert, dass die Banken die Unterstützung zurückzahlen, wenn kein Staat dahinter steht. Unklar ist überdies, wie Auflagen für die Banken selbst durchgesetzt werden sollten.

    Wahrscheinlichkeit: Siehe BANKEN-UNION: ohne eine effiziente europäische Bankenaufsicht gleich null. Nach Aufbau einer europäischen Aufsicht: 70 Prozent.

  • Euro-Bonds

    Pro: Dahinter verbirgt sich die Idee gemeinsamer Staatsanleihen, die von den Ländern der Eurozone ausgegeben würden. Ihr Reiz läge darin, dass alle Staaten zusammen für die Rückzahlung haften und sich so gegenseitig Rückendeckung geben. Dadurch könnten selbst von den Anlegern geschmähte Euro-Sorgenkinder wie Spanien, Italien und Griechenland wieder zu günstigeren Zinsen an frisches Geld kommen - und so ihre schwächelnde Konjunktur ankurbeln. Befürworter wie Frankreich hoffen, dass damit der Teufelskreis aus steigenden Staatsschulden und höheren Zinsen ein für alle Mal durchbrochen und ein abschreckendes Signal an Spekulanten ausgesendet wird.

    Contra: Vergleichsweise solide haushaltende Staaten wie Deutschland, dessen Bundesanleihen bei Investoren als sicherer Hafen gelten und deshalb ein historisches Zinstief erreicht haben, müssten bei der Ausgabe gemeinsamer Euro-Bonds wieder höhere Renditen in Kauf nehmen - und somit Milliarden draufzahlen. Gegner monieren zudem fehlende Reformanreize für hoch verschuldete Staaten, weil großzügige Ausgabenpolitik die eigene Bonität nicht mehr direkt beeinträchtigen würden. Sie lehnen auch eine gesamtschuldnerische Haftung ab - denn beim Ausfall eines Schuldners müsste das Kollektiv, also Deutschland wie jedes andere Land, komplett für dessen Verbindlichkeiten haften.

    Wahrscheinlichkeit: tendiert auf absehbare gegen Null Prozent, wegen des vehementen Widerstands der Bundesrepublik und anderer Nordländer.

  • Euro-Bills

    Pro: Euro-Bills sollen die Kritiker der Euro-Bonds beschwichtigen, weil sie eine kürzere Laufzeit haben und in der Summe begrenzt wären. Mit ihrer Hilfe dürfte sich jeder Staat nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz seiner Wirtschaftsleistung finanzieren. Wer die damit verbundenen Haushaltsregeln nicht einhält, würde im Folgejahr vom Handel mit den Papieren ausgeschlossen. Die Idee wurde in EU-Kreisen als Kompromiss lanciert, weil sich vor allem Berlin stoisch auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts beruft, das eine in Dauer und Höhe unbegrenzte Schuldenübernahme untersagt.

    Contra: In Diplomatenkreisen werden die Euro-Bills als kleine Brüder der Euro-Bonds belächelt. Das erhoffte überwältigende Signal an Märkte und Spekulanten, dass Wetten gegen Euro-Staaten zum Scheitern verdammt sind, wären sie jedenfalls nicht mehr. Da Volumen und Laufzeit begrenzt sind, stellt sich zudem die Frage, ob sie die Nöte hoch verschuldeter Euro-Sorgenkinder unter steigendem Zinsdruck überhaupt effektiv zu lindern.

    Wahrscheinlichkeit: 10 Prozent, weil Euro-Bills weder für die Befürworter noch für die Gegner gemeinschaftlicher Staatsanleihen die erhoffte Lösung wären.

  • Schuldentilgungsfonds

    Pro: Mit einem Schuldentilgungsfonds, wie ihn die fünf deutschen Wirtschaftsweisen vorgeschlagen haben, würden nur nationale Verbindlichkeiten jenseits von 60 Prozent gemeinschaftlich und zu niedrigen Zinsen bedient - also erst über der Marke, die der EU-Stabilitätspakt gerade noch zulässt. Bis zu dieser roten Linie müssten die Länder weiterhin alleine für ihre Schulden gerade stehen, andere Euro-Staaten also nicht für die gesamte Schuldensumme ihrer europäischen Partner haften. Der zu gründende Fonds würde sich selbst an den Finanzmärkten refinanzieren und dort über eine kollektive Haftung aller Mitgliedstaaten abgesichert.

    Contra: Während neben der SPD und den Grünen zuletzt auch das Europäische Parlament und der Internationale Währungsfonds Sympathien für diese Lösung bekundet haben, hegt die Bundesregierung verfassungsrechtliche Zweifel. Koalitionspolitiker sehen in ihr den Einstieg in die Vergemeinschaftung von Schulden, wie sie die No-Bailout-Klausel der europäischen Verträge verbiete. Die Bundesbank empfindet schon die Bezeichnung "Schuldentilgungspakt" als missverständlich, weil damit keine harten Einsparauflagen und Überschüsse zur Rückzahlung der Staatsschulden einhergingen.

    Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent, da der Tilgungsfonds letztlich zwar ebenfalls die Übernahme fremder Schulden bedeutet, allerdings zu einem geringeren Umfang als bei Euro-Bonds oder Euro-Bills.

  • Projektbonds

    Pro: Mit der Ausgabe dieser Projektanleihen sollen in der EU bis Ende 2013 Privatinvestitionen von rund 4,5 Milliarden Euro mobilisiert werden. Dafür stünden in einer Pilotphase zwar nur 230 Millionen Euro aus dem EU-Budget zur Verfügung, Brüssel hofft jedoch auf einen 20-fachen Hebelfaktor: Mit der Europäischen Union im Rücken sollen Investoren kreditwürdiger erscheinen, dadurch an billigeres Geld kommen und so grenzüberschreitende Verkehrs- oder Energieprojekte finanzieren. Es bestünde also die Hoffnung, mit relativ geringem Risiko einen beachtlichen Effekt zu erzielen.

    Contra: Skeptiker halten dem entgegen, dass sich für ökonomisch sinnvolle Projekte meist auch ohne staatliche Hilfe Privatinvestoren finden. Außerdem gebe es bislang lediglich eine Hand voll konkreter Vorhaben, die zudem nicht alle besonders ausgereift konzipiert seien.

    Wahrscheinlichkeit: 95 Prozent, da eine informelle Einigung bereits Ende Mai erzielt wurde und die einzusetzenden Mittel in einem günstigen Verhältnis zum erhofften Nutzen stünden.

Gegen die am Dienstag kommunizierten Schäuble-Überlegungen gibt es jedoch beträchtliche Widerstände. Schon die EU-Kommission hat ein Problem damit, dass ein einzelner Kommissar entscheiden können soll – und damit das Gesamtkollegium mit seiner lähmenden Entscheidungsbefugnis entmachtet würde. Außerdem mag es kein Land, wenn eine supranationale Institution seine Haushaltsrechte beschneidet. Selbst Deutschland hätte damit ein Problem. Schließlich hatte auch die frühere Bundesregierung unter Gerhard Schröder verhindert, dass sie in den Nullerjahren für seine Verstöße gegen das Drei-Prozent-Defizit-Kriterium angeprangert wurde. Gleiches wäre sicherlich von einer Regierung Merkel zu erwarten, wenn es wieder einmal dramatisch um die deutschen Staatsfinanzen stünde.

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart“

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versicherte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Juli 2010, dass die Rettungsschirme nicht von Dauer sein werden. Inzwischen ist klar: Der Euro-Rettungsschirm EFSF wird zwar abgelöst, aber ersetzt durch den permanenten Rettungsschirm ESM.

Bild: dpa

Aber Europa ist eine komplizierte Dauerbaustelle, weiß Schäuble: „Mit Europa kann es nur langsam vorangehen.“ Deshalb sind auch auf dem Euro-Gipfel diese Woche keine Beschlüsse in diese Richtung zu erwarten. Vielmehr geht es darum, das Terrain allmählich vorzubereiten.

Bei der Bankenunion kann es dagegen einigen Ländern nicht schnell genug vorangehen. Die südlichen Krisenländer sind geradezu darauf erpicht. Aber nicht etwa, um endlich ihre Finanzinstitute unter eine effektive Aufsicht zu stellen; hier gibt es sogar noch beachtliche Widerstände. Nein, die Krisenländer treibt an, dass bei Inkrafttreten der Bankenunion ihre Krisenbanken direkt vom Euro-Rettungsfonds ESM rekapitalisiert werden könnten, ohne dass die nationalen Regierungen selbst noch einen Antrag zu stellen bräuchten. Hier aber bremst die Bundesregierung. Sie will die Bankenunion zunächst sauber verhandeln. Vor allem geht es ihr um eine europäische Bankenaufsicht, schlagkräftig und gut ausgestattet. Und dies könnte nicht vor dem 1. Januar 2014 geschehen, heißt es in Berlin.

Zu diesem Artikel
9 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 19.10.2012, 17:51 UhrMargrit

    Diese Spinnerei mit einem Zentralstaat Europ wollte schon Napoleon.
    Wie das ausging, wissen wir doch. Mit der Völkerschlacht um Leipzig im Okt. 1813 waren Napoleons Fantastereien beendet.
    Und diese Merkel legt gerade den Grundstein für neue kriegerische Auseinandersetzungen in Europa.
    Wer holt diese Frau endlich mal runter von ihrem Wahn eine DDR 2.0 aus ganz Europa zu machen
    Hitler wollte sich Europa unterwerfen mit Kriegen, Merkel und Konsroten wollen das mittels Geld.
    Beides ist gleich widerlich
    Aber schon Hegel sagte, dass Politiker und Menschen nichts aus der Geschichte lernen.
    Es wird daher Zeit, dass wir endlich den Politikern die rote Karte zeigen
    Liebe Journalisten, kümmert Euch doch endlich mal um die Akte von Merkel, irgendwo muß sie ja sein

  • 18.10.2012, 16:50 UhrBlickensdoerfer

    Finanzminister Schäuble wird auf demokratisch beschlossene Änderungen der Artikel 109,115 und 143d (n.F. ab 01.08.2009) des Grundgesetzes hinweisen. Danach werden im Rahmen des Stabilitäts-und Wachstumspakts auch der Haushalt des Bundes und der der Länder nicht nur überwacht. Ein Stabilitätsrat ist berechtigt, Bund und Ländern Sanierungsmaßnahmen zu beauflagen, in deren Haushalte und Haushaltsdurchführung einzugreifen. wenn der Abbau von Finanzierungsdefiziten nicht gesetzlichen Bestimmungen entspricht.
    Eine Art "Oberaufseher" über Parlament(e) und Regierung(en). Freilich nicht mit der Bezeichnung "Kommissar".
    Weil "Währungskommissar" niemand wölle, sei der Vorschlag dazu von Schäuble unehrlich? Diese Beurteilung wäre unehrlich, weil sie verschleiert, dass Schäubles Vorschlag sich auf demokratisch Beschlossenes bezieht.

  • 18.10.2012, 12:04 UhrJAN

    Neuinterpretation für das Versagen in der Krisenbewältigung durch Merkel und Schäuble
    Neuauflage der Märchen von Gebrüder Grimm auf Europäischer Ebene

    Liebe Leser, vertrauen Sie doch bitte nicht mehr den Öffentlichen Äußerungen dieser selbsternannten europäischen Märchenerzähler!

    Es ist eine Schande, wie der mündige Bürger Europas von diesen Dompteuren mit einem Nasenring durch die Manege geführt wird.
    Auf den Zuschauerrängen sitzen die Banker, Finanzinvestoren und die Großindustrie.
    Und diese Zuschauer sind nur bereit weiterhin an dieser Vorstellung teilzunehmen, wenn es den Dompteuren gelingt das Letzte aus ihren Bürgern herauszuholen.

    Die Magier ziehen uns in ihren Bann, jedoch ist Magie nur eine vorgetäuschte Illusion!
    Leider werden Viele erst am Ende dieser Vorstellung feststellen, dass sie besser nicht an dieser Veranstaltung teilgenommen hätten.
    Aber sie müssen trotzdem die Kosten für die Teilnahme an dieser Veranstaltung tragen.

    Gruß,
    JAN

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