Vor dem Milchgipfel: Es geht nicht um die Bauern, sondern um uns alle

ThemaSubventionen

KommentarVor dem Milchgipfel: Es geht nicht um die Bauern, sondern um uns alle

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Bauer: Der erste aller Berufe.

von Ferdinand Knauß

Der Erhalt lebensfähiger bäuerlicher Betriebe ist keine Subvention wie jede andere. Die gesamte Gesellschaft hat ein Interesse daran, dass die Landwirtschaft nicht vollständig industrialisiert wird.

Mit den Bauern beginnt die Geschichte. Sie stehen am Anfang jeder Kultur (lateinisch „cultura“=Ackerbau). Bauer sein, das ist eben kein Beruf wie jeder andere, sondern der erste aller Berufe.

Fast jeder heute lebende Mensch muss nur drei oder vier Generationen in seiner Ahnenreihe zurückblicken, egal ob die nach Deutschland, Süditalien oder Ostanatolien zurückweist, bis er auf Bauern stoßen wird. Darum kann es Menschen mit Herz und Verstand nicht kalt lassen, was mit dem Bauerntum passiert.

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Dass etwas damit passiert, dass es zu verschwinden droht, lässt schon die Antiquiertheit dieses Wortes erahnen. „Landwirt“ nennt sich heute, wer einen Hof bewirtschaftet. Die Großväter der heutigen Landwirte würden die Höfe – oder „Betriebe“ – ihrer Nachkommen vermutlich kaum wiedererkennen. Sie würden sicherlich ihre Arbeit auch nicht als „Agribusiness“ bezeichnen, wie das der Bauernverband in seinem aktuellen Situationsbericht tut.

Der komplizierte Milchmarkt

  • Die Überproduktion

    Die Produktion in den führenden Milcherzeugerländern ist weltweit überproportional gewachsen.  Der Hauptgrund dafür sind die hohen Preise der Vergangenheit.

    Bei mehr als 40 Cent pro Liter, die die Bauern zwischenzeitlich einheimsten, war die Milchproduktion ein durchaus profitables Geschäft. Also haben sie Kühe gekauft, um mehr zu produzieren und mehr Geld zu verdienen. Aus Sicht jedes einzelnen Bauern ein logisches Verhalten. Wenn aber sehr viel Bauern so handeln, gibt es irgendwann insgesamt zu viel Milch auf dem Markt - und wenn sich die Nachfrage nicht im gleichen Maß erhöht, sinkt der Preis wieder. Für die sinkende Nachfrage gibt es ebenfalls benennbare Gründe.

  • Gesunkene Nachfrage

    Zum einen sorgen das Russland-Embargo für einen Rückgang im Milchexport. Zum anderen sorgt die dauerhaft geringe Milchpulver-Nachfrage Chinas, als größtem Abnehmer der deutschen Milch, für Überkapazitäten am Markt. Zusätzlich sinkt die Kaufkraft der Erdöl exportierenden Staaten, die ein Drittel der weltweit gehandelten Milchprodukte importieren, aufgrund des gefallenen Ölpreises.

  • Ende der Milchquote

    Die Milchquote wurde 1984 von der damaligen Europäischen Gemeinschaft eingeführt, um die Milchproduktion in den Mitgliedsstaaten zu beschränken. Sie war eine Reaktion auf die steigende Agrarproduktion, die bereits Ende der 1970er-Jahre zu den sprichwörtlichen Milchseen und Butterbergen geführt hatte. Die Überschüsse wurden teuer vom Markt gekauft. Ursprünglich nur für fünf Jahre geplant, wurde die Quote immer und immer wieder verlängert. Wer mehr Milch als vereinbart produzierte, musste eine sogenannte Superabgabe zahlen. Bis zum April 2015. Ab jetzt durften die Erzeuger soviel Milch produzieren wie sie wollen und können. Die Quote wird vor allem wegen anhaltender Erfolgslosigkeit abgeschafft. Butterberge und Milchseen wurden zwar kleiner. Die Preise schwankten allerdings trotzdem.

  • Strukturwandel in der Milchwirtschaft

    In den 50er Jahren war schon ein großer Milchbauer, wer zehn Kühe besaß. Um zu existieren, müsste ein Betrieb in dieser Größe heute Milchpreise von mehreren Euro pro Liter verlangen. Das geht nicht. In Deutschland gab es 1996 noch 186.000 Milchbauern, heute liegt ihre Zahl etwa bei 101.000. Sie sinkt jährlich um etwa fünf Prozent. Im bundesweiten Durchschnitt hält ein deutscher Milchbauer bis zu 60 Tiere. Aber fast die Hälfte aller Betriebe besteht aus 100 und mehr Kühen.

Die Milchpreiskrise, ein Dauerzustand, der sich seit Kurzem extrem dramatisiert hat, droht zu beschleunigen, was schon lange zu beobachten ist. Seit vielen Jahren gibt alljährlich etwa jeder hundertste Bauer seinen Hof endgültig auf. Im Jahr 2015 haben 5 Prozent der Milchviehbetriebe ihre Kühe abgegeben. Möglicherweise werden, wenn die Baisse am Milchmarkt länger anhält und die Bundesregierung am 30. Mai beim „Milch-Gipfel“ nicht einspringt, noch mehr Familienbetriebe noch schneller aufgeben. Man habe zumindest die „böse Erwartung“, dass es so komme, heißt es beim Bauernverband.

Vorneweg: Ein soziales Drama steht nicht an. Ein Lobbyisten-Kampfbegriff wie „Bauernsterben“ weckt falsche Assoziationen. Die deutschen Bauern des Jahres 2016 – von ihren Erntehelfern und Angestellten ist hier nicht die Rede – gehören in aller Regel nicht zur Unterschicht. Sie sitzen auf Land- und Immobilienbesitz, der sie in vielen Fällen zu Vermögensmillionären macht. Ein Milchbauer, der seine Kühe verkauft und seinen Hof zur Ferienanlage umfunktioniert, in Windräder investiert oder sich einen anderen Job sucht, wird in der Regel kaum zum Sozialfall werden.

Also alles gut? Soll der Staat sich raushalten und die unsichtbare Hand des Marktes ihr Werk an den Bauern tun lassen?

Man kann so argumentieren. Und die Bauern selbst wären gut beraten, sich nicht auf die Retter aus den Ministerien zu verlassen. Sie sollten in ihre „Marke“ investieren – in die individuelle und die ihrer Genossenschaften. Das rät auch der Bauernverband. Winzer und Biobauern, die derzeit am rentabelsten wirtschaften, machen vor, wie das geht. Für Milch von „Berchtesgadener Land“ oder „Landliebe“ zahlt der Verbraucher mehr als für andere, so wie er auch für einen guten Riesling vom Rheingau mehr zahlt als für den Liter Tafelwein im Tetrapack. Er will längst nicht nur satt werden. Er will sich gut ernähren und genießen – und vor allem mit gutem Gewissen.      

Aber damit ist die gesellschaftliche und politische Frage nicht befriedigend beantwortet. Denn die Gegenwart und Zukunft der Landwirtschaft ist nicht nur eine ökonomische Angelegenheit. Eine dogmatisch-marktradikale Reaktion ist deswegen nicht widerspruchsresistent, wenn es tatsächlich um die Bauern als solche geht.

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