Vor Eröffnung der Elbphilharmonie: Tritt auf die Euphoriebremse

Vor Eröffnung der Elbphilharmonie: Tritt auf die Euphoriebremse

, aktualisiert 08. Januar 2017, 10:53 Uhr
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Die gläserne Fassade der Elbphilharmonie lässt Hamburg erstrahlen – in mehrerlei Hinsicht.

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Die Elbphilharmonie sorgt in Hamburg nach jahrelanger Skepsis plötzlich für gewaltige Euphorie. Der Bau soll den Hanseaten den Weltstadt-Status sichern. Das ist übertrieben – nicht zuletzt wegen der gewaltigen Kosten.

HamburgJetzt ist sie wieder da, die maßlose Euphorie, die am Anfang des Projekts stand. Das Bauwerk werde Hamburg von einer „schnarchenden Halbschönen“ zu einer „Weltstadt“ machen, poetisiert das „Hamburger Abendblatt“. Vor der Eröffnung am Mittwoch sind die Querelen des Baus der Elbphilharmonie nicht vergessen, nicht die Kostensteigerung für die öffentliche Hand – nein, aber die Geschichte dient nun als Ausweis für den einmaligen Charakter des Baus. Das Konzerthaus hat bereits einen eigenen Mythos, noch bevor der erste öffentliche Ton erklungen ist.

Zum Mythos kommt eine Mission: Das Bauwerk soll Hamburg weltweit bekannter machen. Nicht nur Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) meint, die Stadt bleibe hinter ihren Möglichkeiten zurück. Deshalb inszeniert die Stadt die Eröffnung ausgiebig – und könnte damit Erfolg haben. Allerdings nicht gar so bombastisch wie erträumt. Denn es gibt einige Risiken.

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Der Bau an sich begeistert selbst die Kritiker der hohen Kosten. Denn der vielleicht einzige aller möglichen Fehler, den die Bauherren nicht begangen haben, ist an der Qualität des Baus zu sparen – anders als vor zehn Jahren beim Berliner Hauptbahnhof, bei der damalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vergeblich versuchte, die Kostenexplosion durch schmerzhaft sichtbare Entstellungen zu verhindern. Das unproportional verkürzte Bahnhofsdach und die schmucklose Deckenkonstruktion im Tiefgeschoss mahnen noch heute.

Die Elbphilharmonie hingegen darf zeigen, wie eine Glasfassade auch aussehen kann: nämlich gar nicht langweilig, sondern aus 1100 individuell gefertigten Glasscheiben, teils konkav gebogen, bedruckt mit reflektierenden Punkten. Mit Veränderungen der Tageszeit und des Wetters verändert der 110 Meter hohe Bau stetig sein Erscheinungsbild: von grau in der Morgendämmerung, silbrig glänzend am Tag, blau Himmel und Elbe reflektierend bei Sonnenschein bis hin zu orange im Sonnenuntergang. Darunter steht als Sockel der Kaispeicher A von 1963, ein sachlicher Backsteinbau, der nun das Parkhaus beherbergt. Die Elbphilharmonie ist ein seltenes Beispiel für Architektur, die fertig gebaut besser aussieht als auf den Computer-Planbildern.

Die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron haben nach der Tate Modern in London, der Allianz-Arena in München und dem Vogelnest-Olympiastadion in Peking eine neue Landmarke geschaffen. Für Hamburg, dessen Hauptkirche St. Michaelis eher unspektakulär ist, steht jetzt schon fest: Die Elbphilharmonie ist das neue Symbol der Stadt. Selbst die Ausstattung der Künstlergarderoben folgt einem speziellen Design-Konzept mit teils extra entworfenen weißen Möbeln.


Politik im Sog der Investoren

Billig kommt das die Stadt – wie allseits bekannt – nicht. 789 Millionen Euro Steuergeld kostete der Bau, etwa das Zehnfache der ursprünglich kalkulierten Summe. Spenden trugen immerhin 57,5 Millionen Euro bei. Wie es zu der maßlosen Kostensteigerung kommen konnte, hat ein Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft minutiös aufgearbeitet: Gebaut wurde schon, bevor überhaupt klar war, wie das Gebäude im Inneren wirklich aussehen soll. Private Initiatoren und Spender, teils aus der Immobilienwirtschaft, hatten das Projekt vorangetrieben. Die Politik konnte sich dem Sog kaum entziehen – trotz auffallend niedriger projektierter Quadratmeterpreise. Der Bau musste beginnen, bevor die Seifenblase platzte. Denn bei realistischer Kostenbetrachtung wäre die Philharmonie in dieser Form wohl nie gebaut worden.

Dabei stiegen die Projektkosten schon vorab rasant: Bei einem ersten Bürgerschaftsbeschluss 2005 sollte der Anteil der Stadt nur bei 78 Millionen Euro liegen – auch, weil schon vorweg 40 Millionen Euro Spenden des Bauunternehmerpaares Greve und der Otto-Versandhausfamilie vorlagen. Zum Zeitpunkt des endgültigen Baubeschlusses der Bürgerschaft 2007, bei dem erstmals auch die SPD-Fraktion für das Projekt votierte, lagen sie bereits bei 272 Millionen Euro, im Sommer 2010 sollte die Eröffnung sein.

Grundsteinlegung war also so schnell wie möglich – vor Planungsabschluss. Das wiederum ermöglichte dem Baukonzern Hochtief zahllose Nachforderungen. Die städtische Gesellschaft, die den Bau koordinieren sollte, war heillos überlastet. Um günstigere Kredite zu bekommen, übernahm die Stadt auch noch selbst den Bau des Hotelteils – und musste so auch für die Kostensteigerungen in dem Bereich geradestehen. Und so weiter. Die politische Verantwortung übernahm zum größten Teil der ehemalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) – was ihm umso leicht fiel, da er sowieso freiwillig aus der Politik zurückgetreten und nach Berlin umgezogen war. Den Ausputzer machte der heutige Bürgermeister Scholz, der nach einem zwischenzeitlichen Baustopp noch einmal 200 Millionen Euro pauschal an Hochtief zahlte und auf mögliche Klagen verzichtete, um im Gegenzug einen reibungslosen und termingerechten Fertigbau zu bekommen. Zusammen mit den 44 Luxuswohnungen, die Hochtief und Quantum Immobilien bezahlen, dürfte das Gebäude über 900 Millionen Euro gekostet haben. Das ist so viel, wie eine neue, knapp zehn Kilometer lange Autobahn durch den Hafen kosten soll, so viel, wie der Bund für den Internetausbau bereitstellt oder so viel, wie das als Herdprämie geschmähte Betreuungsgeld in einem Jahr kostet.
Damit sich das verbaute Geld zumindest teilweise für die Stadt auszahlt, ist die Eröffnung als langwieriges Spektakel mit einem dreiwöchigen Festival als Höhepunkt ausgestaltet. Die letzten Schritte der Verwirklichung des Baus waren bereits als eine Art Soap-Opera angelegt: Die Fertigstellung der Glasfassade, dann des Dachs mit seinen 800 weißen Aluminiumscheiben, dann der Innenverkleidung des Konzertsaals. Die erste Probe des NDR Sinfonieorchesters in seinem neuen Haus. Die ersten Übernachtungen im neuen Hotel.


Zehn Millionen Euro für PR

Der erste Drohnenflug durch den Saal. Die Eröffnung der öffentlich zugänglichen Plaza, des durchgehenden Aussichtsbalkons auf dem Dach der backsteinernen Basis Anfang November – und jetzt die generelle Eröffnung. Gleich an vier Abenden wird Bürgermeister Scholz sein Grußwort sprechen: Am Mittwoch bei der Eröffnung mit Bundeskanzlerin und Bundespräsident, am Donnerstag zur „zweiten Festakt“ zur Eröffnung (damit mehr Menschen teilnehmen können), am Freitag zur Uraufführung des Oratoriums „Arche“ des Staatsorchesters und am Samstag zur „Internationalen Eröffnung“ mit dem Symphonie-Orchester aus der Partnerstadt Chicago.

Zehn Millionen Euro Budget stehen bereit, um die Kunde von der Elbphilharmonie durch die PR-Agentur Achtung und die Werbeagentur Jung von Matt ins Land zu tragen. Plakate hängen in ganz Deutschland. Bereits von der Teileröffnung der Plaza berichtete unter anderem die „New York Times“.

Entscheidend für die Elbphilharmonie ist jedoch womöglich nicht die erste Spielzeit, für die die Karten weitgehend ausverkauft sind. Interessant wird, ob das Publikumsinteresse über Jahre anhält – zumal die klassizistische Laeisz-Musikhalle weiterhin bespielt wird. Das NDR-Orchester rangiert bislang nicht unter den Top-Klangkörpern der Welt – anders als der Anspruch der Akustik des Baus. Ansonsten gehören zum Programm auch viele Fremdproduktionen, die sich für bis zu 28.200 Euro pro Abend in dem Saal mit seinen 2073 Plätzen einmieten. Das kann die Gestaltung eines schlüssigen Programms für den Intendanten erschweren.

Vielbeachtetes Vorbild für Signatur-Bauten wie die Elbphilharmonie ist das Guggenheim-Museum in Bilbao. Es hat die Stadt Industriestadt im Baskenland auf die Reiseroute vieler Touristen gebracht. Zur Elbphilharmonie gibt es jedoch zwei wichtige Unterschiede: Das Museum ist ohne Vorverkauf den ganzen Tag über „konsumierbar“ – und Bilbao liegt in einer für den weltweiten Tourismus deutlich attraktiveren Region als Hamburg. Dazu kommt: Weltweit eröffnen immer mehr Konzerthäuser und Opern – etwa in Oslo, Kopenhagen, Helsinki und Los Angeles. Auffällig auch hier: Fast immer kam es zu deutlichen Kostensteigerungen gegenüber den Parlamentsbeschlüssen. In Deutschland eröffnete zuletzt in Bochum ein Haus, München plant gerade einen Neubau, die Berliner Symphoniker machen in ihrem modernen Klassiker am Kulturforum weiter.

Es gibt also einige Konkurrenz. Hamburg habe in den Ausschreibungsunterlagen für die PR zur Elbphilharmonie gefordert, die „einzigarte Lage“ am Wasser hervorzuheben, spottet ein PR-Experte über die Masse an ähnlichen Prestige-Projekten – doch was sei mit den wassernahen Opernhäusern in Sydney und Oslo?


Selbst Düsseldorf präsenter

Die Erwartungen in Hamburg sind dennoch hoch. Die Erwartung ist, dass die Elbphilharmonie den Wirtschaftsstandort weltweit bekannter macht. Das Standortmarketing teilt eine These mit Bürgermeister Scholz: Hamburg sei unter den „Second Cities“, den Nicht-Hauptstädten in Europa, die größte – in etwa gleichauf mit Mailand und Barcelona. Die beiden südlichen Metropolen seien jedoch weltweit deutlich bekannter. Darin sieht Scholz ein hohes Potenzial.

Eigentlich wollte er das bereits mit der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024 heben. Wiederum waren Spender aus der Wirtschaft mit an Bord. Doch in einem Referendum im November 2015 – auf dem Höhepunkt von Fifa-Skandal und Flüchtlingskrise – scheiterte das Vorhaben. Das lag wohl auch daran, dass Scholz einen vorläufigen Kostenplan vorlegte, der mit 11,2 Milliarden Euro fast das Doppelte der vorherigen, inoffiziellen Schätzungen beinhaltete. Da der Bund vor dem Referendum keine feste Zusage für seinen Anteil geben wollte, zweifelten viele Hamburger an der Seriosität der Pläne – auch in Erinnerung an die Elbphilharmonie. Sie glaubten Scholz‘ Beteuerungen nicht, er habe diesmal mit viel Sicherheitspuffer und Inflationsausgleich rechnen lassen.

Die gescheiterte Olympia-Bewerbung ist somit auch ein Kollateral-Schaden der Elbphilharmonie – wie einige andere Projekte in Hamburg. Pläne für ein Science-Center mit Wissenschaftsausstellung und Aquarium in der Hafencity nach einem Entwurf des Architekten Rem Koolhaas sind still und leise wegen Unwirtschaftlichkeit entschlafen. Bereits 2006 räumte der Senat den Entwurf für eine neue Zentralbibliothek auf dem brachliegenden zentralen Domplatz ab – nach Kostensteigerungen auf 60 Millionen Euro für die umstrittene Glas-Architektur von Fritz Auer.

2017 soll also der Bau der Elbphilharmonie zunächst alleine den internationalen Glanz bringen. Dafür erhöht die Stadt den jährlichen Etat für die Musikhallen von derzeit 3,2 Millionen Euro im alten Haus auf sechs Millionen Euro. Auch die Ausrichtung des G20-Gipfels im Sommer soll den Namen der Stadt in die Welt tragen. Bislang nämlich ist es nicht nur Berlin, das weltweit bekannter ist, sondern auch die Olympia-Stadt München und die Bankenmetropole Frankfurt. Selbst der Name Düsseldorf wird dank seines internationalen Flughafens weit verbreitet – während von Hamburg aus fast nur europäische Ziele erreichbar sind.

Da soll wenigsten der Konzertbau unter die zehn besten Säle der Welt kommen. Und Hamburg als „Second City“ Deutschlands glänzen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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