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Vorratsdatenspeicherung: Der Fluch des Internet

von Thomas Stölzel

Die Richter des Bundesverfassungsgerichts haben im Verfahren um die Vorratsdatenspeicherung die Wahl zwischen digitaler Anarchie und einem fast orwellschen Überwachungssystem. Es ist die unmögliche Entscheidung, meint WirtschaftsWoche-Redakteur Thomas Stölzel.

Server mit Datenkabeln Quelle: AP
Server mit Datenkabeln Quelle: AP

Eigentlich können sich die Verfassungsrichter in Karlsruhe nur falsch entscheiden, wenn sie nach den heute beginnenden Anhörungen über die Rechtmäßigkeit der Vorratsdatenspeicherung urteilen. Bleibt ihnen doch nichts anderes übrig, als einen der elementaren Grundpfeiler unseres Rechtsstaates zu beschädigen.

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Erlauben sie die Vorratsdatenspeicherung, können Strafverfolgungsbehörden die Interessen eines jeden Bürgers anhand seiner Surfgewohnheiten im Internet analysieren. Kritiker des Gesetzes befürchten, dass der Staat kinderleicht Persönlichkeits- und Bewegungsprofile erstellen könnte.

Es entstünde der gläserne Bürger - mehr als es im realen Leben außerhalb des Netzes je möglich wäre. Ein Horrorszenario, bedenkt man, dass die Menschen hierzulande immer stärker das Internet nutzen vom Bankgeschäft bis zum Treff mit Freunden in sozialen Netzwerken. Der Schaden eines solchen Urteils wäre erheblich.

Schutz vor digitaler Anarchie

Entscheiden die Richter sich jedoch gegen die Vorratsdatenspeicherung, hieße dies auch, dass viele Regeln der realen Welt in der virtuellen nicht gelten. Denn im Netz sind vor allem Verletzungen des geistigen Eigentums heutzutage an der Tagesordnung. Hier werden Unternehmen aus der Musik-, Film- und Videospiel-Industrie tagtäglich bestohlen. Einen Film illegal im Internet zu sehen ist heute leichter als ihn im Laden zu kaufen. Die Datendiebe verstecken sich hinter ihrer Anonymität, sind oft weder für die Staatsanwälte noch für die Rechteinhaber identifizierbar. Durch Werbeeinnahmen auf ihren Internetseiten scheffeln sie derweil Millionen.

Je mehr sich moderne Flatrate-Tarife durchsetzen, desto seltener speichern die Internetprovider Verbindungsdaten für die Abrechnung. Den Strafverfolgern droht deshalb, nicht nur in Fällen von Urheberrechtsverletzungen, sondern auch in Fällen von Kinderpornografie und anderen Internetstraftaten bald noch machtloser dazustehen, als sie es ohnehin schon sind. Immerhin: Die Vorratsdatenspeicherung würde verhindern, dass sich Deutschland gänzlich einer digitalen Anarchie unterwirft.

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16 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 19.12.2009, 14:29 UhrAnonymer Benutzer: Henry Sander

    Wenn die wirtschaftlichen interessen über den freiheitlichen demokratischen interessen stehen ist doch jetzt schon einiges klar zu erkennen: Surf- und bewegungsprofile der bürger werden bald eindeutig zuordnungsfähig genau wie Wohn-Adressen der Einwohnerämter an Polizei, Marketingfirmen, sowie Sicherheitsfirmen verkauft werden. Jedermann ist x-beliebig - weil er inhaber eines Festnetzanschlusses ist - als Pseudo-Täter dingbar. Nach Umkehr der beweislast, müsste jeder selbst protokollieren, wann er wann und wo war, um stets ein Alibi zu haben um seine Unschuld zu beweisen. Dass diese Daten den einzigen Zweck haben GEGEN einen verwendet zu werden, sollte jedem die Augen öffnen. Das diese Daten auch noch völlig willkürlich als beweismittel verwendet werden würden, nach dem dem Motto: ich biN eine iP-Adresse - wird allen Eltern, Firmen mit Webzugang, Web-Cafes, Hot-Spot Anbietern und schlecht geschützten W-Lan inhabern usw. zum Verhängnis werden. Das Passwörter und E-Mails alle mit gespeichert werden, ist den meisten nicht bewusst. Dem Staatlichen Stalking ist damit Tür und Tor geöffnet. Sollte dieser beschluss durchgesetzt werden, gehört die FREiE, private Meinungsäußerung - und damit unsere freiheitliche Grundordnung - der Vergangenheit an. Wann werden unsere briefe vor der Zustellung geöffnet werden? DDR lässt grüßen! Der Staat hat sein Vertrauen bei seinen bürgern bereits fast verspielt. Und der neue "Eigentümer" dieses Datenschatzes ist der STAAT! im realen Leben hätte jeder bürger einen "Staatsschutz" (Stasu?) Mitarbeiter an den Fersen kleben, welcher protokolliert und auswertet - und irgentwann zuschlägt. Die darauffolgenden Skandale werden einen Aufstand der bürger, wenn nicht sogar einen bürgerkrieg provozieren. Es wird ein riesiger Schwarzmarkt mit dem persönlichen Datenhandel entstehen, "identitäten" werden geklont, manipuliert und für kriminelle Zwecke missbraucht. Was länge gärt wird endlich Wut! Unsere Daten gehören uns!

  • 17.12.2009, 21:19 UhrAnonymer Benutzer: Paul Schröder

    Virtuelle Anarchie? Was für ein Unsinn. Sind Sie schonmal im internet von virtuellen Anarchisten verprügelt worden? Hat jemand ihr geistiges Eigentum entwendet - zum bleistift diesen Kommentar geklaut, und dann war er weg?

    Wir brauchen also die Totalüberwachung aller bürger, damit die Kiddies nicht (selbst) das Popgedudel vervielfältigen, dass ihnen die Medienindustrie per Funk und Fernsehen dauernd auf's Ohr und auf's Auge drücken will?

    Sie sind sicher, dass sie als Jugendlicher nicht auch Freunden die ein oder andere Platte auf Cassette überspielt haben, statt dass diese brav all ihr Taschengeld der Medienindustrie in den Rachen werfen - für lächerliches Popgedudel?

    Heute sind es nicht mehr Platte und MC, sondern iTunes und MP3 Handy. Statt direkt auf dem Schulhof, wird heute im Chatroom getauscht. Na und? Geht deshalb das Abendland unter? Oder sinkt nur die Gewinnmarge einer Medienvervielfältigungsindustrie, deren technischer Nutzen im Digitalzeitalter gegen Null tendiert?

    Muss man deshalb alle rechtstaatlichen Grundsätze über bord werfen?

    Dass man bei der WiWo eine beschränkte Weltsicht pflegt, war mir klar. Dass es aber derlei niveaulose Kommentare wie diesen gibt - nach dem Motto: "Überwachungsstaat ja da sonst Copyright-Chaos" - ist wirklich schon äußerst bedenklich. Unsere "Wirtschaftselite" scheint ja wirklich Vorreiter der totalen Verblödung zu sein.

  • 16.12.2009, 17:52 UhrAnonymer Benutzer: Peter Perlich

    Gerade hat eine Studie gezeigt, dass illegale Seiten zum großen Teil in Deutschland und in den USA betrieben werden. Weiter gibt es kaum ein Land, in denen solche Seiten gehostet werden in dem solche Dinge nicht illegal sind. Offensichtlich mangelt es hier an Personen, die die entsprechenden Anrufe tätigen um diese Seiten löschen zu lassen. Wie peinlich!
    Es hat im Übrigen auch in Deutschland schon Hausdurchsuchungen wegen der verbeitung Urherberrechtsgeschützten Materials gegeben. Denn die iP-Adresse solcher Täter lässt sich auch ohne aufwändigew VDS ermitteln. Offensichtlich sind die Verfahren aber eingestellt worden bzw. das Vorgehen brachte nicht den gewünschten Erfolg. Wo sollte also bei diesem Thema die Vorratsspeicherung weiterhelfen?

    Wie man es dreht und wendet: Es führt nichts an mehr Personal sprich mehr Ermittler im internet vorbei. Das internet ist faktisch kein rechtsfreier Raum, mangels Personal und Technik aber oft ein Verfolgungsfreier.

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