Vulgarität: Der Triumph des dreckigen Lachens

Vulgarität: Der Triumph des dreckigen Lachens

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Vulgärkomiker wie Mario Barth sind die Helden einer völlig enthemmten Gesellschaft

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

An Karneval gehörte das Vulgäre immer dazu. Aber was, wenn Schamlosigkeit und Lust an der Herabsetzung am Aschermittwoch noch lang nicht vorbei sind?

Auf Etikette, Manieren und bürgerlichen Comment hat der Karneval noch nie Wert gelegt. Im Gegenteil: Er pfeift auf die guten Sitten, erst recht auf die Hygiene des Abstands. Schamlos, wie er ist, sucht er schwitzende Nähe. Da wird geschoben und geschunkelt, gegrinst und gegrölt, gesoffen und gepinkelt, kurz: die Sau rausgelassen. Das ist schließlich der Sinn der „fünften Jahreszeit“: Die Moral auf den Kopf stellen, die Autoritäten schallend verlachen, der Obrigkeit die Zunge herausstrecken – leck mich am Arsch!

Karneval, das heißt seit dem Spätmittelalter: verkehrte Welt. Einmal im Jahr sind die Benimmregeln außer Kraft gesetzt, dann geht der Geist vor dem Leib in die Knie und die sittliche Konvention vor den Ansprüchen des Vulgären, dann wird der König entthront und der Narr zum Herrscher erhoben, das Heilige profaniert und das Gewöhnliche wie ein Goldkalb umtanzt. Karneval, das heißt: Travestie der herrschenden Moral, Außerkraftsetzung der geltenden Normen – freilich nicht, um die Ordnung zu beseitigen. Vielmehr stabilisiert der Ausnahmezustand den Status quo, den er vorübergehend suspendiert. Indem die Menschen das Chaos feiern, rufen sie sich zur Ordnung, denn „am Aschermittwoch ist alles vorbei“.

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Was aber, wenn das dreckige Lachen die Grenzen der „tollen Tage“ sprengt? Wenn der Ausnahmezustand zur Dauerübung wird und die Gegenkultur in konstante Kulturlosigkeit umschlägt? Dann erleben wir die Karnevalisierung der Welt und mit ihr den Siegeszug des Vulgären, dem nichts mehr heilig, nichts mehr fremd ist. War Vulgarität früher eine Ausnahme von der Regel, so ist sie heute die Regel, die keine Ausnahme mehr kennt. Sie dringt von den Anzeigenteilen der Stadtmagazine („Versaute Schlampe, zu allem bereit“) in alle Sphären des Lebens vor, erst recht in die einer Unterhaltungskultur, die sich ihr hilflos ausliefert, ja: bereitwillig ergibt.

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Nicht nur im Trash-TV, dem legitimen Ort des Vulgären, mit seinen Dschungelcamps und Castingshows. Sondern auch in der Kunst, wo gefeierte Stars wie Jeff Koons oder Richard Prince die billigsten Glitzereffekte der Populärkultur zu Emblemen eines niedlich-monströsen Kitsches aufblasen. Oder im Theater, das Klassiker mit Antibildungseifer in Blut-und-Hoden-Orgien wendet. Gerade die Gebildeten scheinen einen masochistischen Spaß daran zu haben, das Wahre, Gute, Schöne durch den Dreck zu ziehen. Weil die moderne Kultur insgeheim mit dem Vulgären sympathisiert?

Der Philosoph Theodor W. Adorno hat Vulgarität einmal als „Einverstanden sein mit der eigenen Erniedrigung“ definiert – und das nicht als Kompliment gemeint. Die Kulturindustrie und die Popularisierung der Kunstprodukte waren ihm ein Gräuel. Dabei betritt das Vulgäre im Pop der Sechzigerjahre noch als Protestgeste die Bühne, als Einspruch gegen das Sublime, als antibürgerliche Gebärde.

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Ein subversives, „enthemmtes Selbst“ rebelliert gegen eine „repressive“ Moral der Manieren und feiert das Ethos der Authentizität und Selbstdistanzlosigkeit: „So bin ich halt, na und?“ Die symbolischen Attacken zielen regelmäßig unter die Gürtellinie: Von Elvis Presleys Hüftschwung über Frank Zappas Klositzung und Michael Jacksons Griff in den Schritt bis hin zu Miley Cyrus’ Hintern- und Zunge-Zeigen reicht der Fundus obszöner Gesten: Je vulgärer, desto besser!

Offenbar verspricht die Sehnsucht nach der Gosse Erlösung von den Zwängen der Kultur. Die Mode weiß das am besten: Sie kokettiert nicht nur mit dem Bling-Bling des schlechten Geschmacks, mit strassbesetzten Sonnenbrillen und lärmenden Tattoos. Sie nobilitiert das Hässliche, inthronisiert den Schund. Die Londoner Ausstellung The Vulgar. Fashion Redefined, die Anfang März nach Wien wandert, zeigt es: Mode ist immer auch Karneval – ein Fest der Prahlerei und Präpotenz, des Zu-dick-Aufgetragenen. Sie liebäugelt mit der Pornografie und zehrt von den aggressiven Energien des Vulgären, das dem guten Geschmack den Zerrspiegel vorhält: „Seht her, so wärt ihr gern, ihr traut euch bloß nicht!“

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