Wahl in Hessen: Hessen entscheidet: Die Modellwahl

Wahl in Hessen: Hessen entscheidet: Die Modellwahl

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Hessen entscheidet - über Roland Koch, Andrea Ypsilanti und neue Koalitionen. Die Landtagswahl wird auch die Bundespolitik prägen

Hessen entscheidet - über Roland Koch, Andrea Ypsilanti und neue Koalitionen. Die Landtagswahl wird auch die Bundespolitik prägen. Eine Reportage von Cornelia Schmergal.

Andrea Ypsilanti stürmt über das Kopfsteinpflaster vor dem Wiesbadener Landtag. Sie zieht eine Truppe von Referenten und Sprechern hinter sich her, die sich erfolglos mühen, mit ihrer Chefin Schritt zu halten. Es ist Wahlkampf in Hessen, und es bleibt nicht mehr viel Zeit. An diesem Morgen im Wahlkampf  will die sozialdemokratische Spitzenkandidatin "Bildungshürden" beseitigen, so praktisch wie wörtlich. Auf dem Marktplatz hat die SPD eine Reihe hüfthoher Hindernisse aufgebaut: "Studiengebühren", "große Klassen" oder "Sitzenbleiben" prangt in riesigen Lettern auf dem Holz. "Wie ist denn die Choreografie heute?", ruft Andrea Ypsilanti. "Und welche Sender sind da?"

Um kaum mehr als das geht es: um einstudierte Gesten und einprägsame Sätze, um Klamauk für die Kameras und Posen für die Passanten, um all das also, womit sich Wähler fangen lassen. Die Choreografie sieht vor, dass Andrea Ypsilanti die Hürden an der linken Seite packt und ihr Bildungs-Schattenminister die an der rechten, dass sie einen Satz zu jedem Hindernis sagt, dass sie auf die Kamerateams achtet, dass sie kräftig Schwung holt und die "großen Klassen" und "Studiengebühren" schließlich im Müll versenkt - genauer gesagt in dem großen Containerwagen, den die SPD schon Tage zuvor angemietet hat.

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Da radelt ein älterer Herr vorbei, der seine gesamten Besitztümer in Plastiktüten bei sich führt und erkennbar nicht zur Choreografie gehört. "Den Koch, den könnt ihr mal gleich mitentsorgen", brüllt er, und die SPD-Politiker grinsen verlegen. "Den Radfahrer haben wir nicht bestellt", murmelt der Geschäftsführer der Landtagsfraktion. "Der war echt."

Am Sonntag wählen die Hessen einen neuen Landtag - und Ministerpräsident Roland Koch, CDU, der seit der letzten Wahl 2003 mit absoluter Mehrheit in Hessen regiert, darf sich seines Amtes nicht mehr sicher fühlen. Alle Umfragen gehen knapp aus, und glaubt man den letzten Meinungsbildern vor der Wahl, dann kann Koch sich vielleicht noch nicht einmal durch eine Koalition mit den Liberalen retten. Seine Herausforderin von der SPD könnte den prominentesten männlichen Politiker, den die CDU derzeit bundesweit zu bieten hat, theoretisch sogar ablösen - wenn sie ein Bündnis mit den Grünen und der Linkspartei einginge. Koch inszeniert die Landtagswahl daher zum Richtungsentscheid mit bundespolitischem Anspruch: "Linksblock gegen bürgerliche Mitte." Dass in Hessen theoretisch aber auch eine große Koalition möglich wäre,  dass ein Bündnis von CDU und SPD sogar die wahrscheinlichste aller Regierungskonstellationen ist – darüber spricht die CDU kurz vor der Wahl nur ungern.

Was in Hessen an diesem Sonntag ansteht, ist eine Modellwahl, ein Bausatz für die ganz große Bundespolitik. Roland Koch, so hat er es im Wahlkampf mehrfach angekündigt, will prüfen, "wie sich die neue Parteienkonstellation beherrschen lässt und ob es auch bei der Bundestagswahl 2009 eine strategische Option für eine gemeinsame Koalition von CDU und FDP gibt". Wenn Koch die Wahl tatsächlich gewinnt, dann wird sich die Union vielleicht wieder auf ihren Reformkurs besinnen. Verliert er, und das ist längst nicht ausgeschlossen, dann werden bis in die Bundes-CDU die Alarmglocken schrillen. Dass an diesem Sonntag auch in Niedersachsen gewählt wird, geht dabei fast unter. Christian Wulffs Mehrheit in Hannover gilt als sicher.

Sollte die SPD mit ihrer linksorientierten Spitzenkandidatin Ypsilanti  allerdings in Hessen erfolgreich sein, dann werden die Sozialdemokraten wiederum ihr Heil noch stärker in der Abkehr von der Agenda 2010 suchen. Und so testet die Partei am Sonntag zwischen Kassel und Odenwald aus, ob sich die Linkspartei schrumpfen lässt, indem die SPD nach links ruckelt.

Wenn es der Linkspartei in Hessen nämlich gelingen sollte, das erste westdeutsche Flächenland zu erobern, schüttelt sie die politische Lagermathematik durch und formt aus der alten Vier-Parteien-Ordnung eine Fünf-Parteien-Unordnung. Nach der letzten Umfrage des Forsa-Instituts aus dieser Woche zieht die Linkspartei knapp mit fünf Prozent in den Wiesbadener Landtag ein. Sowohl SPD und CDU kämen auf je 38 Prozent der Stimmen. Im Vergleich zur Landtagswahl 2003 würde die CDU damit elf Prozent der Wählerstimmen verlieren, die SPD dagegen um neun Prozent zulegen. Das wäre eine erdrutschartige Verschiebung. Ähnliche Ergebnisse ermittelte auch das ZDF-Politbarometer, das die CDU kurz vor der Wahl bei 38 Prozent der Stimmen sieht, und die SPD mit 37 Prozent der Stimmen nur knapp dahinter. Grüne und FDP kämen auf jeweils acht Prozent, die Linkspartei auf fünf Prozent.    Wenn es die Linkspartei in den hessischen Landtag schafft, ist das vor allem schlecht für Koch. Für Schwarz-Gelb reicht es dann wahrscheinlich nicht, für Rot-Grün aber auch nicht. Rot-Rot-Grün wäre rechnerisch drin, wird von der SPD jedoch bisher ausgeschlossen. Rot-Gelb-Grün wäre möglich, dagegen meutert aber die FDP. Bei Schwarz-Gelb-Grün zicken die Grünen. So könnte die SPD am Ende ausgerechnet Koch, den Polarisator, in eine große Koalition zwingen.

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