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Wahl-Marketing: Vater Staat und Mutter Merkel: Wie Politik verpackt wird

von Peter Steinkirchner und Christopher Schwarz

Das Wahlvolk auf der Couch – Markenexperte und Psychologe Stephan Grünewald über die Verpackung von Politik, den Kater nach dem Konsumkarneval und die Kanzlerin als Schutzengel der Deutschen.

Grünewald Quelle: W. Schuering für WirtschaftsWoche
Grünewald Quelle: W. Schuering für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Grünewald, lange Zeit deutete vieles auf die Fortsetzung der großen Koalition hin – stattdessen regiert nun Schwarz-Gelb. Wollten die Deutschen doch größere Veränderungen, als viele ihnen zugetraut haben?

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Grünewald: Nein, im Gegenteil: Es gibt jetzt zwar einen Regierungswechsel – aber keinen Erwartungswechsel bei den Wählern. Die Deutschen sind nicht wie 1998 in einer Ruck-Verfassung, in der sie die Ärmel hochkrempeln und sagen: So, angesichts der Krise wollen wir eine andere Republik unter schwarz-gelben Vorzeichen.

Sondern?

Der Wahlausgang ist in Wahrheit noch konservativer als eine große Koalition. Wenn man auf Basis unserer Tiefeninterviews analysiert, was den Ausschlag gegeben hat für das Wahlergebnis, dann ist es zunächst der Wunsch, mit Angela Merkel als Kanzlerin Besitzstände zu wahren. Merkel hat sich erfolgreich als nationaler Schutzengel dargestellt und den Deutschen diese beschwichtigende Zuversicht gegeben: Ich führe euch durch die Krise, euch wird kein schlimmer Schaden widerfahren.

Welche Rolle kommt der FDP zu?

Die FDP flankiert diese Besitzstandsgarantie. Guido Westerwelle gibt den charmanten Volkstribun, der nun sein Füllhorn ausschüttet. Das hat uns verblüfft: Die FDP wird in weiten Kreisen nicht mehr als neoliberale Wirtschaftspartei gesehen, sondern als diffuse Projektionsfläche für allerhand persönliche Wünsche. Man hat das Gefühl, die FDP sei in der Mitte angekommen und öffne sich dem kleinen Mann, indem sie Zugewinnverheißungen macht: Sie will die Steuern senken, sie suggeriert, persönliche Arbeit lohne sich wieder.

Wie hat die FDP diesen Wahrnehmungswandel zustande gebracht?

Die FDP hat einen regelrechten Dämpfungsprozess durchlaufen. Ihr ganzer Wahlkampf war davon geprägt, dem Wähler die Angst vor dem schwarzen Krisenloch zu nehmen, in dem alles zu verschwinden droht: Banken, Staaten, Immobilien, Ersparnisse.

Welche Rolle spielte Westerwelle dabei?

Vor vier Jahren haben wir bei einer gleich angelegten Studie festgestellt, dass er mehrheitlich als egomanisch und karrierezentriert wahrgenommen wurde. Davon war in diesem Jahr nichts mehr zu spüren. Der Eindruck der Befragten war, der Mann sei geläutert, kultivierter, beinahe staatsmännisch geworden. Er hört auf einmal zu – das drückte sich auch in den Wahlparolen der FDP aus, die Volkes Stimme entlehnt zu sein schienen. Das führte dazu, dass das Schreckgespenst der FDP als einer Partei der sozialen Kälte nicht mehr funktionierte.

Die FDP präsentierte sich als Partei, in der sich große Teile der Mittelschicht wiederfanden?

Ja, sie hat eine Art Downgrading vollzogen. Deshalb sprach sie auf ihren Plakaten auch nicht von „Leistung“, die sich wieder lohnen müsse, sondern von „Arbeit“. In dieser Anpack-Haltung finden sich dann auch Arbeiter wieder. Denn eine Strategie, als Bürger mit der Krise zurande zu kommen, besteht darin, nicht nur nach Vater Staat zu rufen, sondern selbst etwas zu leisten.

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10 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 05.10.2009, 17:04 UhrSPD - Mitglied

    @ Psycho
    Sehe ich genau so.
    Die Chance, die Partei inhaltlich wie personell neu aufzustellen wird verspielt werden - leider.
    Und: Sollte die SPD mit der Linkspartei - hatten wir ja schon mal so ähnlich, siehe SED - zusammengehen, dann verliert sie ihre komplette identität und es gibt nichts mehr, was wir an Profil "bieten" können. Dabei wird dann die Partei auf dem Altar des Machterhaltes derjenigen vollends geopfert, die diese 23%- Misere zu verantworten haben...

  • 05.10.2009, 16:10 UhrPsycho

    @SPD-Mitglied
    Der beitrag liest sich sehr vernüftig, nur wird das nicht klappen. Solange sich die SPD nicht kategorisch von Schröder, der die Partei kaputt gemacht hat, distanziert und dies auch glaubhaft demonstriert , und immer wieder die gestrigen Figuren ins Rampenlicht bringt, wird der Niedergang anhalten. Alle SPD-Akteure, die unmittelbar mit Hartz4 in Verbindung gebracht werden können, müssten dauerhaft entfernt und ein Gegenprojekt zu H.4 vorgeschlagen werden. Und schliesslich müsste sich die Partei in eine Art psychoanalytische behandlung begeben, nach dem Motto: Was ist ihre originäre bestimmung, weshalb wurde sie vor mehr als hundert Jahren gründet, weshalb ist sie degeneriert usw......Also, ich bezweifle, dass dies möglich ist. ich nehme an, die Linke wird sich langsam aber sicher von einer unartikulierten Protestbewegung zu einer schlagkräftigen Partei formieren, zumal die Sozialmisere noch zunehmen wird. Die Auswirkungen der jetzigen Krise werden erst in den nächsten Jahren bei den bürgern richtig durchschlagen.

  • 05.10.2009, 13:09 UhrSPD - Mitglied

    Der SPD- Elfenbeiturm verspielt Chancen. Die strategischen Aufgaben für die nächste Zeit - wollen wir in frühestens zwei Legislaturberioden wieder einen Kanzlerkandidaten mit Erfolgsaussichten stellen - erfordern Mut.

    Erstens:
    Klare Abgrenzung von der Linkspartei.
    Die CDU distanziert sich ja auch von der NPD - zu Recht.
    Mit der Ex- SED als Mehrheitsbeschaffer ins boot, so verlieren wir unsere linke identität, unsere Glaubwürdigkeit und Mitglieder.
    Fragwürdigkeits- Gysi und Lafontaines demokratiefeindliches Programm ist inakzeptabel. buchtipp: Hubertus Knabe - “Honeckers Erben”.

    Zweitens:
    Wir brauchen wieder ein klares Profil.
    Der begriff “links” ist mittlerweile nichtssagend, ohne inhaltiches Leben. Wir brauchen klare Ziele, klare, messbare Aussagen. SPD als everybodys Darling? 23% bedeuten: SPD = vorhersehbar everybody´s A- Loch. Deutschland- Plan? Abgewatscht. Die SPD braucht Neues.Kein Talk- Show- Gefasel, sondern Erfolge.

    Drittens:
    Neue Personalarbeit, zur Potentialschöpfung und um neue glaubwürdige Köpfe präsentieren zu können.
    Was wollen wir mit Gabriel, Nahles, Loser- Steinmeier oder einem Wowereit, der mit Allem und Jedem koalieren würde, der ihn auf den Kanzlerstuhl hieven soll?
    Wir haben gute Leute in der Partei, aber die wurden seit Schröder systematisch weggebissen. Ein Neuanfang wäre, die ganze Führungsetage der Partei bis in das dritte, vierte Glied achtkantig zu feuern. Gute Politik zieht gute Leute an. Das geht nur mit der Wiedererlangung unserer Glaubwürdigkeit.

    Viertens:
    Parteiinterne Rede- und Kritikerlaubnis. Wir brauchen das Unbequeme, keine Gleichschaltung, wir brauchen Selbst- Kritik zur Weiterentwicklung. Wir brauchen den offenen, vertrauensbildenden Diskurs.
    Alte tradierte sozialdemokratische sollten wir wieder leben. Nur so bekommen wir die Chance zurück, uns wieder um den Titel "Volkspartei" bewerben zu können!

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