Wahlkampf in Krisenzeiten: "Die Deutschen reagieren auf die Krise erstaunlich cool"

Wahlkampf in Krisenzeiten: "Die Deutschen reagieren auf die Krise erstaunlich cool"

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Tilman Allert lernt an der Goethe Universität in Frankfurt am Main Soziologie und Sozialpsychologie

"German Angst ist von gestern", sagt der Soziologe Tilman Allert. Er erklärt die Gelassenheit der Deutschen in der Krise und warum Dienstwagenaffären und andere Nebenschauplätze den Wahlkampf dominieren.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Allert, wir erleben die schwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik – und leisten uns einen Wahlkampf, der das Thema praktisch ausklammert. Leiden die Deutschen an einer Aufmerksamkeitsstörung?

Tilman Allert: Ich habe den Eindruck, dass der Wahrnehmung der Krise ein Wunsch unterliegt, der Radikalität ihrer Folgen auszuweichen. Die Menschen drängen die Probleme weg, die sie sich in Form enormer Staatsschulden aufgehalst haben. Man kann aber auch sagen, dass sie die Krise produktiv verleugnen – und dass man sich von der Komplexität der Krise nicht überwältigen lässt. Das weiß auch die politische Elite. Politik ist nach einer alten Formulierung Max Webers Interessenkampf. Ihr Erfolg wird vor allem nach zwei Kriterien beurteilt: Friedenserhaltung nach außen – und das Eindämmen von unzumutbaren Ungleichheiten bei der Verteilung von Gütern und Dienstleistungen. Um beides bemüht sich die Regierung erfolgreich – sogar in der Krise.

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Und das Problem der Verschuldung verschwindet einerseits hinter der Aufrechterhaltung des Wohlstandsversprechens – und andererseits hinter Aufgeregtheiten wie Ulla Schmidts Dienstwagen-Affäre?

Ja, aber nicht aus Blödheit oder Naivität, sondern in der leisen Ahnung, sogar im festen Wissen darum, dass es sich um einen Nebenschauplatz handelt. Dabei ist dieser Nebenschauplatz auch an sich interessant. Die Dienstwagen-Affäre macht deutlich, was die Bürger von ihren Politikern erwarten: die Einhaltung ihrer Konsistenzverpflichtung. Politiker werden danach beurteilt, ob sie in ihrem Auftritt stimmig sind in Bezug auf das, was sie öffentlich vertreten. Insofern hat die Skandalisierung des großzügigen Umgangs mit Steuergeldern sein Gutes – und sein gutes Recht.

Und doch bleibt das Thema "Ulla Schmidt" ein Nebenschauplatz. Selbst nachlässige Zeitungsleser wissen, dass der Staat sich wegen der Finanzkrise enorm verschulden muss, dass seine Spielräume eingeengt sind und dass wir auf Kosten unserer Enkel leben.

Natürlich. Aber die öffentlichen Dramatisierungen der Lage sind deshalb so wirkungslos, weil man den politischen Eliten ohnehin nicht mehr große Gestaltungspotenziale zutraut. Die Bevölkerung hat in der Beurteilung der Weltlage eine erstaunlich hohe Rationalität erreicht. Sie ist kontingenztoleranter geworden, das heißt: Sie nimmt die modernisierungsbedingte Offenheit und Unsicherheit ihres Lebens viel besser an als früher und ist sorgfältiger und differenzierter in der Zurechnung von Krisen.

Welche psychologische Grundhaltung drückt sich darin aus?

Eine Helmut Schmidt’sche Nüchternheit. Auch ein gewisses kultiviertes Phlegma. German Angst ist von gestern. Die Deutschen reagieren auf die Krise erstaunlich cool. Weder flüchten sie sich wie ehedem in die Arme von Radikalen, noch suchen sie einer ganzen Gruppe die Rolle des Sündenbocks zuzuweisen. Im Gegenteil: Die Krise wird als möglicher Wechselfall des Lebens gleichsam im Voraus akzeptiert. Sie erreicht uns wie ein Schicksal – die Menschen akzeptieren, dass eindeutige Schuldzurechnungen, klare Kausalitäten und Eindeutigkeiten in der Moderne schwierig geworden sind.

Aber das darf doch nicht dazu führen, dass die Politik die zerstörerische Eigenlogik des wirtschaftlichen Betriebs fatalistisch hinnimmt.

Die Klugheit der Politik liegt heute einerseits darin, die Fiktion von Gestaltung aufrechtzuerhalten – und sich andererseits Arenen zu suchen, in denen die dominant gewordene Eigengesetzlichkeit des Wirtschaftlichen folgenreich gebremst werden kann. Vor allem auf internationaler Ebene. In der Spannung zwischen diesen beiden Polen bewegt sich heute politische Kompetenz.

Insofern macht Bundeskanzlerin Angela Merkel so ziemlich alles richtig?

Ja. Angela Merkel überzeugt die Leute gerade dadurch, dass sie die Krise moderiert, sich dabei nicht selbst überschätzt – und dass sie die Menschen davor warnt, zu hohe Erwartungen an die Politik zu richten. Das ist faktisch ein Präsidialstil. Gleichzeitig, und das ist wichtig, offenbart sie sich dabei keineswegs als Politikerin, die mit Machtlosigkeit kokettiert oder als pures Opfer fremder Interessen dasteht. Politisch erfolgreich ist heute, wer nicht felsenfest, sondern kombinationsklug auftritt, das heißt: wer die Kernfragen von Ökonomie, Ökologie und sozialer Gerechtigkeit situationsbezogen und sachorientiert austariert.

Sie meinen, Politik dürfe sich den Bürgern heute nicht mehr aufdrängen? Dann macht die SPD ja wohl so ziemlich alles falsch.

Politik bedrängt nie, sie ist Stellvertretung. Aber mir scheint, die SPD leidet an ihrer Milieutreue oder besser: an ihrer suggerierten Milieutreue. Sie will den Bürgern die Zugehörigkeit zu Milieus einreden, die es so nicht mehr gibt. Die Merkel-Union schafft es jedenfalls viel eleganter, als Politikangebot für alle zu erscheinen. Sie ist insofern die einzig verbliebene, im Wortsinn "moderne" Volkspartei – zumal sie die veränderte, nicht mehr nur national zu justierende Lebenssituation der Bürger aufgreift und im internationalen Rahmen bearbeitet.

Was meinen Sie damit?

Beispiel Klimawandel: Den Anspruch der Schwellenländer auf ungebremstes Wachstum aufzunehmen, ihn gleichzeitig auf internationalen Foren abzuschwächen, ohne dabei diesen Ländern die neue ökologische Klugheit der saturierten Industrieländer vorzuhalten, das ist politische Kunst. Frau Merkel scheint diese Kunst zu beherrschen und stimmig zu kommunizieren. Sie artikuliert auf internationalem Gebiet deutsche Interessen, die im Einklang mit denen der "Weltgesellschaft" stehen. Deutschland erscheint international als eine avant-gardistische Nation, die die großen Themen der Globalisierung erfolgreich aufgreift – ohne die anderen Nationen auch nur im Entferntesten übertrumpfen zu wollen.

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