Was sich in Deutschland ändern muss: Mehr Gefühl wagen

KommentarWas sich in Deutschland ändern muss: Mehr Gefühl wagen

Gefühle sind in der deutschen Politik verpönt. Ein Appell an die Emotionen - und sofort ist man Populist. Merkel hat alles getan, um diese Narkose-Politik zu etablieren. Doch ohne Gefühle funktioniert Politik nicht.

Vor eineinhalb Jahren fand im deutschen Bundestag eine Politik-Simulation statt. Hunderte Schüler spielten Parlament. Zur Begrüßung trat ein echter Politiker ans Rednerpult. Er legte los. Fluchen, schimpfen, predigen. Es dauerte 20 Minuten – dann feierten sie ihn im Saal. Der Redner hatte etwas ausgelöst, das selten geworden ist in der Politik: Begeisterung und Euphorie – ein Gefühl.

Gefühle sind in der deutschen Politik normalerweise verpönt. Unsere Volksvertreter sollen rational entscheiden, nüchtern, nach den Maximen der Vernunft. Seriös ist, wer Zahlen und Studien zitiert. Ein Appell an die Emotionen - und sofort ist man Populist. Angela Merkel hat alles getan, um diese Narkose-Politik weiter zu etablieren. Ja nicht anecken, bloß keine Emotion!

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Doch ohne Gefühle funktioniert Politik nicht. Ohne Empörung keine Arbeiterbewegung. Ohne Angst keine Anti-Atom-Blockaden. Ohne Verbitterung kein Brexit. Ohne Wut und Verzweiflung kein Trump. Seit Platon und Aristoteles gehören Gefühle zur Politik dazu. Sie stauen sich an, suchen sich ein Ventil. Gegen sie kommt keine Studie, keine noch so genaue Zahl an.

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Besucher hören sich einen Vortrag über die Geschichte des Deutschen Bundestages am Tag der offenen Tür, auf der Besucherebene des Reichstagsgebäudes in Berlin an. Quelle: dpa

Bislang haben das nur die Rechtspopulisten erkannt. Sie kontern Kriminalitätsstatistiken mit Schauergeschichten. Parieren Fakten mit Fakes. Setzen Lügen hemmungslos in die Welt.

Wer glaubt, dagegen allein mit Tabellen und Grafiken, mit Expertenkommissionen und Hochglanzbroschüren anzukommen, war noch nie in einer Dorfkneipe, im Plattenbauviertel oder auf dem Feuerwehrfest.

Deutschland braucht deswegen einen Gegenpol. Demokratische Populisten, die nicht nur mit Zahlen antworten, sondern mit Geschichten. Die nicht sofort abwinken, wenn die Leute ankommen mit zu viel Islam, zu wenig Polizei, sondern zuhören und aufklären. Politiker, die den Mut haben, mehr Populismus und Gefühl zu wagen. Politiker die es schaffen, eine Horde Schüler bei einer Politik-Simulation innerhalb von 20 Minuten zum Toben zu bringen. Der Name dieses Politikers ist übrigens Martin Schulz.

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