Weblog Berlin Intern: Sind Daimler & Co. Helden des Rückzugs?

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Kolumne

Die Autobranche feiert den Sieg über harte EU-Umweltauflagen. Vielleicht ein Pyrrhussieg – denn die neue Technikrevolution findet womöglich ohne die Deutschen statt.

Mit Matthias Wissmann begann der politische Frühling der deutschen Autobranche. Der ehemalige Verkehrsminister und Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Bundestag ist seit vergangenem Sommer Präsident des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA). Wissmann war ein Glücksgriff, denn er hat diesem Verband, der durch den anschwellenden Klimagesang in die Defensive geraten ist, ein neues Gesicht und politisches Gewicht gegeben. Soeben wurde er dafür gefeiert, dass er Vorschläge der EU-Kommission für niedrige CO2-Grenzwerte entschärft hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobt diesen Kompromiss als Beitrag für den Industriestandort.

Doch vielleicht hat sich die Autobranche mit diesem Erfolg bereits zu Tode gesiegt. Dies liegt nicht an Wissmann, der als Lobbyist professionell gearbeitet hat. Dies liegt an einer Industrie, die teilweise zum Strukturkonservatismus neigt. Aus Bequemlichkeit und Machtfülle werden schon mal die Zeichen der Zeit verschlafen. Es ist dem ehemaligen Daimler-Vorstand und heutigen Vorsitzenden des Wirtschaftsrats der CDU, Kurt Lauk, zu verdanken, dass er beim diesjährigen „Wirtschaftstag“ seiner Organisation einem Technik-Visionär Platz gegeben hat: Shaih Agassi will eine automobile Revolution, den Wechsel vom Auto mit Verbrennungsmotor zum Elektrofahrzeug.

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Man hätte eine Nadel fallen hören können, als der ehemalige SAP-Manager sein Geschäftsmodell in Berlin erläuterte: Wie beim Handy will er den Kunden ein Auto kostenlos anbieten, sie bezahlen dafür eine monatliche Stromgebühr, die auf vier Jahre festgelegt ist. Agassi verdient am Strom und kauft mit der Marge selbst die CO2-schonenden Elektroautos ein, um diese subventioniert unters Volks zu bringen.

Kritiker können dies als Fantasterei abtun. Doch zwei europäische Autokonzerne verhandeln bereits mit Agassi. Auch die Kanzlerin ist fasziniert und will den Revolutionär der Wirtschaft treffen. Während einige Autohersteller noch auf eine gemeinsame Abwehr gegen EU und Agassi setzen, bricht der Gottvater der Branche, VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, aus der Phalanx bereits aus. „Die Elektroautos werden viel, viel schneller akzeptiert werden, als wir das erwarten“, ist Piëch überzeugt. In „zwei bis vier Jahren“. Dabei hätten die Franzosen „gute Karten“, weil sie viel Strom aus ihren Atomkraftwerken erhielten.

Deutsche Autobauer denken Innovationen nur innerhalb und nicht außerhalb des Systems. Dabei setzt die Schöpfung von etwas ganz Neuem die „kreative Zerstörung“ voraus, über die einst der Ökonom Joseph Schumpeter geschrieben hat. Die EU-Kompromisse verführen zum Gegenteil: Der Druck ist offenbar nicht groß genug, um wirklich Neues anzugehen. Die Autobauer halten bloß ihre Stellung, gehen aber nicht selbst zum Angriff über: So werden sie zu Helden des Rückzugs.

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