Weblog Chefsache: Der Selbstbetrug

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WirtschaftsWoche-Chefredakteur Roland Tichy

Roland Tichy über Atomstrom und nachhaltige Energiepolitik

Das Kreuz mit der Atomenergie in Deutschland ist, dass nicht mehr diskutiert oder verhandelt, sondern sofort abgeblockt wird – von beiden Seiten. Wer Atom sagt, ist Feind. Wer Kern sagt, ist Freund der Nukleartechnik. Bis in sprachliche Feinheiten hat sich das Lagerdenken in die Gehirne eingegraben. Aber was kümmert die Welt jene Feindbilder, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren vor Brockdorf, Wackersdorf oder Gorleben in das Bewusstsein einer Generation geprügelt wurden?

Die Welt kugelt weiter und sieht so aus: In der Energiepolitik lebt Deutschland in einem einzigartigen Selbstbetrug, leugnet Tatsachen, die Wohlstand und Sicherheit gleichermaßen gefährden. Denn: Die Atomwolke aus Tschernobyl hat ja nicht an der Grenze haltgemacht, sich nicht von rot-grünen Petitionen zum Abregnen bringen lassen. Rund um Deutschland, und zwar immer näher um uns herum, werden immer mehr Atomkraftwerke gebaut, finanziert – auch vom deutschen Stromverbraucher – und ausgelegt, um Deutschland zu versorgen. Damit liegt die Bundesrepublik im Gefährdungsbereich der Risikotechnologie – aber hat keinerlei Einfluss mehr auf die Sicherheit der neuen Anlagen in Frankreich, der Schweiz und denen, die in Ländern mit zweifelhafter Sicherheitskultur geplant oder im Bau sind – etwa Slowenien, Bulgarien und Albanien. Es ist ein dialektischer Treppenwitz, dass der Stilllegungsbeschluss für bestehende Atomkraftwerke in Deutschland nicht zu weniger Atomstromrisiko führt – sondern zu mehr, weil die Meiler außerhalb unserer Gesetze und Sicherheitsbedingungen entstehen.

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Es ist Selbsttäuschung zu glauben, man könnte kurzfristig auf Atom- und Kohlekraftwerke verzichten. Ja, erneuerbare Energien werden mehr Energie liefern – aber erst, wenn es Energiespeicher für temporären Windstrom gibt, Benzinautos auf Batteriebetrieb umgestellt und zahlreiche andere Investitionen in Forschung, Infrastruktur und Marktdurchdringung geleistet sind – ein Vorgang, der eher 30 als 20 Jahre dauern wird. Ohnehin wird ausgeblendet, dass auch die Erneuerbaren riesige gesellschaftliche und ökologische Kosten verursachen: Nicht nur, dass jeder Arbeitsplatz in der Solarindustrie mit jährlich 153 000 Euro subventioniert wird. Ausgeblendet wird, dass Windräder die brutalste Landschaftszerstörung seit Erfindung des Betons sind und unterm Strich kein Gramm CO2 sparen. Ausgeblendet wird, dass für Wasserkraftwerke Flussauen überschwemmt und die schönsten Täler der Alpen im Wasser, hinter gigantischen Staumauern verschwunden sind.

Ja, lasst uns trotzdem alle erneuerbaren Energien nutzen – aber nicht den grünen Milchmädchen glauben, die so tun, als ob es genug Holzpellets für alle, Biogas für Großverbraucher und Agrarsprit für unendlich viele Autos gäbe: So verfeuern wir Nahrungsmittel, während ein Drittel der Weltbevölkerung verhungert. Und jeder Bauernbub kann zeigen, dass die Ackerkrume gelegentlich doch ein paar Pflanzenreste braucht, um den Humus zu erneuern, auf dem unser Brot wächst. Natürliche Ressourcen sind begrenzter, als man uns glauben machen will (zu vielen Details finden Sie ein Dossier auf www.wiwo.de/energie).

Es ist aber auch Selbstbetrug, an die Liefersicherheit für Erdgas aus Russland zu glauben. Daher ist die Atomenergie eine Option, die offen, und nicht verklemmt geprüft werden sollte. Es grenzt an Wählerbetrug, wenn Umweltminister Sigmar Gabriel behauptet, er müsse zunächst ein Endlager suchen. Er sucht nur und sucht und sucht – um nicht zu finden, was in seinem Wahlkreis liegt: ein endlagerfähiger Salzstock.

Die Suche nach einem Weg aus diesem Wahnsystem der Selbsttäuschung ist eine der Aufgaben, die der neue Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor von Guttenberg anpacken sollte. Wir wünschen ihm auch dazu viel Erfolg.

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