Weblog Chefsache: Jobs und Dividende

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Roland Tichy über Shareholdervalue und Verstaatlichung

Darf eigentlich ein Unternehmen Arbeitsplätze abbauen und trotzdem seinen Aktionären eine Dividende ausschütten? Ja, selbstverständlich. Damit könnte diese Kolumne schon beendet sein. Aber genau dieses Thema erregt heute Politiker, die Talkshow-Sitzer, viele Menschen. Der Tenor ist, dass ganz selbstverständlich die Aktionäre verzichten sollten, um unrentable Arbeitsplätze zu halten. Schon allein die Tatsache, dass diese Frage jetzt führende Politiker wie Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zu- lasten der Aktionäre beantworten, zeigt, auf welch schiefe Bahn Deutschland im Zuge der Finanzkrise geraten ist: Irgendwie ist die Information darüber verloren gegangen, dass man Arbeit und Kapital braucht, um etwas unternehmen zu können.

Ohne Aussicht auf Dividende wird niemand Kapital zur Verfügung stellen. Wer das Anrecht auf angemessene Entlohnung auch der Kapitalgeber infrage stellt, hebelt unser Wirtschaftssystem aus. Das ist ein viel massiverer Eingriff in unsere Wirtschaftsordnung als die Verstaatlichung einer bankrotten Hypothekenbank, die wie ein Junkie an der Staatsspritze hängt.

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Dauerhaft feste Regeln dafür, was eine wirklich angemessene Aufteilung des Gewinns zwischen Aktionären, Arbeitnehmern und Unternehmen ist, gibt es aber nicht. Seit den Neunzigerjahren hat eine deutliche Verlagerung hin zu den Aktionären stattgefunden. Unter dem Kampfbegriff Shareholdervalue wurde nicht nur der Druck auf die Gewinnmaximierung verschärft. Mehr noch wurden die Unternehmen und das Management der Aktiengesellschaften gezwungen, stille Reserven aufzudecken und an die Aktionäre auszuschütten.

Theoretische Begründung und praktische Beispiele sprechen dafür: Gerade deutsche Manager sind dafür bekannt, dass sie ihre Aktionäre verachten – weil diese so dumm sind, den Managern ihr Geld anzuvertrauen, und obendrein so frech, dafür eine Dividende zu erwarten. In manchen Unternehmen haben sich die Vorstandschefs tatsächlich mehr mit Kunstsammlungen auf der Vorstandsetage beschäftigt als etwa mit dem eigentlichen Unternehmenszweck.

Seither ist der Job fordernder und der gute Schlaf auf dem prallen Ruhekissen stiller Reserven unruhiger geworden. Möglicherweise zu unruhig. Denn in der Praxis des Shareholder- value wurden viele Unternehmen von zu gierigen Aktionären finanziell ausgeblutet und damit krisenanfällig. Langfristige Unternehmensstrategien wurden den Quartalsberichten und dem Urteil unerfahrener Analysten der Banken zum Fraß vorgeworfen. An die Stelle erfahrener Manager traten Ableitungen aus albernen Excel-Tabellen der Boni-Bürscherl, die ihr eigenes Bankgeschäft eben auch nicht beherrschen.

Es ist gar nicht so schlecht, dass jetzt das Pendel zurückschwingt. Denn wirklich gute Unternehmensführung ist die Kunst, Aktionärsrechte, Produktqualität und Konsumentenorientierung, Arbeitnehmerinteressen und langfristige Unternehmensziele auszutarieren – oft genug Ziele, die sich gegenseitig widersprechen. Das Kapitalmarktteam der WirtschaftsWoche untersucht daher in der Titelgeschichte auf Seite 76, welche Unternehmen noch dividendenfähig sind und was Aktionäre noch erwarten dürfen und können.

In der Debatte geht unter, dass es hier nicht um gierige Kapitalisten und Kuponschneider geht. Auf der Aktionärsseite stehen auch der Staat (Post, Telekom), Lebensversicherungen, Pensionsfonds und, beispielsweise im Falle von Daimler, rund 110 000 deutsche Belegschaftsaktionäre und eine noch größere Zahl früherer Mitarbeiter. Deren Vermögen hat sich in den vergangenen Monaten halbiert. Dividenden sind kein Gnadenakt, kein Anschlag auf Arbeitsplätze, sondern die Voraussetzung, dass Unternehmen finanziert werden, dass Wachstum und Arbeitsplätze entstehen können.

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