Welternährung: Brot für den Tank

Welternährung: Brot für den Tank

Bild vergrößern

Ein Winterweizenfeld in der Magdeburger Börde

von Angela Hennersdorf und Christian Ramthun

Der grüne Zeitgeist fordert Energie vom Acker und ökologisch korrekte Ernährung. Während der Nutzen für Klima und Natur umstritten ist, schießen die Agrarpreise in die Höhe, und der Hunger breitet sich weltweit aus. Die Zeit drängt, die teure Förderung von Bioenergie zu stoppen.

Gut müssen sich die Deutschen fühlen. Ihre Autos betanken sie mit E10-Benzin, dem Sprit aus Zuckerrüben und Getreide beigemischt ist. Auf den Frühstückstisch kommen Dinkelbrötchen und Bioeier, Letztere natürlich mit grünem Strom aus Mais erhitzt. An Deutschland, so die frohe Botschaft, können Klima und Natur genesen.

Doch die schöne heile Welt für gut 80 Millionen Bundesbürger hilft dem Klima nicht und hat einen hohen Preis. Den zahlen viele hundert Millionen Menschen in weniger entwickelten Gegenden der Welt. Weil Wohlstandsbürger es schick finden, den Anbau von Energiepflanzen staatlich zu subventionieren, weil eine kaufkräftige Kundschaft ertragsschwachen Bioprodukten den Vorzug gibt, gehen wertvolle Ackerflächen für den Anbau klassischer Nahrungsmittel verloren. Auf der Strecke in diesem globalen Umverteilungskampf bleiben die Armen.

Anzeige

Die Welternährungsbehörde (FAO) in Rom schlägt Alarm. Der FAO Food Price Index stieg in den vergangenen sechs Monaten um gut 25 Prozent und erreichte im Januar einen historischen Höchstwert. Die Grundnahrungsmittel Weizen und Zucker verteuerten sich sogar um rund 75 Prozent. Am härtesten trifft dies rund 1,4 Milliarden Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben müssen, warnt die Weltbank. Sie befürchtet, dass die Zahl der Hungernden in diesem Jahr deutlich über die Schwelle von einer Milliarde Menschen steigen wird.

Deutliche Worte aus der Wirtschaft

Mittlerweile schwant auch manchem Politiker in Berlin, er habe da in gutem Glauben eine unheilvolle Entwicklung mit angeschoben. Bundesernährungsministerin Ilse Aigner (CSU) gesteht wegen "der wachsenden Konkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Energierohstoffproduktion" Probleme ein und will nun bei der Förderung der Ökoenergie durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf die Bremse treten.

Selbst Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist inzwischen alles andere als glücklich mit der Förderung von Bioenergie. Nachdenklich stimmt ihn nicht allein die Verdrängung von Nahrungsmitteln durch nachwachsende Rohstoffe. Auch die davon erhoffte Rettung des Weltklimas bleibt aus. Stattdessen stellt Röttgens Ministerium ernüchternd fest, bei der Nutzung von Biomasse käme es zu "unerwünschten Auswirkungen, unter anderem in Bezug auf Treibhausgasemissionen, Artenvielfalt, soziale Fragen". Deutlicher wird der für Wirtschaft und Energie zuständige CDU/CSU-Fraktionsvize Michael Fuchs: "Die Förderung von Bioenergie ist aus volkswirtschaftlichen und ethischen Gründen nicht mehr zu verantworten."

Erstaunliche Worte zu einer Politik, die bislang eher durch grüne Glaubenssätze als durch wissenschaftliche Analysen vorangetrieben wurde.

Zwar gab es vor vier Jahren, während der sogenannten Tortillakrise, bereits eine hitzige Debatte über die Alternative zwischen Tank und Teller. Doch damalige Warnungen, der massenhafte Anbau von Energiepflanzen würde den Anbau von Nahrungsmittel verdrängen, verhallten. Vielen erschien die Gefahr zu abstrakt. Nun ist die Bedrohung schrecklich real.

In Deutschland kletterte der Anbau allein von Energiemais 2009 um gut 20 Prozent und 2010 um weitere 40 Prozent auf 530.000 Hektar. Das entspricht der doppelten Fläche des Saarlandes, die binnen kürzester Zeit der Produktion von Nahrungsmitteln entzogen wurde. Gleiches gilt für Ackerflächen, auf denen Bauern nun Raps und Sonnenblumen für Biodiesel anbauen. Und Zuckerrüben, die wie Mais zu Ethanol verarbeitet werden, landen im E10-Benzin.

Biosprit ist der größte Preistreiber

Die einst aus Südamerika eingeführte Maispflanze dient zudem landauf, landab zur Befüllung von Biogasanlagen. Staatlich garantierte Einspeisevergütungen von bis zu 30 Cent pro Kilowattstunde Strom bieten den Landwirten einen sicheren Ertrag. Biostrom dürfte 2011 zur teuersten aller erneuerbaren Energien werden, so der Informationsdienst "Agra-Europe", wenn die ebenfalls umstrittene Solarförderung im Sommer außerplanmäßig gekürzt wird. Gut zwei Milliarden Euro müssen die Stromkunden jährlich als Obolus nur für die Biogasbetreiber berappen. Noch schwerer wiegt die Entwicklung in den USA. Der weltgrößte Nahrungsmittelproduzent ist auch der weltgrößte Hersteller von Biosprit. 2010 erhöhten die US-Raffinerien ihren Biosprit-Output um 20 Prozent auf ungefähr 50 Milliarden Liter. Zwölf Millionen Hektar Maisanbaufläche – das entspricht zwei Dritteln der gesamten deutschen Ackerfläche – dienen in den USA derzeit der Gewinnung von Biosprit und stehen für die Erzeugung von Nahrungsmitteln oder Tierfutter nicht mehr zur Verfügung.

Biosprit gilt mittlerweile als größter Preistreiber für Lebensmittel und sorgt bei Missernten – wie jüngst in Australien, Russland und der Ukraine – für noch extremere Preisaufschläge als früher. Mitte Februar kostete der Doppelzentner Brotweizen hierzulande 25 Euro und damit 125 Prozent mehr als zwölf Monate zuvor. Die Gerstenpreise verdoppelten sich, Mais verteuerte sich um 78 Prozent.

Ein Großteil der Inflation in Deutschland geht inzwischen auf das Konto von Nahrungsmitteln. Die Bundesbürger können es verschmerzen. Ihr Einkommen ist global gesehen hoch, der Anteil der landwirtschaftlichen Rohstoffe am Endverbraucherpreis gering. Von den 25 Cent, die der Bäcker für eine Schrippe erhält, entfällt auf den Rohstoff Weizen weniger als ein Cent.

Fast eins zu eins schlagen die Preissteigerungen dagegen in den Ländern mit der ärmsten Bevölkerung durch, in denen die Menschen nicht 14 Prozent wie in Deutschland, sondern 70 bis 95 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel verwenden müssen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%