Weniger Mitglieder, steigende Kosten: SPD kündigt das Ende der privaten Krankenversicherung an

Weniger Mitglieder, steigende Kosten: SPD kündigt das Ende der privaten Krankenversicherung an

, aktualisiert 14. Dezember 2016, 17:20 Uhr
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Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, sagt: „Die PKV hat ein Demografierisiko.“

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Den privaten Krankenversicherern in Deutschland gehen die Mitglieder aus. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht das Modell der PKV vor einer düsteren Zukunft – und prognostiziert: „Keine Überlebenschance.“

BerlinNachdem neue Zahlen bekannt wurden, denen zufolge die privaten Krankenversicherungen in Deutschland bereits seit fünf Jahren mehr Mitglieder verlieren, als sie neu von den gesetzlichen Krankenkassen abwerben, läutet die SPD das Totenglöckchen für die rund 40 privaten Krankenversicherungsunternehmen. „Die Zahlen zeigen deutlich, dass die PKV keine Überlebenschance mehr hat“, so der stellvertretenden Fraktionsvorsitzender der SPD Karl Lauterbach.

Die PKV müsse verschwinden und das nicht nur, weil sie verantwortlich dafür sei, dass es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin gebe. Das Problem sei vielmehr, dass sich dieses Geschäftsmodell nicht mehr lange halten könne. „Die PKV hat ein doppeltes Demografieproblem“ erläuterte Lauterbach. Zum einen hat sie anders als die gesetzliche Krankenversicherung keinerlei Stellschrauben, um die Behandlungskosten ihrer Versicherten zu steuern. „Sie sieht sich daher mit einem ungebremsten Kostenanstieg konfrontiert, der in Zukunft wegen der Alterung der Gesellschaft stark zunehmen wird.“

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Diese Alterung war für die privaten Krankenversicherungen lange kein Problem, weil Versicherte die Möglichkeit hatten, in vorgerücktem Alter in die gesetzliche Krankenkasse zurückzukehren. So konnten sie durch vorübergehende Senkung der Arbeitszeit ihr Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze drücken, um so versicherungspflichtig in der gesetzlichen Kasse zu werden. Dieser Weg ist den Älteren jedoch seit 2001 versperrt. Seither haben Menschen, die das 55. Lebensjahr erreicht haben, keine Möglichkeit mehr, in die gesetzliche Versicherung zurückzukehren. „Daher hat die PKV heute auch ein Demografierisiko“, sagt Lauterbach.

Von einem doppelten Risiko spricht der SPD-Gesundheitsexperte deshalb, weil die Lebenserwartung privat Versicherter um rund zehn Jahre höher sei als die der gesetzlich Versicherten. Damit werde die PKV in den kommenden Jahren immer mehr alte Versicherte unter ihren Mitgliedern haben, während der Nachwuchs an Jungen ausbleibt.

Nach den aktuellen Angaben der Bundesregierung gingen bereits in den vergangenen fünf Jahren den PKV-Unternehmen etwa 189.000 Vollversicherte verloren. Zwischen 2012 und 2015 wechselten demnach gut 609.000 Privatversicherte in eine gesetzliche Kasse. Den Weg vom gesetzlichen ins private System gingen nur noch knapp 520.000 Versicherte. Unter dem Strich wechselten also rund 90.000 Menschen mehr von der privaten in eine gesetzliche Kasse als umgekehrt.

Für Lauterbach ist klar, dass diese Entwicklung zu einem negativen Ausleseprozess führen wird, der die Tarife der privaten Versicherer immer stärker steigen ließe. Denn klar sei, dass die Über-55-Jährigen in der PKV bleiben müssen, so Lauterbach. Eine Rückkehr in die GKV kann es nach geltendem Recht nur für die Jüngeren geben. Dies aber werde die Kostendynamik zusätzlich verschärfen.


„Die einzigen, die sich PKV leisten können, sind Beamte“

Hinzu kommen die Auswirkungen der Niedrigzinsphase. Sie führt dazu, dass die für die höheren Behandlungskosten im Alter gebildeten Alterungsrückstellungen hinten und vorne nicht reichen werden, um den Kostenanstieg aufzufangen. Schon jetzt müssten manche Rentner Krankenversicherungsbeiträge von 1200 Euro und mehr im Monat bezahlen, berichtete Lauterbach.

Dass jeder Versicherte das Recht hat, jederzeit in einen preiswerteren Tarif beim gleichen Versicherer zu wechseln, lässt der studierte Gesundheitsökonom nicht gelten. „Das mag ja für den ein oder anderen eine realistische Option sein. Aber zur Wahrheit gehört doch auch, dass mit jedem halbwegs Gesunden, der wechselt, der teure Tarif noch teurer werden wird.“ Lauterbach fürchtet einen Teufelskreis: Am Ende würden auch die am Anfang noch preiswerten Tarife teuer werden.

Für immer mehr Menschen werde die private Krankenversicherung im Alter daher unbezahlbar werden. „Die einzigen, die sich die PKV noch leisten können, sind Beamte und Abgeordnete, weil für die die Beihilfe im Alter 70 Prozent der Gesundheitskosten finanziert.“

Lauterbach kündigte an, dass die SPD die privatversicherten Rentner nicht alleine lassen werde. „Wir sehen uns in der Pflicht, Menschen, die sich ihre PKV im Alter nicht mehr leisten können, einen Ausweg zu zeigen.“ Ob das ein erneutes Rückkehrrecht Älterer in die gesetzliche Kasse sein wird, ließ Lauterbach offen. „Wir werden unseren Vorschlag ins Wahlprogramm schreiben“ kündigte er lediglich an.

Frühere Vorschläge aus der SPD sahen vor, Älteren ein Rückkehrrecht in der gesetzliche Kasse unter der Bedingung zu geben, dass sie zumindest einen Teil der für die im privaten Unternehmen angesparten Alterungsrückstellungen mit in die gesetzliche Kasse nehmen dürfen. Bisher ist es dem PKV-Verband aber immer wieder gelungen, eine solche gesetzliche Neuregelung zu verhindern.

Offenbar spekuliert die SPD darauf, dass inzwischen der ökonomische Druck auf viele PKV-Unternehmen so groß ist, dass sie auch einen solchen Aderlass an ihren Rückstellungen in Kauf nehmen würden, um alte Versicherte mit hohen Behandlungskosten loszuwerden. Das zeigt eine von der Linken-Sozialexpertin Sabine Zimmermann angeforderte Datenübersicht der Bundesregierung, die der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch vorlag. Zuerst hatte die „Saarbrücker Zeitung“ darüber berichtet.

Quelle:  Handelsblatt Online
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