Werner knallhart: Links gehen, rechts stehen: Wir sind dafür zu sehr Tier

kolumneWerner knallhart: Links gehen, rechts stehen: Wir sind dafür zu sehr Tier

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Menschen auf einer Rolltreppe in einem Bahnhof

Kolumne von Marcus Werner

Rolltreppe fahren, in die U-Bahn steigen, an der Kasse anstehen, am Gepäckband warten. Der Mensch macht sich dort zum Affen. Weil der Egoismus die Vernunft abwürgt.

Wir Menschen sind zu so vielem in der Lage. Wir können Seil springen, die Polkappen abschmelzen und in drei Zügen seitlich rückwärts einparken. Das kann nach heutigem Stand der Wissenschaft so geballt keine andere Kreatur auf diesem Planeten.

Aber in den beiläufigen Alltagsmomenten fehlt uns einfach das kleine Fünkchen Grips, das es allen so viel leichter machen würde, den verdienten Feierabend zu genießen.

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Ich meine Folgendes: Es haben sich in unserer Gesellschaft Verhaltensmuster ein geschliffen, die es uns leicht machen, uns gegenseitig zu ertragen. Das ist gut.

Beispiel: Wenn wir eine Arztpraxis betreten, dann läuft das meist so: Klingeln, es summt, man öffnet die Tür, tritt ein und schließt die Tür hinter sich wieder. Das Gleiche gilt für Behörden, Restaurants, Zugabteile und Klassenzimmer. Wer die Tür nicht zu macht, wird zumindest blöd angeguckt von der Sprechstundenhilfe oder wird vom Lehrer zusammengestaucht.

Die zehn Knigge-Basics

  • 1. Niesen

    Wer niesen muss, tut dies indem er den Handrücken der linken Hand benutzt und sich wegdreht. Hat sich durch die abrupte Bewegung jemand erschreckt, entschuldigt man sich. Daneben kann man in einer kleinen Runde "Gesundheit" wünschen, wenn aber beispielsweise bei großen Besprechungen jemand niest, wird das ohne Kommentar ignoriert.

  • 2. Am Telefon melden

    Wenn man sich am Telefon meldet genügt kein: Guten Tag oder Hallo. Man sollte zumindest den Familiennamen nennen. Außerdem empfiehlt es sich bei mehreren Personen im gleichen Alter, die in einem Haus wohnen, auch noch den Vornamen dazu zu nennen. Ein Gruß wie „Hallo“ oder „Guten Tag“ kann gerne nachgestellt werden, ist jedoch kein Muss.

  • 3. Zeiten in denen man Personen anrufen darf

    Nach 21.30 Uhr sollte man nur in äußersten Notfällen bei anderen Personen anrufen. Außerdem empfiehlt es sich, bei älteren Personen auf eine Mittagsruhe zwischen 13 und 15 Uhr zu achten, in denen ebenfalls das Telefon stumm bleiben sollte.

  • 4. Keine unangekündigten Besuche

    Auch wenn es manchen als spontan und nett erscheinen mag. Unangekündigte Besuche sollte man vermeiden um den Gastgeber nicht zu einer ungelegenen Zeit zu stören, empfiehlt Knigge-Expertin Tosca Freifrau von Korff. Ein Anruf, 30-45 Minuten vorher hilft um zu klären, ob ein kurzfristiger Besuch möglich ist.

  • 5. Die passende Kleidung

    Bei offiziellen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten oder aber auch einem feinen Abendessen ist es sinnvoll, den Gastgeber vorher nach dem Kleidungswunsch zu fragen, wenn dies nicht auf der Einladung vermerkt ist. So vermeidet man unangenehme Ausrutscher in Sachen Kleidung.

  • 6. In ganzen Sätzen sprechen

    Egal, wie die Frage lautet oder wer sie stellt: Richtig antwortet man nur in ganzen Sätzen. So lautet die Antwort auf die Frage nach dem gewünschten Getränk im Flugzeug nicht „Tomatensaft“, sondern „Ich hätte gerne einen Tomatensaft.“

  • 7. Über andere lästern

    Schlecht über andere Personen reden empfiehlt sich generell nicht. Wer es dennoch nicht lassen kann, sollte das nur in einem ungestörten Umfeld tun, in dem keine Dritte zuhören. Das Bahnabteil oder den Bus zum Lästern nutzen ist also ein No-Go.

  • 8. Konflikte lösen

    Wer ernste oder problematische Dinge mit anderen zu besprechen hat, sollte den passenden Zeitpunkt abwarten, auch wenn manche Dinge dringend sind. So gehört das Besprechen von Konflikten nicht auf eine Hochzeit oder eine Geburtstagsfeier.

  • 9. Zu Gast bei anderen

    Wer irgendwo Gast ist muss abwarten, wo ihn der Gastgeber hinführt. Eine Besichtigungstour auf eigene Faust a la „Ich schaue mich mal ein wenig um“ ist nicht akzeptabel. Stattdessen lieber gleich den Gastgeber um eine Führung bitten.

  • 10. Hausschuhe anbieten

    Wer Gäste hat, muss ihnen gestatten ihre Schuhe anzulassen. Hausschuhe, die schon von anderen getragen wurden sind keine Alternative. Im Extremfall kann man seine Gäste drum bitten, des Bodens zur Liebe die Schuhe auszuziehen. Allerdings sollte ein aufmerksamer Gast bei schlechtem Wetter gleich ein zweites Paar Schuhe für den Innenraum mitbringen.

Wer eine öffentliche Toilette benutzt, der betätigt am Ende die Wasserspülung. Man könnte es auch lassen. Man selber ist ja ohnehin im Aufbruch und der Nachfolger wird nicht wissen, wer es war. Dennoch: Es ist in uns drin. Wir tun es, ohne jedes Mal von Neuem abzuwägen. Fertig.

Warum ziehen wir dieses Prinzip nicht einfach durch? Warum sind wir nicht auch sonst so konsequent rücksichtsvoll?

Menschen, die am Gepäckband auf ihren Rollkoffer warten, sind wie Schweine am Futtertrog. Würde über dem Fließband ein Schild hängen: "Wer am dichtesten dran steht, bekommt seine Tasche als erster", dann könnte ich das Gedränge ja noch verstehen. Aber in Realität gilt: Wer vorne steht, bekommt die Taschen der anderen an die Schienbeine gepfeffert, wenn diese von hinten aus zweiter Reihe durchgreifen müssen. Sofern die Hinten ihr Gepäck zwischen dem Gewimmel an Hosenbeinen überhaupt erspähen können. In einigen Flughäfen sind mittlerweile gestrichelte Markierungen auf den Boden gemalt. Im Abstand von einem Meter um die Beförderungsanlage herum. Dort setzt man wenigstens auf die Vorschriftshörigkeit der Menschen. Auf die Vernunft der Passagiere hofft das Management dort offenbar längst nicht mehr.

Öffnen sich die Türen einer U-Bahn in Deutschland, dann starren die Passagiere, die aussteigen wollen, nicht selten in die Augen derer, die geschlossen als Pulk vor der breit geöffneten Tür lauern. Auch hier fühle ich mich an eine Tierfütterung erinnert. Es sind diese erwartungsvollen Blicke, die fragen: "Wann darf ich, wann darf ich?" Im Jahr 2015 sollen in einem U-Bahnhof bitte nicht mehr die Worte fallen müssen: "Erst aussteigen lassööön!" Wenn Sie mich fragen: Ich sage das nie. Ich versuche, die Menschen durch meine begeisterten Blicke spüren zu lassen, wie froh ich bin sie zu sehen. Das irritiert. Die Vorderen weichen, die Hinteren werden zurückgedrängt. Oder einer hinter mir quakt: "Erst aussteigen lassööön!" Geht natürlich auch. Dann quetschen sich die Leute raus, die ersten drängeln sich währenddessen schon seitlich rein. Und diagonal in allem steht ein Zwillingskinderwagen und die Mutter ruft: "Ey, Mann, ich hab nen Kinderwagen!"

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