Kritik an deutscher Lohnpolitik geht ins Leere - Wirtschaft im Weitwinkel

kolumneWirtschaft im Weitwinkel: Kritik an deutscher Lohnpolitik geht ins Leere

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Volle Kasse - die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen wird wieder lauter.

Kolumne von Stefan Bielmeier

Die Diskussion über den hohen Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands und seine Ursachen hat wieder Fahrt aufgenommen. Doch Vorsicht: Aus politischen Gründen werden gern wichtige Faktoren einfach ausgeblendet.

Bei der internationalen Kritik ist auch der Ruf nach höheren Lohnsteigerungen zuletzt immer lauter geworden. Diese Forderung basiert auf der Annahme, Deutschland habe sich durch eine zu große Lohnzurückhaltung in früheren Jahren einen „unfairen“ Vorsprung in der Wettbewerbsfähigkeit verschafft, der nun durch ein entsprechend stärkeres Lohnwachstum wieder abgebaut werden sollte. 

Vor allem in der angelsächsischen Kritik am deutschen Wirtschaftsmodell spielt das Lohnargument eine wichtige Rolle. So hat jüngst das englische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ hervorgehoben, dass der Anteil der Konsumausgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland besonders niedrig sei. Die Einkommen der privaten Haushalte – so ihr Argument – hätten in den vergangenen Jahren nicht mit der Gesamtwirtschaft mithalten können, weil die Löhne in Deutschland eben nicht schnell genug ansteigen.

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Diese Argumentation ist jedoch zu einfach. Denn die Entwicklung von Löhnen und Gehältern ist in Deutschland keine wirtschaftspolitische Stellgröße, sondern das Resultat der Verhandlungen unabhängiger Tarifpartner. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände haben die Interessen ihrer Mitglieder im Blick und sind insbesondere der Regierung gegenüber nicht weisungsgebunden.

Wirtschaft im Weitwinkel Warum es so schwierig ist, den Handelsüberschuss abzubauen

Die Welt scheint sich einig: Deutschlands Überschuss in der Leistungsbilanz ist zu groß. Das kritisieren auch Politiker wie Lagarde und Macron. Die Forderung aber, diese Überschüsse zu halbieren, ist unrealistisch.

Container werden in Frankfurt am Main am Containerbahnhof Frankfurt-Ost verladen. Quelle: dpa

Der Anteil der Konsumausgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung ist in Deutschland zwar etwas niedriger als in anderen großen Industrieländern. Jedoch sind die Unterschiede in den vergangenen zehn Jahren etwa im Vergleich zu Frankreich oder Spanien nur recht gering gewesen und können daher nicht als Erklärung der Leistungsbilanzentwicklung dienen. Aus dem Rahmen fallen im Vergleich der Industrieländer eher die hohen Konsumquoten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

Weniger verfügbares Einkommen bei Selbständigen und Vermögenden

Tatsächlich hat sich der Anteil der privaten Konsumausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den vergangenen Jahren in Deutschland – wie auch in anderen europäischen Ländern – merklich verringert. Dies ging einher mit einer schwächeren Entwicklung der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte relativ zur gesamten Wirtschaftsleistung. Allerdings ist der Grund hierfür nicht etwa eine schwächere Entwicklung der Lohneinkommen. Denn der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP hat sich seit der Krise 2008/2009 wieder stabilisiert und liegt heute höher als im langjährigen Durchschnitt.

Die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt 2017

  • Rang 20

    Island
    Vorjahr: Rang 23
    Veränderung: +3

    Quelle: The IMD World Competitiveness Ranking 2017, Stand: 31.05.2017

  • Rang 19

    Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
    Vorjahr: Rang 18
    Veränderung: -1

  • Rang 18

    Festlandchina
    Vorjahr: Rang 25
    Veränderung: +7

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 2
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 45
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 18
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 25

  • Rang 17

    Katar
    Vorjahr: Rang 13
    Veränderung: -4

  • Rang 16

    Neuseeland
    Vorjahr: Rang 16
    Veränderung: -

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 32
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 5
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 20
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 23

  • Rang 15

    Finnland
    Vorjahr: Rang 20
    Veränderung: +5

  • Rang 14

    Taiwan
    Vorjahr: Rang 14
    Veränderung: -

  • Rang 13

    Deutschland
    Vorjahr: Rang 11
    Veränderung: -1

  • Rang 12

    Kanada
    Vorjahr: Rang 10
    Veränderung: -2

  • Rang 11

    Norwegen
    Vorjahr: Rang 9
    Veränderung: -2

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 48
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 6
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 7
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 5

  • Rang 10

    Vereinigte Arabische Emirate
    Vorjahr: Rang 15
    Veränderung: +5

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 5
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 4
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 2
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 37

  • Rang 9

    Schweden
    Vorjahr: Rang 5
    Veränderung: -4

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 17
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 14
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 9
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 3

  • Rang 8

    Luxemburg
    Vorjahr: Rang 11
    Veränderung: +3

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 3
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 15
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 6
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 22

  • Rang 7

    Dänemark
    Vorjahr: Rang 6
    Veränderung: -1

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 20
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 7
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 8
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 4

  • Rang 6

    Irland
    Vorjahr: Rang 7
    Veränderung: +1

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 4
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 9
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 3
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 19

  • Rang 5

    Niederlande
    Vorjahr: Rang 8
    Veränderung: +3

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 9
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 12
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 4
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 8

  • Rang 4

    USA
    Vorjahr: Rang 3
    Veränderung: -1

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 1
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 27
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 14
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 2

  • Rang 3

    Singapur
    Vorjahr: Rang 4
    Veränderung: +1

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 6
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 3
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 10
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 7

  • Rang 2

    Schweiz
    Vorjahr: Rang 2
    Veränderung: -

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 15
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 2
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 5
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 1

  • Rang 1

    Hongkong
    Vorjahr: Rang 1
    Veränderung: -

    Platzierung gemäß Subkategorie
    Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 11
    Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 1
    Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 1
    Infrastruktur (infrastructure): Rang 20

Verantwortlich für den relativen Rückgang der verfügbaren Einkommen ist vielmehr die Schwäche von Selbstständigen- und Vermögenseinkommen. Vor allem die Vermögenseinkommen, zu denen Zinsen, Ausschüttungen, Gewinnentnahmen sowie sonstige Kapitalerträge zählen, leiden unter den Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds: Der Anteil der „Zinsen und Pachteinkommen“ am verfügbaren Einkommen hat sich seit dem Jahr 2008 mehr als halbiert. 

Das Argument der zu niedrigen Löhne unterstellt, dass sich Deutschland durch die relativ schwachen Tariferhöhungen einen permanenten Vorteil in der preislichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den europäischen Nachbarn verschafft hätte. Vergleicht man die Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland und den wichtigsten EWU-Staaten seit 1999, und zwar jeweils relativ zum EWU-Durchschnitt, so zeigt sich tatsächlich ein „Vorsprung“.

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