Wirtschaftskrise: Allensbach-Chefin: Mehrheit der Bürger bleibt trotz Krise gelassen

Wirtschaftskrise: Allensbach-Chefin: Mehrheit der Bürger bleibt trotz Krise gelassen

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Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach und Mitglied des Aufsichtsrates mehrerer Dax-Unternehmen.

Die relativ gelassene Stimmung unter den Verbrauchern trotz Krise beruht auf einer sehr unterschiedlichen Betroffenheit der Bürger. Zu diesem Ergebnis kommt Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Die nicht abreißende Serie von Hiobsbotschaften aus der Finanzwirtschaft und Industrie hat die Bevölkerung auf ein schwieriges Jahr eingestimmt. Mittlerweile rechnen 80 Prozent der Bundesbürger mit einer deutlich steigenden Arbeitslosigkeit; zwei Drittel erwarten für die kommenden Monate einen anhaltenden Abwärtstrend. Der Kreis der Optimisten, der bereits bis Sommer mit einer Wende zum Besseren rechnet, ist auf sechs Prozent abgeschmolzen.

Inmitten dieser düsteren Szenarien aber bleibt die Verbraucherstimmung resistent, die Bevölkerung gelassen, reagiert teilweise sogar unwillig auf die Dauerkonfrontation mit Kassandrarufen und Untergangsszenarien. Die, die sich täglich mit dem Krisenmanagement beschäftigen, haben teilweise den Eindruck, die Bevölkerung begreife das Ausmaß der Krise nicht oder verweigere sich der Realität. Ist dem wirklich so? 

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Die Gelassenheit der großen Mehrheit geht auf die Kluft zwischen der Nachrichtenlage über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und den eigenen Erfahrungen zurück. Nach wie vor können die meisten Erwerbstätigen in ihrem Unternehmen keine Anzeichen der Krise erkennen. 31 Prozent sehen in ihrem Unternehmen Auswirkungen; dieser Anteil hat sich in den letzten zwei Monaten nicht verändert. Eine Analyse nach Branchen zeigt, wie unterschiedlich einzelne Wirtschaftszweige betroffen sind. Während sich die Automobilindustrie und ihre Zulieferer im Auge des Taifuns befinden und auch der Maschinenbau mittlerweile stark betroffen ist, erleben die Beschäftigten der Bauwirtschaft, im Handel oder des Gesundheitswesens die Krise überwiegend über die Medien. 76 Prozent der Beschäftigten der Automobilhersteller und -zulieferer berichten, dass das eigene Unternehmen von der Krise betroffen ist. 59 Prozent sind es im Maschinenbau – aber bisher nur 30 Prozent in der Bauwirtschaft und 25 Prozent im Dienstleistungssektor. Von den Angestellten im öffentlichen Dienst sehen nur neun Prozent in ihrem Bereich zumindest begrenzte Auswirkungen der Krise.

Durch die sehr unterschiedliche Betroffenheit haben sich auch die Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz nur selektiv in einzelnen Branchen signifikant erhöht. Mittlerweile machen sich 19 Prozent der nichtbeamteten Berufstätigen Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Dieser Anteil liegt vier Prozentpunkte über dem Niveau von Anfang 2008 und zwei Prozentpunkte über dem Niveau von Anfang 2005. Von den bereits Arbeitslosen gehen zurzeit zwei Drittel davon aus, dass sie auch im nächsten halben Jahr keinen Arbeitsplatz finden werden; dieser Anteil ist nicht höher, sondern niedriger als im Vergleichszeitraum der Vorjahre. Anfang 2008 waren noch drei Viertel der Arbeitslosen überzeugt, dass sie an ihrer Lage innerhalb der nächsten sechs Monate wenig ändern können.

Nimmt man nicht nur die Erwerbstätigen, sondern die gesamte Bevölkerung in den Blick, so geben zurzeit 20 Prozent zu Protokoll, dass die Krise unmittelbar in ihr Leben eingreife. Dies erklärt auch, warum die staatlichen Stützungsmanöver von der Mehrheit relativ emotionslos verfolgt werden. Emotionen sind zurzeit im Allgemeinen erst dann zu beobachten, wenn das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung verletzt wird und sie beispielsweise den Eindruck gewinnt, dass unternehmerische Chancen privatisiert, unternehmerische Risiken in der Krise jedoch von Staat und Steuerzahlern übernommen werden.

Die wirtschaftliche Lage der großen Mehrheit der privaten Haushalte ist zurzeit stabil. Drei Viertel erwarten auch, dass dies in diesem Jahr so bleibt; 13 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse, zehn Prozent mit einer Verbesserung. Dies erklärt die Gelassenheit der Bevölkerung. Auch die fallenden Energiepreise sorgen für Beruhigung, nachdem der vorherige Anstieg über zwei Jahre den Sorgenkatalog der Bevölkerung anführte. 76 Prozent der Bevölkerung sehen sich als Nutznießer des Preisverfalls; 38 Prozent der Bevölkerung und 48 Prozent der Berufstätigen ziehen die Bilanz, dass sich ihre wirtschaftliche Situation durch die niedrigen Energiepreise deutlich verbessert. Dazu kommen „kleine Geschenke“, wie die Abwrackprämie oder die Wiedereinführung der Pendlerpauschale, die zumindest in Teilen der Bevölkerung für gute Laune sorgen. 60 Prozent der Berufstätigen sind überzeugt, dass sie von der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Pendlerpauschale profitieren, 28 Prozent sogar erheblich.

Die Gelassenheit der Mehrheit ist nicht Ausdruck von Realitätsverlust, sondern Ergebnis ihrer persönlichen Alltagserfahrungen. Dies ist in der derzeitigen Krise ein wichtiger stabilisierender Faktor.

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