Wirtschaftsnobelpreis: Zwischen Konsum und Armut

Wirtschaftsnobelpreis: Zwischen Konsum und Armut

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Illustration des Ökonomen Angus Deaton von Johan Jarnestad/The Royal Swedish Academy of Sciences

von Malte Fischer

Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton hat neue Methoden zur Messung von Konsum und Wohlstand entwickelt – und zugleich ein Zeichen gesetzt, dass das einzelne Individuum stärker in den Mittelpunkt der Forschung gerückt werden muss.

Die jährlichen Entscheidungen des Nobelpreiskomitees zur Vergabe des „Preises der Schwedischen Reichsbank zum Andenken an Alfred Nobel“ (kurz: Wirtschaftsnobelpreis) sind nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein politisches Signal. Mit der Vergabe des diesjährigen Preises an den britisch-amerikanischen Ökonomen Angus Deaton von der Eliteuni Princeton hat das Komitee auf die seit geraumer Zeit hoch emotional geführte Debatte über die angeblich zunehmende Armut und Ungleichheit in der Welt reagiert. Allerdings erhält mit Deaton keiner der geschwätzigen und medial omnipräsenten Umverteilungsapologeten vom Schlage eines Thomas Piketty die höchste Auszeichnung der Zunft, sondern ein Forscher, der sich tiefschürfende Gedanken gemacht hat um die richtige Auswahl von Daten, deren Messung und die Verbindung von Theorie und Praxis.

Der Wirtschaftsnobelpreis: Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre

  • 2016

    Oliver Hart (USA) und Bengt Holmström (Finnland). Mit dem Preis zeichnet die Jury die Forschungen zur Kontrakttheorie aus.

  • 2015

    Angus Deaton (Großbritannien) für seine "Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt".

  • 2014

    Jean Tirole (Frankreich) für seine Analysen zu den Themen Marktmacht und Regulierung.

  • 2013

    Eugene F. Fama (USA), Lars Peter Hansen (USA) und Robert J. Shiller (USA). Die Drei wurden für ihre Methoden zur Beobachtung der Kursbildung an den Aktienmärkten ausgezeichnet.

  • 2012

    Alvin E. Roth (USA) und Lloyd S. Shapley (USA). Beide entwickelten wichtige Erkenntnisse, wie man verschiedene wirtschaftliche Akteure zueinander bringt.

  • 2011

    Christopher A. Sims (USA) und Thomas Sargent (USA). Ihr Gebiet: Modelle, mit denen sich das Wechselspiel von Inflation, Zinsen und Arbeitslosigkeit analysieren lässt.

  • 2010

    Peter A. Diamond, Dale T. Mortensen (USA) und Christopher A. Pissarides (Großbritannien). Sie wurden für ihre Untersuchung von Marktmechanismen ausgezeichnet.

  • 2009

    Elinor Ostrom (USA) und Oliver E. Williamson (USA). Sie haben gezeigt, „wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann“. Zu Williamson hieß es, er habe Modelle zur Konfliktlösung mit Hilfe von Unternehmensstrukturen entwickelt.

  • 2008

    Paul Krugman (USA) für seine Forschungsergebnisse als Handelstheoretiker.

  • 2007

    Leonid Hurwicz (USA), Eric S. Maskin (USA) und Roger B. Myerson (USA) für ihre Arbeiten über die Grundlagen der „Mechanischen Designtheorie“.

  • 2006

    Edmund S. Phelps (USA) für seine Analyse zum Verhältnis kurz- und langfristiger Effekte in der Wirtschaftspolitik.

Genau genommen hat das Nobelpreiskomitee Deatons Verdienst auf drei Feldern gewürdigt, die systematisch aufeinander aufbauen. Die Grundlage für seine Forschungen legte Deaton Anfang der 1980er Jahre, als er zusammen mit John Muellbauer eine Methode entwickelte, um die Nachfrage von Konsumenten nach einzelnen Gütern zu erklären. Mithilfe eines Mehrgleichungssystems zeigten die beiden Ökonomen, dass die Nachfrage nach einzelnen Gütern von den Preisen anderer Güter, den Einkommen der Konsumenten und demografischen Faktoren abhängt. Deaton lieferte damit ein Instrument, mit dem Ökonomen die Verteilungswirkungen staatlicher Maßnahmen, etwa von Mehrwertsteuererhöhungen, auf einzelne Einkommensgruppen untersuchen können. Bis heute ist dieses Modell die Grundlage für die Evaluierung der Wirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf den Konsum. Zudem dient es für internationale Vergleiche zum Lebensstandard.

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Darüber hinaus analysierte Deaton die Bestimmungsfaktoren für die Einkommensverwendung, also die Frage, welche Faktoren entscheidend dafür sind, wie das Einkommen auf Ersparnis und Konsum aufgeteilt wird. Während andere berühmte Ökonomen wie Milton Friedman und Franco Modigliani zu diesem Zweck aggregierte Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung heranzogen, nahm Deaton die Froschperspektive ein und analysierte die Entscheidungen einzelner Individuen. Dabei stellte er fest, dass der Konsum eigentlich stärker schwanken müsste als die Einkommen, was sich in den aggregierten gesamtwirtschaftlichen Daten jedoch nicht feststellen ließ. Deaton erklärte dies damit, dass sich die Einkommen der Menschen sehr unterschiedlich entwickeln. Bei der Aggregation der Daten gleichen sich die Unterschiede aus. Das führt dazu, dass der Konsum in der aggregierten Betrachtung nur wenig schwankt.

Ein Foto der Princeton University zeigt Angus Deaton, den Träger des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften. Quelle: dpa

Ein Foto der Princeton University zeigt Angus Deaton, den Träger des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften.

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Deaton leitete daraus ab, dass Analysen zum Verhalten der Menschen bei den einzelnen Individuen ansetzen müssen. Damit legte er die methodische Grundlage für die mikroökonomische Fundierung der makroökonomischen Forschung. Seit der Großen Depression und den Arbeiten des britischen Ökonomen John Maynard Keynes hatte sich das Interesse der Wissenschaft vorwiegend auf die Analyse der Makroökonomie fokussiert. Daher stand die Analyse hoch aggregierter gesamtwirtschaftlicher Daten im Vordergrund. Deaton zeigte, dass makroökonomische Entwicklungen hingegen nur richtig interpretiert werden können, wenn ihnen die Analyse individuellen Verhaltens zugrunde liegt. Nicht zuletzt durch seine Arbeiten ist die mikroökonomische Fundierung der Makroanalyse heute State oft The Art in der Ökonomie.

Zehn Mythen über den Nobelpreis

  • Hitler wurde für den Friedensnobelpreis nominiert

    Richtig. Adolf Hitler wurde 1939 von dem schwedischen Abgeordneten E.G.C. Brandt für den Preis nominiert, der „Brüderlichkeit unter den Nationen“ und weltweite Abrüstung vorantreiben soll. Brandt zog die Nominierung später zurück und erklärte, sie sei satirisch gemeint gewesen. Die Episode zeigt, dass praktisch jedermann nominiert werden kann. Über die Aussichten, den Preis tatsächlich zu bekommen, sagt eine Nominierung nichts aus.

  • Alle Nobelpreise werden in Stockholm verliehen

    Falsch. Der Friedensnobelpreis wird, wie von Alfred Nobel verfügt, in Oslo verkündet und verliehen. Warum Nobel das so wünschte, ist nicht bekannt, doch waren Schweden und Norwegen zu seinen Lebzeiten in einer Personalunion verbunden.

  • Der Preis für Wirtschaftswissenschaften ist kein echter Nobelpreis

    Richtig. Der Preis für Wirtschaftswissenschaften zählte nicht zu den fünf Auszeichnungen, die Alfred Nobel in seinem Testament für die Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden forderte. Er wurde 1968 zu Ehren Nobels von der schwedischen Zentralbank gestiftet. Er wird gemeinsam mit den anderen Preisen bekanntgegeben, ist mit demselben Preisgeld in Höhe von acht Millionen schwedischen Kronen (878.000 Euro) dotiert und wird bei der jährlichen Nobelpreiszeremonie im Dezember verliehen. Doch formal ist er kein Nobelpreis. Der offizielle Name lautet „Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank“.

  • Fast alle Preisträger sind Männer

    Richtig. Von den 847 Personen, die bislang einen Nobelpreis erhielten, waren nur 44 Frauen - das sind gerade einmal rund fünf Prozent der Preisträger. 15 Frauen wurden mit den Friedensnobelpreis ausgezeichnet, während nur eine - die US-Forscherin Elinor Ostrom 2009 - den Preis für Wirtschaftswissenschaften erhalten hat. Das Geschlecht spiele bei ihrer Entscheidung über die Preisträger jedoch keine Rolle, sagen die Nobel-Juroren. Das Verhältnis spiegele nur die historische Dominanz von Männern in vielen Forschungsbereichen wider.

  • Nobelpreise können posthum verliehen werden

    Falsch. Seit 1974 werden von den Preiskomitees nur lebende Personen berücksichtigt. 2011 machte die Nobelstiftung allerdings eine Ausnahme: Erst unmittelbar nach der Bekanntgabe des Preises für Medizin hatte sich herausgestellt, dass einer der Geehrten, der kanadische Immunforscher Ralph Steinman, wenige Tage zuvor gestorben war. Die Stiftung beließ es bei der Entscheidung, Steinmans Anteil am Preisgeld ging an seine Hinterbliebenen.

  • Man kann nur in einer Kategorie nominiert werden

    Falsch. Die Französin Marie Curie gewann 1903 den Preis für Physik und 1911 den für Chemie. Der US-Chemiker und Friedensaktivist Linus Pauling erhielt 1954 den Nobelpreis für Chemie, acht Jahre später wurde er mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

  • Churchill gewann den Friedensnobelpreis

    Falsch. Der redegewandte, konservative britische Politiker Winston Churchill erhielt zwar einen Nobelpreis, allerdings in der Kategorie Literatur. Er wurde damit 1953 „für seine meisterlichen historischen und biografischen Schilderungen sowie für brillante Rhetorik bei der Verteidigung erhabener menschlicher Werte“ ausgezeichnet.

  • Auch vier oder mehr Personen können sich einen Nobelpreis teilen

    Falsch. Die Nobelstatuten besagen, dass die Auszeichnungen unter mehreren Preisträgern aufgeteilt werden können, doch in keinem Fall „darf eine Preissumme unter mehr als drei Personen aufgeteilt werden“.

  • Ein Nobelpreis kann nicht wieder entzogen werden

    Richtig. Die Nobelstatuten sind diesbezüglich eindeutig. Wer einen Nobelpreis bekommen hat, behält ihn für immer. Paragraf 10 lautet: „Gegen die Entscheidung eines Preisgremiums dürfen keine Einsprüche bezüglich der Zuerkennung eines Preises erhoben werden.“ Online-Petitionen, die zum Entzug eines bestimmten Preises aufrufen, sind daher wirkungslos.

  • Man kann nur einmal einen Nobelpreis gewinnen

    Falsch. Es gibt keine Obergrenze, wie oft jemand mit einem Nobelpreis geehrt werden kann. Der US-Wissenschaftler John Bardeen gewann den Preis für Physik zweimal, 1956 und 1972. Der britische Biochemiker Frederick Sanger erhielt zwei Preise für Chemie, 1958 und 1980.

Deaton hat es zudem verstanden, theoretische Erkenntnisse mit der Empirie zu verknüpfen und dadurch konkrete Handlungsoptionen für die Wirtschaftspolitik aufzuzeigen. Das gilt vor allem für seine Forschungsarbeiten über die Armut in Entwicklungsländern. Deaton plädierte dafür, die Armut in Schwellenländern anhand von Konsumausgaben zu messen, da diese Daten verlässlicher seien als Daten zu den Einkommen. Allerdings mahnte er zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. So zeigte er, dass die Konsumausgaben pro Kopf die tatsächliche Armut von kinderreichen Familien häufig überzeichnen, weil unterstellt wird, dass Kinder den gleichen Konsumbedarf haben wie Erwachsene. Deaton zeigte, dass der Konsumbedarf für Kinder tatsächlich bei nur 30 bis 40 Prozent des Bedarfs von Erwachsenen liegt. Zudem stellte er fest, dass Mangelernährung ihre Ursache in zu niedrigen Einkommen hat. Damit machte Deaton deutlich, wie wichtig es ist, den Menschen in den Entwicklungsländern durch mehr Wirtschaftswachstum zu höheren Einkommen zu verhelfen.

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