Wirtschaftssoziologie: Schulze: "Habgier und Begehrlichkeiten schaffen Wohlstand"

Wirtschaftssoziologie: Schulze: "Habgier und Begehrlichkeiten schaffen Wohlstand"

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Gerhard Schulze, Bamberger Soziologe

Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze warnt davor, bei der aktuellen Diskussion über die Habgier in der Wirtschaft auch die positiven Aspekte der Gier zu übersehen. Schließlich wisse man seit Adam Smith, dass Eigennutz die Wirtschaft antreibe und zu mehr Wohlstand führe.

„Wir sollten jetzt nicht in den Chor der politischen Gegenwartskleriker einstimmen, die das ganz natürliche Haben-Wollen der Menschen wieder als Todsünde verdammen“, sagte Schulze der WirtschaftsWoche. „Begehrlichkeit aktiviert Wirtschaftsprozesse und führt zu den Überschüssen, die Verteilung erst möglich machen. Wären wir alle Asketen, befände sich das Konsumklima auf dem Tiefstand, die Banker würden sich schämen, Kredite zu geben, und die Unternehmer gingen zur Caritas – allerdings hätten sie nichts, was sie den Armen geben könnten.“

Schulze konstatiert, dass „unsere Risikoempfindlichkeit bei gleichzeitiger Abnahme des Risikos zunimmt“. Dabei sei die Angst eine Art Luxusprodukt. „Unser Alltagsleben ist heute so risikoarm wie nie zuvor. Wir sind umstellt von Garantiemächten, die dafür sorgen, dass alles läuft wie geschmiert – und gleichzeitig spüren wir ein diffuses Unbehagen: Es könnte ja was passieren.“

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Selbst für arme Bevölkerungsschichten gelte das, wobei diese aber ihre Freiheit und Handlungsmöglichkeiten nicht ausschöpfen. „Wenn man sich heute die Situation von Hartz-IV-Empfängern ansieht und sich fragt: Wie wohnen diese Menschen? Was essen sie, oder besser gesagt: was könnten sie essen? Welchen Anschluss an die Massenmedien haben sie? Über welche Mobilität verfügen sie? – dann stellt man fest, dass die konkreten Handlungsmöglichkeiten dieser Menschen heute deutlich größer sind als die der Großelterngeneration in vergleichbarer Lage“, erklärt der Soziologe. „Lebensschwierigkeiten haben heute viel mehr als früher mit dem individuellen Ungeschick zu tun, das Leben innerhalb der gegebenen Möglichkeiten zu gestalten. Es ist ein zentrales Missverständnis, zu meinen, den Leuten ginge es mit mehr Geld automatisch besser. Wichtiger sind heute Bildung und die Fähigkeit, den Alltag zu organisieren, mit Zeit umzugehen, artikulationsfähig zu werden – auch sich selbst gegenüber.“

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