
Das Vordringen der Mathematik hat in der Ökonomenzunft eine heftige Kontroverse ausgelöst. Während die einen darin eine Möglichkeit sehen, Hypothesen wissenschaftlich zu testen und wirtschaftliche Zusammenhänge zu quantifizieren, beklagen die anderen, die Mathematik werde als Selbstzweck betrieben und entferne die Ökonomie von der Lebensrealität.
Tatsächlich hatte die Volkswirtschaftslehre anfangs wenig mit Mathematik zu tun. Die alten Klassiker wie Adam Smith, John Stuart Mill und David Ricardo verstanden sich als Staatsphilosophen und kamen ohne mathematische Verrenkungen aus. Die Vorherrschaft der verbalökonomischen Analyse endete Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Studien des französischen Ökonomen Léon Walras (1834 bis 1910). Ausdrückliches Ziel seiner elementaren Arbeit zur allgemeinen Gleichgewichtstheorie aus dem Jahr 1874 war, die Wirtschaftstheorie zu einer „naturwissenschaftlich-mathematischen Disziplin wie die Mechanik oder die Hydrodynamik“ zu entwickeln.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der endgültige Durchbruch der Mathematik in der Ökonomie mit den Arbeiten der Nobelpreisträger Paul Samuelson, Gérard Debreu und Kenneth Arrow. Seither hält sich unter Mathematikern und Physikern das Vorurteil, dass ein Mathematiker, dem das Zeug zu einer großen Karriere in der eigenen Disziplin fehlt, zur Ökonomie wechseln möge, wo er es mit seinen Kenntnissen leicht zu Weltruhm bringe.
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg trieben die Angelsachsen die Wirtschaftswissenschaften voran. Während sich die Ökonomen in Deutschland in Diskussionen um ordnungspolitische Zusammenhänge verloren, entwickelten Amerikaner und Briten immer ausgefeiltere mathematische Modelle, die sie auf wirtschaftliche Probleme anwendeten.
Dies schlug sich auch in den angelsächsischen Fachzeitschriften nieder. So müssen sich die Leser der „American Economic Review“, der weltweit führenden Fachzeitschrift für Ökonomie, heute auf rund der Hälfte der Seiten durch mathematische Formeln quälen. 1940 waren erst drei Prozent der Seiten mit Formeln gefüllt.
Weil ausführliche mathematische Beweisführungen heute als Ausweis wissenschaftlicher Güte gelten, hat die Mathematisierung eine Eigendynamik entwickelt. Ökonomen, die Anerkennung suchen und den Ruf an eine Top-Uni anstreben, müssen in den besten Fachzeitschriften der Welt publizieren. Um das harte Auswahlverfahren zu bestehen, müssen sie mit den neuesten mathematischen Theorien und Methoden aufwarten. Dabei dient ihnen die Mathematik als eine gemeinsame Sprache, die es erlaubt, komplizierte Sachverhalte strukturiert darzustellen. Außerdem erleichtert sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die auch für Ökonomen immer wichtiger wird. Denn in anderen Wissenschaften wie der Biologie, Chemie, Soziologie und Medizin ist die Mathematik ebenfalls auf dem Vormarsch. Mathematische Logik zwingt die Ökonomen, die Annahmen, die ihren Theorien zugrunde liegen, offenzulegen. Dadurch zeigt sich schnell, wie relevant diese für die Realität sind.
Ohne Mathematik wäre es den Forschern kaum möglich, ihre Hypothesen empirisch zu überprüfen. Aus der empirischen Wirtschaftsforschung, in der es darum geht, ökonomische Zusammenhänge zu quantifizieren, ist die Anwendung mathematisch-statistischer Verfahren nicht mehr wegzudenken. Mit ihnen berechnen Ökonomen etwa, wie stark die Arbeitslosigkeit steigt, wenn die Löhne um einen bestimmten Prozentsatz zulegen oder wie sich die Exporte ändern, wenn die Währung aufwertet. Dabei hat die Entwicklung immer leistungsfähigerer Computer die mathematische Komplexität der Testverfahren in den vergangenen Jahren weiter vorangetrieben. Organisationen wie der Internationale Währungsfonds wenden heute Modelle mit mehreren Hundert Gleichungen an, um etwa die Auswirkungen von politischen Entscheidungen auf die globale Konjunktur zu berechnen.
Mit dem Vordringen der Mathematik ist aber das Risiko gewachsen, von den Ökonomen als Selbstzweck missbraucht zu werden. Die Ökonomie, so kritisiert der Nobelpreisträger Ronald Coase, sei mittlerweile „ein theoretisches System, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht“.
Die Realitätsferne mancher Theorien und der wissenschaftliche Autismus mathematikverliebter Forscher haben dazu beigetragen, dass die Volkswirtschaftslehre Außenstehenden zuweilen wie eine esoterische Geheimwissenschaft erscheint.
Dabei ist guten Ökonomen klar, dass eine überzeugende Theorie auch ohne Mathematik verständlich sein muss. Mittlerweile gibt es auch Lehrbücher, die den Kern ökonomischer Theorien in einfachen Worten erklären. Der mathematische Beweis kommt dann zwar auch – aber erst hinten im Anhang.













