Wissenschaftler empört: Familienministerin blamiert sich mit eigener Studie

Wissenschaftler empört: Familienministerin blamiert sich mit eigener Studie

, aktualisiert 30. November 2011, 19:44 Uhr
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Kristina Schröder.

von Dietmar NeuererQuelle:Handelsblatt Online

Eine vom Familienministerium in Auftrag gegebene Studie zu Zwangsverheiratungen sorgt für Wirbel. Nicht etwa wegen der Ergebnisse, sondern weil Ministerin Schröder recht eigentümliche Schlussfolgerungen zieht.

DüsseldorfGut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Und manches Mal kann es peinlich werden oder, wie im Fall von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sogar gefährlich, wenn Ergebnisse einer pikanten Studie eine komplett falsche Interpretation erfahren. So geschehen mit der von Schröder in Auftrag gegebenen Untersuchung „Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen“. Anfang November wurde das Werk der Öffentlichkeit vorgestellt. Kurz zuvor hatte Schröder jedoch in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) bereits einige zentrale Punkte herausgegriffen und auf ihre Weise gedeutet. Das hätte sie besser nicht tun sollen. Denn die Verfasser der Studie toben jetzt.

Aus der Handelsblatt Online vorliegenden Stellungnahme der Wissenschaftler geht hervor, dass sowohl im wissenschaftlichen Beirat als auch im wissenschaftlichen Workshop vor möglichen Fehlwahrnehmungen, stereotypen Interpretationen und etwaigen politischen Instrumentalisierungen der Studie gewarnt wurde. Umso überraschter reagieren nun die Autoren der Expertise, Heiner Bielefeldt, Yildiz Demirer, Nivedita Prasad und Monika Schröttle, auf die Einlassungen Schröders. „Dass ausgerechnet die Auftraggeberin der Studie verzerrende Interpretationen wichtiger Befunde in der Öffentlichkeit verbreitet, ist für alle Beteiligten, die viel ehrenamtliche Arbeit in die Beratung der Studie investiert haben, mehr als bedauerlich“, schreiben sie.

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So behaupte Schröder in dem FAZ-Beitrag, dass nach Angaben der von Zwangverheiratung Betroffenen 83,4 Prozent der Eltern Muslime seien. „Diese Behauptung ist schlichtweg falsch, denn Betroffene von Zwangsverheiratung sind zu keiner Zeit im Rahmen dieser Studie direkt befragt worden“, unterstreichen dagegen die Wissenschaftler. Es handele sich bei der genannten Zahl vielmehr um das Ergebnis einer Befragung von Menschen, die in Beratungseinrichtungen tätig seien. Diese hätten Auskunft über Fälle von Zwangsverheiratung gegeben.

Schröder wies Kritik scharf zurück. “Wer den gemachten Angaben die Zuverlässigkeit abspricht und sie als Vermutung abtut, wirft damit praktisch den Beratungsstellen vor, leichtfertig oder vorsätzlich falsche Angaben gemacht zu haben. Gegen diesen Vorwurf nehmen wir die Beratungsstellen ausdrücklich in Schutz", sagte Schröders Sprecher Christoph Steegmans Handelsblatt Online. „Die Bundesfamilienministerin ist nicht bereit, die Ergebnisse der Studie und die Leidensgeschichten der Opfer von egal welcher Seite verharmlosen, verschleiern oder umdeuten zu lassen.“

Das Ministerium gehe zudem davon aus, dass die Wissenschaftler alle Daten und Zahlen selbstverständlich wissenschaftlich belastbar erhoben haben. „Dass jetzt einige Beteiligte versuchen, bestimmte Forschungsergebnisse mit Hinweis auf Erhebungsmethoden zu relativieren und den Beratungsstellen unsaubere Dokumentationen vorzuwerfen, wird der menschlichen Tragödie, die hinter jedem dieser Fälle steckt, leider nicht gerecht“, sagte Steegmans.


Entlassung Schröders gefordert

Die Wissenschaftler wiesen in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass es schon im Vorfeld der Untersuchung eine Diskussion mit dem Ministerium über die Frage gegeben habe, inwieweit die Religionszugehörigkeit in der Studie thematisiert werden soll. Den „skeptischen“ Vorbehalten des Beirats sei dann mit der Zusicherung begegnet worden, dass die vermutete Religionszugehörigkeit nur deshalb erhoben werden solle, um für mögliche Nachfragen aus dem parlamentarischen Raum gewappnet zu sein. „Der in der FAZ erschienene Artikel – mit einer sehr eigenwilligen bzw. tendenzösen Darstellung der Religionszugehörigkeit – lässt sich hiermit kaum in Einklang bringen und gibt uns das Gefühl hinters Licht geführt worden zu sein“, kritisieren aber nun die Wissenschaftler.

Zudem unterstellen sie der Ministerin, mit ihrer verzerrenden Darstellung der Studie anti-muslimische Ressentiments zu schüren. „Was Ministerin Schröder im Übrigen mit der Forderung meint, dass ‚manche traditionelle Wurzeln endgültig durchtrennt werden’ müssten, bleibt der Phantasie des Lesepublikums überlassen“, schreiben sie und fügen hinzu. „Die Gefahr, dass durch diese scharfe Formulierung anti-muslimische Ressentiments Auftrieb erhalten, liegt jedenfalls auf der Hand.“

Der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy  legte vor diesem Hintergrund Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entlassung Schröders nahe. „Die Bundeskanzlerin sollte sich ernsthaft die Frage stellen, ob ein Kabinettsmitglied, das Vorurteile schürt statt die Debatte über das Zusammenleben in Deutschland positiv zu begleiten, Ministerin bleiben kann“, sagte Edathy Handelsblatt Online. Schröder setze nicht auf Inhalte, sondern handle ideologisch. „Was nicht in ihr nationalkonservatives Gesellschaftsbild passt, wird ausgeblendet oder tatsachenwidrig verfälscht“, kritisierte das SPD-Fraktionsvorstandsmitglied.

„Es ist mehr als eine Ohrfeige für eine Ministerin, wenn die Autoren einer von ihr selber in Auftrag gegebenen Studie der öffentlichen Darstellung der Ministerin widersprechen“, sagte Edathy weiter. Wenn die Ministerin wesentliche Untersuchungsergebnisse verzerre oder gar falsch dargestellt habe, müsse sich Schröder kurzfristig dazu erklären. „Der Eindruck, sie leiste Vorurteilen gegenüber den in Deutschland lebenden Menschen muslimischen Glaubens Vorschub, ist nicht von der Hand zu weisen.“


SPD: "Armselig, verheerend und beschämend"

Edathy warf Schröder vor, mit ihrer voreingenommenen Haltung“ erheblichen Schaden“ anzurichten. „In einer Zeit, in der die Republik über Morde an Mitbürgern mit Migrationshintergrund zu Recht entsetzt ist, ist das Gebaren von Frau Schröder armselig, verheerend und beschämend“, sagte Edathy.

Auch die Grünen übten heftige Kritik an Schröder. „In der Geschichte der Bundesrepublik gab es progressivere und kompetentere Familienministerinnen, auch bei der CDU“, sagte der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, Handelsblatt Online. Es sei offenkundig, dass Schröder seit ihrem Amtsantritt ihre eigene Agenda verfolgt. Sie habe die Extremismusklausel eingeführt und beharre weiterhin darauf. Sie verteidige eisern das Betreuungsgeld, und sie zögere auch nicht, selbst in Auftrag gegebene wissenschaftliche Studien „falsch und verzerrt wiederzugeben, dass sie in ihr konservatives Weltbild passen“, kritisierte der Grünen-Chef. „Dieser Vorfall ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass es in dieser Koalition nicht weit her ist mit bürgerlichen Werten.“

Mit eigenwilligen wissenschaftlichen Interpretationen hat Schröder schon früher für Aufsehen gesorgt. Ende 2009 erntete Schröder, die damals noch Köhler hieß, harsche Kritik für ihre Doktorarbeit. Professoren sprachen damals von einer „klassischen Typ-B-Arbeit“, eine arbeit also, die „wissenschaftlich von eher überschaubarem Wert“ sei, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt.

Im hessischen Landtagwahlkampf 2008 hatte Schröder zudem behauptet, es gebe eine Zunahme „deutschenfeindlicher Gewalt“ von Ausländern. Als Beleg führte sie wissenschaftliche Befunde des Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer an, der Schröder daraufhin vorwarf, seine Arbeit für ihre Deutungen zu missbrauchen. Schröder konterte damals die Kritik mit den Worten: “So ist das in der Wissenschaft. Jeder zieht seine eigenen Schlussfolgerungen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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