Wohlfühl-Gesellschaft: Deutschland ist ein bedrohtes Idyll

Wohlfühl-Gesellschaft: Deutschland ist ein bedrohtes Idyll

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Deutschland wirkt wie ein Idyll, aber nur auf Zeit

von Dieter Schnaas

Die Wirtschaft brummt, die Stimmung ist prima: Nie zuvor hatten in Deutschland so viele Menschen so große Lebenschancen wie heute. Doch ist unsere Wohlfühl-Gesellschaft ein nachhaltiges Modell?

Im "Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887" des amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellers Edward Bellamy erwacht Julian West in einem idealen Gemeinwesen der Zukunft. Julian wundert sich über die saubere Luft in der Großstadt, staunt über Kreditkarten und eine Art Streaming-Dienst, der verkabelte Haushalte mit musikalischer Unterhaltung versorgt. Das utopische Potenzial des in Boston spielenden Romans aus dem Jahre 1888 ist wirklich verblüffend.

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Die vielleicht schönste Passage aber beschreibt eine Unterhaltung, die sich zwischen Julian und Dr. Leete am Anfang des 14. Kapitels über das Wetter entspinnt. Julian ist irritiert, dass sein Gastgeber das Mittagessen trotz des strömenden Regens auswärts einzunehmen gedenkt - bis er bemerkt, dass die Trottoirs durch ein fortlaufendes, wasserdichtes Dach geschützt sind. Leetes Tochter Esther erklärt Julian, dass man es heutzutage für "töricht ansehen würde, wollte man dem Wetter irgendeinen Einfluss auf die Unternehmungen der Menschen gestatten". Leete selbst aber dient der "gut erleuchtete und vollkommen trockene Korridor" nicht nur alltagspraktischen Zwecken, sondern er deutet ihn auch als politisches Zeitzeichen: Während die Bewohner Bostons im 19. Jahrhundert bei schlechtem Wetter 300.000 Privatregenschirme über ihren Köpfen aufgespannt hätten, so Leete, zeichne sich die moderne Gesellschaft dadurch aus, dass in ihr alle Menschen durch einen einzigen Regenschirm beschützt seien. 

Gärtner im eigenen Eden

Natürlich hat Bellamy das damals marxistisch gemeint: Seine Kolonnaden symbolisieren den postindividualistischen Traum von einer klassenlosen Solidarität aller mit allen. Somnii passati. Heute wissen wir, dass die Regenschirm-Utopie sich nicht in einem sozialistischen Musterland, sondern im Deutschland der sozialen Marktwirtschaft aufs Schönste verwirklicht hat.

Der 800 Milliarden Euro schwere Sozialstaat ist der Riesenregenschirm, den sich Kapitalisten, Selbständige, Angestellte und Arbeiter Jahr für Jahr erarbeiten, um sich unter seinen dauernden Schutz zu stellen - ein Riesenregenschirm, der nicht nur alle existenziellen Gefahren und individuellen Lebenskrisen abwettert, sondern unter dessen Schirm-Herrschaft auch eine historisch beispiellose Komfortzone erblüht ist, ein üppig prangendes Wohlstandsparadies, in dem Pflicht und Fleiß und Feierabend florieren und in dem die Deutschen ihre einmal erworbenen Status und Privilegien hegen: Gärtner in Eden, gesegnet mit einem grünem Daumen. "Geweihter Ackerboden aus Gottes Odem. Wenig Speicherung ist hier vonnöten, da zu jeder Zeit der ganze Speicher an den Ästen hängt" - so hat sich der englische Dichter John Milton 1667 das Elysium vorgestellt - und so wie einst bei Adam und Eva besteht auch für die Deutschen heute das Tagwerk vor allem darin, den Überfluss zu pflücken und die Fülle zu pflegen. 

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