_

Wolfgang Franz: "Warnstreiks per Gesetz einschränken"

von Bert Losse

Heute streikt der öffentliche Dienst in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Wieder werden viele Personen zu spät zu Arbeit kommen. Der Chef der "Fünf Wirtschaftsweisen", Wolfgang Franz, fordert jetzt das Eingreifen der Bundesregierung.

Am Dienstag wurde in Bayern gestreikt, am Mittwoch in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Quelle: dapd
Am Dienstag wurde in Bayern gestreikt, am Mittwoch in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Quelle: dapd

WirtschaftsWoche Online: Professor Franz, im öffentlichen Dienst rollt in dieser Woche die zweite Warnstreikwelle. Haben Sie dafür Verständnis?
Franz: Nein, ich sehe das in diesem frühen Stadium der Verhandlungen mit Sorge. Die Hürden für Streiks in Deutschland müssen generell höher gelegt werden. Das Bundesarbeitsgericht hat leider durch mehrere befremdliche Urteile die Hemmschwelle für Arbeitskämpfe gesenkt. Warnstreiks sind seither generell zulässig, und auch Sympathiestreiks für Streikende in anderen Branchen sind erlaubt. Da wird der Unternehmer quasi in Geiselhaft genommen. Hier müsste die Bundesregierung gegensteuern.

Anzeige

Wie denn?
Die Politik sollte die Zulässigkeit von Warnstreiks einschränken und das Tarifvertragsgesetz so ändern, dass vor jedem Streik ein Schlichtungsverfahren steht und jeder Tarifvertrag ein entsprechendes Procedere festschreibt. Das wäre eine wirkungsvolle Hemmschwelle vor überzogener Streikbereitschaft. Arbeitskämpfe dürfen immer nur die ultima ratio sein. Ich weiß, dass manche Juristen diesen Vorschlag kritisch sehen, weil man in die Vertragsfreiheit eingreifen würde. Aber angesichts der möglichen volkswirtschaftlichen Kosten von Streiks - insbesondere im Bereich der Daseinsvorsorge - halte ich einen solchen Eingriff für vertretbar.

Sollte die Politik generell eine aktivere Rolle bei Arbeitskämpfen spielen?
Aus der Lohndebatte sollte sie sich tunlichst heraushalten. Die Bundesregierung sollte aber durchaus einmal über sogenannte Cooling-Off-Perioden wie in den USA nachdenken. Wenn in den USA Streiks die gesamte Volkswirtschaft stark beeinträchtigen, kann der Präsident - wie vor einigen Jahren im Fall der Hafenarbeiter geschehen - den Arbeitskampf für bis zu 80 Tage aufschieben. In dieser Abkühlungsphase müssen die Tarifvertragsparteien aufeinander zugehen.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats und Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Franz. Quelle: AP
Der Vorsitzende des Sachverständigenrats und Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Franz. Quelle: AP

Die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst fordern für die Beschäftigten 6,5 Prozent mehr Geld. Welchen Tarifabschluss halten Sie für vertretbar?
Sie müssen die richtige Balance finden. Natürlich sollte der öffentliche Dienst für qualifizierte Arbeitskräfte attraktiv bleiben und darf daher nicht zu sehr von der Einkommensentwicklung in der Privatwirtschaft abgekoppelt werden. Allerdings halte ich einen gewissen Abschlag wegen der Arbeitsplatzsicherheit im öffentlichen Dienst für vertretbar. Mein Vorschlag wäre, einen Mittelwert der in der Privatwirtschaft erzielten Abschlüsse zu bilden und diesen mit einem Abschlag auf den öffentlichen Dienst zu übertragen.

Und wie hoch sollte der Abschlag sein?
Das wäre dann Sache der Tarifvertragsparteien.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.03.2012, 20:08 UhrRobert

    Das Streikrecht sollte für den Öffentlichen Dienst hinsichtlich der turnusmäßigen Tarifrunden ganz abgeschafft werden. Stattdessen bekommt der ÖD einen mit den Gewérkschaften ausgehandelten Tarif nach einer festen Formel mit Bezug zur Gesamtheit der privaten Wirtschaft (statist. Mittel). Steigen oder fallen die Löhne dort, steigen oder fallen sie mit gleicher %Zahl im ÖD. Ein Abschlag für die Arbeitsplatzsicherheit in Höhe von mind. 20% bis max. 33% bei sonst gleichen Bedingungen (tatsächliche Arbeitszeit, Überstundenbezahlung, Urlaub etc.) ist gerechtfertigt.

    Ferner sind individ. Abschläge einzuführen, die den hohen Krankenstand im ÖD kompensieren. Der hat seine Ursache eindeutig in der Arbeitsplatzsicherheit. Kein Beschäftigter und kein Unternehmer in der privaten Wirtschaft kann sich soetwas leisten. Wer öfter mit Verwaltungen zu tun hat, kann ein Lied von der Abwesenheitsquote der Mitarbeiter dort singen. Mittagspausen sind ausgedehnt, ab 15:00 ist kaum noch jemand zu erreichen. Dabei sind es doch Dienstleister für die Bürger und Unternehmen. So ist der ÖD aber sehr selten organisiert.

  • 22.03.2012, 12:02 UhrKalix

    Ich sehe mehr das Ungleichgewicht zwischen den Gewerkschaften. Ausgenommen verdi gibt es bei den sonstigen "unblutige" Einigungen; hier wünsche ich mir manchmal mehr Härte der Gewerkschaften. verdi jedoch holt überall da, wo man vertreten ist, sofort den grossen Hammer heraus. Ich denke, das liegt an mehr Arbeitsplatzsicherheit und damit an mehr falsch verstandenem Mut gerade im ÖD; dies sollte man ändern. Bei den kommunalen Defizite sollten diese ihren ÖD so reduzieren, wie es dem Tarifabschluss entspricht. Herrn Bsirske ist eine Kostenstelle mit deutlich über 2 MIO €/Jahr; hier sollte wir mit einer Bereinigung anf<ngen.

  • 21.03.2012, 14:45 UhrQuerdenker22

    Ich bin für eine wesentliche Ausweitung des Streikes auch zu politischen Themen. So würde Bürgern recht schnell Macht zurückgegeben werden. Das Geschwätz der benachteiligten Unternehmen kann ich nicht mehr hören.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Chinesen-Plage in Hongkong
Chinesen-Plage in Hongkong

Quer durch die Kulturen ist der Sonntag ein Tag der Ruhe, des Innenhaltens – im britisch geprägten Hongkong nicht anders...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 18.05.2013

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche

    Folgen Sie uns im Social Web

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.