ZEW-Studie über Kinderbetreuung: Der Unsinn der politischen Evaluation

KommentarZEW-Studie über Kinderbetreuung: Der Unsinn der politischen Evaluation

von Ferdinand Knauß

Subventionen für die Kinderbetreuung führen zu weniger Geburten, behauptet eine Studie des ZEW. Dahinter steht nicht nur die bange Frage, nach der demografischen Wirkung von Familienpolitik, sondern auch nach Sinn und Unsinn solcher Studien.

Ohne wissenschaftliche Evaluierung scheint heute keine Politik mehr möglich. Ministerien erbitten sich für ihre großen Projekte den Segen und die Absolution der "Experten", die ihnen vor den Augen der wissenschaftsgläubigen Öffentlichkeit bestätigen sollen, dass sie die allein seligmachenden Maßnahmen für "die Menschen" ergriffen haben. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die die Auswirkungen der Familienpolitik besonders aufwendig vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim untersuchen lässt, hat jetzt erneut erfahren, welch unerfreuliche Urteile dabei rauskommen können, wenn Politiker die Meister der ökonomischen Zahlen zum Richter über ihre Politik machen. Die Rheinische Post berichtet aus einer noch unveröffentlichten Teilstudie, die den Glauben an die staatliche Kinderbetreuung als ersehntes gesellschaftspolitisches Allheilmittel in Frage stellen will: Der Ausbau der staatlichen Betreuung für einen Geburtsjahrgang wirkt sich negativ auf die Geburtenrate im Folgejahr aus, wollen die Ökonomen vom ZEW in einer Modellrechnung herausgefunden haben.

Demnach würden theoretisch mit der Subventionierung der Kinderbetreuung 75.000 Frauen mehr erwerbstätig, was wiederum dazu führe, dass rund 38.000 Kinder weniger geboren würden. Insbesondere Mütter mit bereits einem Kind würden, so das Ergebnis der Modellrechnung im Falle einer subventionierten Betreuung zugunsten ihrer Erwerbstätigkeit auf ein unmittelbar nach dem ersten geborenes zweites Kind verzichten.

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Die Bundesregierung hat sich eine Demografiestrategie gegeben. Bei näherer Betrachtung entpuppt die sich als eine Propagandaveranstaltung.

Quelle: dpa/Montage

Was ist davon zu halten? Ist nun alle familienpolitische Liebesmüh um den Ausbau der Kinderbetreuung sogar kontraproduktiv? Immerhin gilt der Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung als die große Lösung zur Versöhnung der Ansprüche des Arbeitsmarktes mit dem Wunsch, Familien das Kinderkriegen zu erleichtern. Frankreich gilt in dieser Hinsicht als Vorbild: Eine hohe Betreuungsquote geht mit hoher Frauenerwerbstätigkeit und relativ hoher Geburtenzahl einher (rund 1,9 Kinder pro Frau, verglichen mit knapp 1,4 in Deutschland).

Fragt man beim ZEW nach, hört man Beschwichtigungen. Holger Stichnoth, Senior Researcher beim ZEW, weist darauf hin, dass die Rheinische Post nur ein Modell von vielen erwähne, das nur die kurzfristigen Folgen im kommenden Jahr berücksichtige. Längerfristig habe eine Verbesserung der staatlichen Leistungen zur Kinderbetreuung durchaus "leicht positive" Wirkung auf die Geburtenzahlen. Also Kommando zurück? Ist die Welt der Familienpolitiker doch in Ordnung?

Die widersprüchlichen Ergebnisse der Studie sollten Anlass sein, die Sinnhaftigkeit und den Erkenntniswert solcher mathematischen Modellrechnungen grundsätzlich zu hinterfragen. Sind ökonomische Modellrechnungen, die das Verhalten von Menschen in mathematisch verwendbare Daten verwandeln zu können glauben, ein sinnvolles Instrument, um Was-wäre-wenn-Fragen zu beantworten? Im konkreten Fall könnte man eine wirklich belastbare Antwort nur geben, wenn man zwei Menschengruppen miteinander vergleichen könnte, nämlich eine, die in den Genus staatlich subventionierter Kinderbetreuung kommt, und eine andere, die keine Unterstützung erhält. Aber ein solches soziales Großexperiment ist natürlich nicht verfügbar. Die ZEW-Ökonomen haben sich die Nichtsubventionierten am Computer ausgerechnet. Das ist mehr als waghalsig. Wie so manche Modellrechnung, die Ökonomen in den letzten Jahrzehnten im festen Glauben an die Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens präsentiert haben.

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Die Grundfrage der Familienpolitik kann kein kein mathematisches Modell beantworten: Wenn es einen Zusammenhang zwischen familienpolitischen Maßnahmen, beziehungsweise der Frauenerwerbsquote und den Geburtenzahlen gibt, was ist dann Ursache und was Wirkung? Keine Modellrechnung funktioniert, wenn sich der Nutzer nicht im vorhinein auf eine Wirkrichtung festgelegt hat. Die Mannheimer Forscher sind, wie allgemein üblich davon ausgegangen, dass die Frauenerwerbsquote die Geburtenzahl beeinflusst. Aber man kann mit guten Argumenten auch vom Gegenteil ausgehen, wie das der Demograf Herwig Birg tut: Die Geburt eines Kindes als langfristige, unumkehrbare persönliche Festlegung beeinflusst die Arbeitsmarktentscheidungen von Frauen.

Wenn Birg mit seiner "biografischen Theorie der demografischen Reproduktion", die er im Rahmen einer sehr aufwendigen Befragungsstudie erarbeitete, richtig liegt, ist die Studie des ZEW also ohnehin wertlos, da sie eine demografische Wirkung zu erfassen versucht, die es gar nicht gibt.

Keine Regierung kommt darum herum, politische Entscheidungen zu treffen, die auf uneindeutigen Vorannahmen beruht und zu unvorhersagbaren Ergebnissen führen können. Eine Politik, die nur die Erkenntnisse einer die Zukunft vorhersagenden Pseudowissenschaft umsetzen will, schafft sich selbst ab.

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