
So also stellt sich Deutschland der Welt vor. Besucher, die ab dem 1. Mai den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Shanghai betreten, dürfen sich auf Widersprüche einstellen. Im Restaurant gibt es, ganz traditionell, Sauerbraten mit Rotkohl. Optisch aber geht es visionärer zu: Der vom Münchner Architekturbüro Schmidhuber + Kaindl entworfene deutsche Expo-Pavillon ist eine zerklüftete Stahlkonstruktion, umspannt von einer transparenten und grau schimmernden Haut. Die Außenmembran ist eine Spezialentwicklung mit exzellenten Dämmeigenschaften – und kann nach der Expo zu Tragetaschen oder Sonnensegeln weiterverarbeitet werden.

Der Bau folgt damit dem Leitmotiv der Expo: „Better City, Better Life“. Sechs Monate wird es in Shanghai um die besten Ideen für die Stadt der Zukunft gehen, um die Vereinbarkeit von Ökologie, Wachstum und Mobilität – und damit um ein globales Megathema der kommenden Jahrzehnte. Auch Deutschland präsentiert auf der Expo, mit 3,3 Quadratkilometer Fläche und erwarteten 70 Millionen Besuchern die größte Weltausstellung aller Zeiten, urbane Vorzeigeprojekte: die Hamburger Hafen-City etwa oder die Solarsiedlung Vauban in Freiburg.
Seit 2007 leben auf dem Globus mehr Menschen in Städten als auf dem Land, und dieser Trend setzt sich fort. Nach UN-Prognosen steigt der Anteil der Stadtbewohner bis 2030 auf über 60 Prozent, 2050 könnten es 70 Prozent sein. Gleichzeitig verschieben sich die geografischen Gewichte: Während fast alle Industriestaaten schrumpfen, steigen die Einwohnerzahlen in Schwellen- und Entwicklungsländern. 1970 machten die Industrieländer 27 Prozent der Weltbevölkerung aus, 2050 dürften es nur noch 13 Prozent sein. Derzeit steigt die Zahl der Menschen um 76 Millionen jährlich.
Pläne zur Bewältigung der Urbanisierung
Wie lassen sich Bevölkerungswachstum und Urbanisierung steuern, damit die Stadt der Zukunft nicht nur wuchert, sondern auch gestaltbar bleibt? Dies ist eine gigantische Herausforderung für Stadtplaner und Politik. Die Ballungszentren (schon heute gibt es über 130 Städte mit mehr als drei Millionen Einwohnern) verbrauchen 80 Prozent der weltweiten Ressourcen. Städte wie New York, London, Oslo, Vancouver oder München basteln bereits an Masterplänen mit kombinierten Wohn- und Arbeitsquartieren, weniger Verkehr und energieeffizienteren Gebäuden. Im Wüstensand vor den Toren Abu Dhabis entsteht nach Plänen von Stararchitekt Norman Foster die ökologische Musterstadt Masdar, die ohne fossile Brennstoffe auskommen soll. An der Südspitze der Jangtse-Mündung wächst in China bis 2020 eine Planstadt für 800 000 Einwohner in den Himmel: Lingang New City, konzipiert vom Architektenbüro von Gerkan, Marg und Partner. Hier erwartet Besucher keine kompakte City mit Geschäften und Büros, sondern eine ungewöhnliche neue Mitte – ein runder See mit 2,5 Kilometer Durchmesser, um den herum sich die Stadt in drei konzentrischen Kreisen ins Landesinnere ausdehnt.
Kein Wunder, dass nicht nur die Expo die Stadt der Zukunft auf die Agenda hebt. Im März pilgerten rund 21 000 Besucher nach Rio de Janeiro zum World Urban Forum der Vereinten Nationen, um sich über nachhaltige Stadtentwicklung auszutauschen. Auch die Wirtschaft beginnt sich für das Thema zu interessieren. Der Autobauer Audi etwa, der sich wie seine Konkurrenten auf ein verändertes Mobilitätsverhalten einstellen muss, hat einen „Urban Future Award“ ausgelobt – einen Preis, der „architektonische und städteplanerische Visionen“ belohnen soll. Denn die, so viel ist klar, sind dringend nötig.













