Zum Tod von Reich-Ranicki: Das Leben ist eine Erzählung

Zum Tod von Reich-Ranicki: Das Leben ist eine Erzählung

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Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist mit 93 Jahren gestorben.

von Dieter Schnaas

Als Kritiker war er geehrt und gefürchtet zugleich. Seine Autobiografie mit der Schilderung der Flucht aus dem Warschauer Ghetto wurde zum Bestseller. Marcel Reich-Ranicki ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Sein Leben kurz nacherzählen, mal eben so, in einem kleinen Artikel, nein, das geht nicht, das verbietet sich. Ein bisschen Mühe muss man sich mit Marcel Reich-Ranicki schon geben, seiner Biografie folgen wollen, sich auf seinen Lebensweg einlassen, sonst lässt man es besser gleich sein. Vielleicht ist das sogar sein größtes Vermächtnis, dass er uns am Beispiel seiner selbst gezeigt hat: Interessiert Euch für meine Geschichte, für Geschichten überhaupt, die, wie man sagt: das Leben schreibt, seien sie nun wahr oder erfunden, werden diese Leben nun gelebt, zerstört oder verpasst, ganz gleich - interessiert Euch für Erzählungen, schreibt sie auf, lest sie, versenkt euch in sie, denn in ihnen allein ist so etwas wie Wahrheit zu finden, in Lebensgeschichten, in Liebesgeschichten, vor allem: in lebendigen Geschichten - und wenn nicht, wenn ihr euch der Mühe des Erzählens und des Sich-Erzählen-Lassens nicht unterziehen wollt, dann verschont mich mit Eurem Interesse so wie ich Euch mit meinem verschone.

"Mein Leben", der schlichte Titel seiner Autobiografie, war insofern immer als Angebot und Abschreckung zugleich gemeint: Schnappt euch das Buch - oder lasst es bleiben. Dass es gleich nach seinem Erscheinen 1999 zu eine Art Hausbuch der Deutschen avanciert ist, dass sich so viele Menschen auf seine Erzählung eingelassen haben, damit hat er sicher nicht gerechnet, das hat ihn gerührt und sicher auch ein wenig mit Stolz erfüllt. Heute Nachmittag ist Marcel Reich-Ranicki, der einflussreichste Literaturkritiker der Bundesrepublik, im Alter von 93 Jahren gestorben. 

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Reaktionen auf den Tod von Reich-Ranicki

  • Bundespräsident Gauck

    „Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barbarei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen. Mit Marcel Reich-Ranicki verliert die deutsche Literatur ihren leidenschaftlichsten Streiter und ihren entschiedensten Anwalt.“

  • Bundeskanzlerin Merkel

    „Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie.“

  • Bundestagspräsident Lammert

    „In seiner unnachahmlichen Art kämpfte er für eine qualitätsvolle Literatur und setzte sich für die deutsche Sprache ein. Er tat dies so leidenschaftlich, so geistreich und so verständlich, dass er in der Lage war, Millionen Menschen mitzureißen und der Literatur auch in der breiten Öffentlichkeit zu mehr Geltung zu verhelfen.“

  • FAZ-Herausgeber Schirrmacher

    „Wir trauern alle. Noch vor 2 Stunden habe ich ihn besucht.“

  • Entertainer Gottschalk

    „Er hat für Deutschland mehr getan als die meisten Kultur-Politiker.“

  • Schriftsteller Karasek

    „Ich glaube, er war kompromisslos. Er konnte sagen: "Dies ist ein miserables Buch, es ist einfach schlecht geschrieben. Mich interessieren Geschichten von Eskimos nicht - was sollen wir damit?".“

Dass er nach dem Holocaust die Kraft hatte, sich Deutschland zuzuwenden, um an der intellektuellen Biografie der jungen Republik mitzuwirken, ist seiner unbezwingbaren Kulturverliebtheit zu verdanken. Die Unbegreiflichkeit, dass eine Nation, die sich auf Bach, Beethoven, Brahms, auf Lessing, Schiller, Goethe, auf Hegel, Kant und Schopenhauer berufen kann, nicht vor Rassismus, Judenmord und Kriegsgräueln gefeit ist, ist seinem Leben - wie auch dem Leben Thomas Manns, den Reich-Ranicki besonders verehrte - eingeschrieben.

Wilhelm Furtwängler und Gustaf Gründgens bescherten dem Berliner Schüler schon früh künstlerische Initialerlebnisse; Musik und Literatur waren dem Knaben Fluchtburgen und Aufenthaltsorte in einer ihn immer stärker bedrängenden Wirklichkeit. Und wie die Literatur, wie ihm das Erzählen buchstäblich zum Überlebenselixier werden nach seiner Ausweisung, im Warschauer Ghetto, nach seiner Flucht und während der 16 Monate im Versteck bei der Familie eines arbeitslosen Schriftsetzers - das muss man schon selbst nachlesen, um eine Ahnung von der wundervollen Bedeutung zu bekommen, die die Kultur für Marcel Reich-Ranicki besaß. Denn ohne seine Nach-Erzählungen von Werken der deutschen und europäischen Literatur, ohne das "Um-Sein-Leben-Erzählen", so erzählt es Reich-Ranicki in "Mein Leben", hätte sich die gefährliche Geduld seiner Gastgeber wohl bereits vor der Befreiung Polens durch die Rote Armee erschöpft.

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