Zwei Jahre als Flüchtling in Deutschland: Wanderer zwischen den Welten

Zwei Jahre als Flüchtling in Deutschland: Wanderer zwischen den Welten

, aktualisiert 20. August 2016, 13:47 Uhr
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Seit zwei Jahren lebt Monadjed als Flüchtling in Deutschland. Fürs Jugendamt Kiel berät er andere Flüchtlinge und gibt Sprach- und Kommunikationstraining.

Quelle:Handelsblatt Online

Nach zwei Jahren in Deutschland zieht der junge Syrer Ammar Monadjed Bilanz: Er kann jetzt Deutsch, unterrichtet Flüchtlinge und will studieren. Aber das Klima, so empfindet er, hat sich mit dem Terror verschlechtert.

Kiel, AleppoWährend Ammar Monadjed (28) in der Kieler Altbauwohnung dem Gast Kaffee eingießt, spricht er über seine Eltern in Aleppo: „Ich habe immer Angst, mehr als früher.“ Die Einschläge von Raketen und Bomben hätten auch in ihrem von Regierungstruppen kontrollierten Stadtteil zugenommen, aber die Eltern wollen in der hart umkämpften Stadt, ihrer Heimat, bleiben. Fast täglich hat der syrische Flüchtling, der vor zwei Jahren aus Aleppo über den Balkan nach Deutschland kam, mit den Eltern Kontakt über Nachrichten-Apps. Telefonieren ist schwieriger, aber es klappt dann doch manchmal.

Wie die aktuelle Lage in Aleppo ist? „Die ändert sich täglich“, sagt Monadjed. Die regelmäßigen Kontakte mit den Eltern und Freunden bestätigten die Darstellungen von Uno und Medien weitgehend: In dem von Rebellen gehaltenen kleineren Ost-Aleppo ist die Lage dramatisch, während es in dem von der syrischen Armee kontrollierten größeren Stadtbereich nicht ganz so schlimm ist - weil die Assad-Truppen vom Hinterland den Zugang kontrollieren. Es gebe aber auch dort Ausfälle bei der Trinkwasserversorgung, und es fehle zeitweise an einigen Nahrungsmitteln. Strom werde oft lokal mit Diesel-Generatoren erzeugt, meist nur noch sechs bis acht Stunden am Tag (zuvor zwölf Stunden), die Menschen müssten den privaten Betreibern Geld zahlen.

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„Es ist alles sehr viel teurer geworden - mehr also doppelt soviel wie vorher“, gibt Monadjed die nicht überprüften Berichte wieder. Das eigene Haus der Eltern in Aleppo ist längst zerstört, seit einiger Zeit wohnen sie in einem anderen Stadtteil, der zunächst noch als nicht so gefährlich gegolten hatte.

Ans Küchenfenster der Kieler Wohnung prasselt an diesem düsteren Augustmorgen Regen, Gewitter leuchten, es donnert. „Das ist einer der Gründe, warum ich mal aus Kiel weg will“, sagt der 28-Jährige lachend über das Schietwetter in diesem Sommer im Norden.

Die Integration des jungen Syrers, so würden es wohl Fachleute sagen, ist nach zwei Jahren in Deutschland auf einem guten Weg – am Ziel ist er aber noch längst nicht. Drei Deutsche haben ihn in ihre WG in der Wohnung nahe am Hauptbahnhof aufgenommen. Monadjed kann inzwischen richtig gut Deutsch. Seit dieser Woche arbeitet er als Dozent in einem Flüchtlingsprojekt für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Kiel. Und er spielt in der Fußball-Freizeitmannschaft „Atemlos“ mit – „als einziger Flüchtling“, wie er nicht ohne Stolz anmerkt.

Nach mehreren Deutschkursen hat Monadjed von sechs möglichen Leistungsstufen die fünfte erreicht. Seine Level ist C1 – das ist laut Otto Benecke Stiftung (OBS) in Bonn das für Studium und Beruf notwendige Niveau. Monadjed erhielt nach einem Test ein Stipendium für einen Intensiv-Deutschkurs in Hamburg finanziert. „Es ist reines Glück gewesen, dass mir eine deutsche Freundin von der Stiftung erzählt hat, die ich vorher nicht kannte“, sagt Monadjed.

Monadjed hat in Syrien englische Literatur studiert. „In Deutschland wollte ich eigentlich Englisch und Sport fürs Lehramt studieren.“ Aber fürs Englischstudium hätte er den Toefl-Test machen müssen, das wäre zu viel gewesen parallel zum intensiven Deutschkurs. Nun erwägt er, an der Fachhochschule Kiel Sozialarbeit zu studieren.


„Die Leute schauen einen nicht mehr so freundlich an“

„Die Sprache ist der Schlüssel, wenn Du sie lernst ist alles easy und okay“, sagt Monadjed. Fürs Jugendamt Kiel berät er Flüchtlinge. Dass er zudem den Zeitvertrag als Honorarkraft beim AWO-Kreisverband Kiel bekommen hat, empfindet er als Glück und puren Zufall – wie so vieles seit der Flucht aus Syrien. Jan Stücker, Sozialpädagoge von der AWO, sagt, ein anderer Flüchtling, der vorher ein ähnliches Projekt machte und jetzt eine feste Stelle habe, habe Monadjed empfohlen. „Wir haben mit ihm gesprochen, ich bin sicher, er wird seine Sache gut machen.“

Der Flüchtling unterrichtet jetzt selber Flüchtlinge, macht „Sprach- und Kommunikationstraining“. Es geht um eine Einführung ins Deutsche, um Tipps bei der Wohnungssuche oder den Umgang mit Behörden. „Wegen ihrer eigenen Erfahrungen sind Flüchtlinge wie Monadjed hierfür bestens geeignet“, sagt Stücker. „Das Projekt soll die oft monatelange Wartezeit, bis Flüchtlinge den offiziellen Integrationskurs vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge genehmigt bekommen, sinnvoll überbrücken.“ „Ich freue mich und bin aufgeregt, den Kurs geben zu dürfen“, sagte Monadjed.

Rückblende: Am 24. Juli 2014 meldete sich der junge Syrer an der Pforte der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Neumünster, zeigte seine Papiere und fragte nach Asyl. Ein Granatsplitter am Hals hätte ihn fast das das Leben gekostet. Die abenteuerliche Flucht führte quer durch Europa, einmal erwischte ihn die Grenzpolizei. Nach Monaten im Gefängnis und einem harten Lager in Bulgarien „half“ ihm ein Lastwagenfahrer – für 4000 Euro.

„Es war reiner Zufall, dass mich der Fahrer nach Schleswig-Holstein brachte“, erzählte Monadjed vor anderthalb Jahren. Damals empfand er sein Leben „wie einen Film“. Und er wollte nicht über die Zukunft spekulieren: „Ich traue mich nicht zu träumen.“ Und heute? „Ich bin immer noch nicht so richtig mit der Realität ‚connected‘, ich wundere mich immer wieder über mein Leben, aber es ist jetzt auf jeden Fall besser.“ Und träumen? „Ich weiß nicht, jetzt habe ich zu tun: Ich habe die Sprache gelernt, ich kann arbeiten und will studieren und kann an meine Zukunft denken.“

In Deutschland hat sich nach seinem Empfinden seit den Gewalt- und Terrortaten im Juli die Atmosphäre verändert. „Die Leute schauen einen nicht mehr so freundlich an, früher haben sie oft gelächelt, jetzt ist das nicht mehr so.“ Er selber hat Diskriminierung nicht erlebt und ist Deutschland sehr dankbar. Seine Aufenthaltsgenehmigung läuft erst einmal bis 2017. „Dann wird man sehen“, sagt er. Sollte sich die Lage in Syrien befrieden, würde Deutschland viele Flüchtlinge zurückschicken, vermutet der 28-Jährige.

Ob er noch einmal fliehen würde? Nachdenklich kommt die Antwort: „Einerseits ja, andererseits nein. Ich bin gezwungen gewesen zu fliehen. In Deutschland sind die Verhältnisse in jedem Fall besser und ich habe die Chance bekommen, ein neues Leben anzufangen.“ Aber in diesem neuen Leben ist die alte Heimat stets präsent: „Ich muss immer online sein“, sagt der Wanderer zwischen zwei Welten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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