Zwischen Kita und Senat: 3 Stunden Mutter, 15 Stunden Politikerin

Zwischen Kita und Senat: 3 Stunden Mutter, 15 Stunden Politikerin

, aktualisiert 08. Mai 2016, 14:39 Uhr
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Hamburgs Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration leitet eine Behörde mit 800 Mitarbeitern.

von Eva FischerQuelle:Handelsblatt Online

Mütter in Führungspositionen sind rar, in der Politik eine Ausnahme. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard ist eine von ihnen. Wie sie ihre Arbeit und den anderthalbjährigen Sohn managt: Ein Tag aus ihrem Leben.

HamburgDie linke Hand für den Kinderwagen, die rechte für den Rollkoffer: In der Harburger Luft liegt noch Müdigkeit, als sie sich um 8 Uhr morgens auf den Weg macht, um ihr Kind in die Kita zu bringen. Dann beginnt ihr Arbeitstag. Ein Arbeitstag, der etwa 15Stunden dauern wird. Auf den Beinen ist sie schon seit drei Stunden.

Melanie Leonhard (SPD) ist Hamburgs Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Mit 38 Jahren leitet sie eine Behörde mit 800 Mitarbeitern, zuständig für all die Brennpunkt-Themen der Stadt. Und sie hat einen anderthalbjährigen Sohn: Johannes, vergnügt und zuckersüß.

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Als Arbeits- und Familiensenatorin ist es Leonards Hauptjob, die Vereinbarkeit von Kind und Karriere zu ermöglichen. Und sie selbst soll als gutes Beispiel vorangehen. Aber wie?

Es gibt sie – die jungen Mütter in der Politik. Die hohe Ämter bekleiden – und so nicht nur die Verantwortung für ein Kleinkind haben, sondern auch für Millionen von Menschen. Doch es sind nur wenige.

Im Bundeskabinett sitzen Manuela Schwesig (SPD) und Andrea Nahles (SPD). Schwesig bekam im März eine kleine Tochter und will im Mai wieder ihre Arbeit aufnehmen. Ihr Mann nehme dann Elternzeit und kümmere sich um das Kind, heißt es. Andrea Nahles’ vierjährige Tochter lebt bei ihrem Vater. Auch auf Länderebene sind junge Mütter in den Kabinetten und Senaten rar. In Bayern gibt es Melanie Huml (CSU), Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, 40 Jahre, zwei kleine Söhne. Der jüngste wurde im vergangenen Jahr geboren. Und in Hamburg Melanie Leonhard. Das sind alle.

5 Uhr – die Nacht ist vorbei, Johannes ist wach. Für Mutter und Kind beginnt der Tag. Die beiden verbringen den Morgen zusammen, ihr tägliches Ritual. Gegen 8 Uhr geht es los in Richtung Kita. 15 Minuten Fußweg – Johannes im Kinderwagen, die Senatorin im schlichten Wickelkleid und auf hohen Schuhen, die Unterlagen im Rollkoffer. Es ist die einzige Zeit, die Mutter und Sohn zusammen haben. Und die soll ihnen niemand wegnehmen.

Später am Tag werden die Großeltern Johannes abholen und ihn bis abends betreuen. Bis seine Eltern von der Arbeit nach Hause kommen. Meist ist es Leonhards Mann zuerst da. „Ohne die Hilfe der Großeltern müsste ich wohl eine Nanny beschäftigen“, sagt Leonhard – und das will sie nicht. Ohne die Hilfe der Großeltern wäre sie wohl nicht Senatorin. Jetzt aber wartet ihr Wagen vor der Kita. Mit der Fahrerin spricht Leonhard den Tag durch. Jeden Morgen der gleiche Ablauf. Es ist alles durchorganisiert.

Es ist 8:26 Uhr, der dunkle Wagen startet. Vom Harburger Rathausplatz in den nördlichen Stadtteil Barmbek, dort ist die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Einmal quer durch eine Millionenstadt, wie jeden Morgen verstopft. Während der Fahrt arbeitet Leonhard: macht Telefontermine, liest, bereitet sich auf Grußworte vor. Nichts zu tun? Nein, das passiert ihr nie. 

9:03 Uhr: Leonhard betritt ihr Büro. „Morgenlage“ ruft ihre Sekretärin durch die Gänge. Büroleiter, Persönlicher Referent und Pressesprecher haben auf den Zuruf gewartet. Bei ihrem Vorgänger Detlef Scheele (SPD) war das anders: Jeden Morgen fand pünktlich zur gleichen Zeit das morgendliche Meeting statt. Bei Leonhard weiß niemand, wann sie genau im Büro eintrifft – wegen Johannes.

9:40 Uhr: Morgenlage beendet. Nächster Termin: 10:15 Uhr. Ein Treffen mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Leonhard setzt sich schnell an den PC, beschäftigtes Tippen, schon ruft die Sekretärin: „Sie müssen dann auch los, Frau Leonhard.“


Und wenn das Kind krank ist?

Kurz vor 10 Uhr, wieder im Auto, wieder schleicht der Wagen durch den Verkehr. Ob es in der nächste Woche irgendwann einen zeitlichen Puffer für einen Kinderarzttermin gebe, fragt Leonhard die Fahrerin. „Das kriegen wir hin.“

Was sie macht, wenn das Kind krank ist? „Dann versuche ich, meine Termine umzulegen. Oder mein Mann versucht, seine Termine zu verschieben“, erzählt Leonhard. Einmal stand sie vor geschlossenen Türen, als sie Johannes morgens in die Kita bringen wollte. So viele Betreuer waren krank, dass der Hort nicht öffnete. „Wir finden in solchen Fällen eine Lösung“, sagt Leonhard. „Das ist alles eine Frage von Organisation.“  

Ihre Fahrerin ist schon einmal eingesprungen und mit Johannes spazieren gegangen, während die Senatorin auf einem Termin war. Oder Leonhard nahm ihn zu einem Termin mit. „Ich habe die gleichen Probleme wie alle berufstätigen Eltern“, erklärt die junge Senatorin.

Plötzlich: Ein Taxi zieht auf die andere Spur und streift den Wagen. Rechts heranfahren, Daten austauschen, Handyfoto, ein Anruf: „Die Senatorin kommt zu spät.“ „Tut mir leid“, sagt die Fahrerin, als sie weiterfahren. „Alles gut“, erwidert Leonhard. Sie sagt es oft: „Alles gut.“

Als „Arbeitstier“ und „Strategin“ beschreibt sie ihr Pressesprecher. Sie wollte am liebsten alles selbst machen, jede Unterlage lesen, jedes Grußwort schreiben. Delegieren musste sie erst lernen. „Sie legt nicht viel Wert auf ihr Image“, sagt er weiter. „Schwierige Aufgaben versucht sie einfach, so gut wie möglich zu lösen.“

11:57 Uhr: Ende der Besprechung, nächster Termin in einer halben Stunde, wieder an einem anderen Ort. Keine Zeit für ein richtiges Mittagessen. Schnell eine Currywurst mit Pommes auf dem Rathausmarkt. Immer wieder der Blick zur Uhr. Sie muss gleich los. Sie muss jetzt los.

Wann hat sie Zeit für sich? Für ein Buch oder zum Nichtstun? „Selten“, sagt Leonhard zögernd. „Wenn, dann am Wochenende mal für eine Stunde.“ Aber eigentlich verbringe sie ihre Freizeit lieber mit ihrem Mann und ihrem Sohn: „Die vermisse ich sehr.“

12:30 Uhr: Jobcenter. Ein Gespräch mit zwei jungen Mitarbeitern. Kein Außenstehender käme auf die Idee, dass dort die oberste Behördenchefin sitzt. Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Das ist ihre Art und sie funktioniert: „Ich bemühe mich immer, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, bei der man schnell auf Probleme zu sprechen kommt“, sagt sie. Eine Stunde war für den Termin vorgesehen, in 35 Minuten hat sie ihn abgehandelt. Sie hat sich Luft verschafft für andere Aufgaben.

Ob sie sich vorstellen kann, ihren Job auch auf Bundesebene zu machen? „Auf gar keinen Fall“, antwortet Leonhard entschieden, fast entsetzt. „Ich finde, mein Kind ist noch zu klein, als dass ich nächtelang weg bin“, erklärt sie und fügt hinzu: „Aber das ist Geschmackssache, das muss jeder selber wissen.“


Zwei Stunden Büroarbeit – beinahe eine Erholungspause

13:35 Uhr, zurück im Büro. Beinahe wie eine Erholungspause wirken die zwei Stunden Büroarbeit, die jetzt auf dem Plan stehen. Ihre Bürotür ist fast offen. So kann sie viele Dinge schnell klären – zwischen Tür und Angel. Das ist ihre Arbeitsweise: So effizient wie möglich.

Ein 13-stündiger Arbeitstag ist normal für sie. Meistens ist sie abends zwischen 21:00 und 21:30 Uhr  endlich zu Hause, dann bereitet sie sich auf die Termine des nächsten Tages vor. An zwei Abenden der Woche versucht sie, es früher zu schaffen: Keine Termine mehr nach 18:30 Uhr, so ihre Ansage.

Für wie viele Stunden Schlaf reicht es pro Nacht? Sechs Stunden seien viel, aber das schaffe sie selten. „Das ist kein Zeichen von Fleiß“, wiegelt sie ab und erklärt: „Mein Sohn schläft noch nicht durch.“ Sie möchte sich nicht hervortun, möchte nicht als Superfrau dastehen, sondern als ganz normales Elternteil, das wegen eines kleinen Kindes wenig Schlaf bekommt. Nichts weiter. Nichts Besonderes.

Es gibt aber auch die 16- oder 18-Stunden-Tage. Es gibt die Reisen ins Bundesgebiet. Manchmal vermischen sich Landes- und Bundespolitik. Manchmal ist da nur noch Arbeit und kein eigenes Leben mehr. Hat sie denn manchmal das Gefühl, dass alles zu viel wird? „Ja, es gibt diese Momente“, sagt Leonhard und relativiert sofort: „Aber die haben alle berufstätigen Eltern.“

16 Uhr: Bürgerschaftssitzung. Leonhard sitzt vorne auf dem prunkvollen Senatsstuhl, fast versinkt sie in dem riesigen Sessel. In einer Baumwolltasche hat sie ihren Proviant. Wieder keine Zeit, etwas Richtiges zu essen. Debattenbeiträge reihen sich aneinander, zur Fernwärmeversorgung, zur Lehrerausbildung, zu Asyl. Sechs Stunden lang wird es so gehen. Das Ende des Tages ist noch weit entfernt.

22:30 Uhr: Leonhard wird die Haustür aufschließen, die Unterlagen unter dem Arm noch durchgehen müssen. Johannes wird schlafen. Aber so ist es eben. Alles gut.

Quelle:  Handelsblatt Online
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