Anleihe-Ankäufe: Was bedeutet das EZB-Geheimabkommen für die Stabilität des Euro?

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Die Anleihe-Käufe der nationalen Notenbanken dienen nicht der monetären Staatsfinanzierung, versichert EZB-Chef Draghi.

Kolumne von Andreas Freytag

Nationale Notenbanken kaufen im großen Stil Wertpapiere auf. EZB-Chef Mario Draghi behauptet, es gehe nicht um eine monetäre Staatsfinanzierung. Warum die Währungshüter dem Euro damit trotzdem schaden.

Das Abkommen war bislang geheim und fast ausschließlich in Zentralbankkreisen bekannt. Das „Agreement on Net Financial Assets“, kurz Anfa, regelt, in welcher Höhe nationale Notenbanken Anleihen kaufen dürfen. Offenbar haben die für insgesamt 565 Milliarden Euro auf eigene Rechnung Wertpapiere erworben, darunter auch Staatsanleihen.

Auf Nachfrage räumte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ein, dass der Vertrag und die Motive schwer zu verstehen sein, verneinte aber eine monetäre Staatsfinanzierung durch die nationalen Zentralbanken.

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Und in der Tat kann es sinnvoll sein, dass die Notenbanken auf eigene Rechnung Anlagen erwerben, um beispielsweise für zukünftige Pensionslasten und andere Risiken  vorzusorgen. Dies macht unter anderem die Deutsche Bundesbank; es sollen etwa 12 Milliarden Euro sein, die sie angelegt hat, ein plausibler Betrag. Weniger plausibel erscheint es, dass die französische und italienische Notenbank jeweils etwa das Zehnfache an Pensionszahlungen in der Zukunft erwarten. Die Ankäufe dieser Notenbanken in den vergangenen Jahren bewegen sich in der Höhe von jeweils 120 Milliarden Euro. Viele Beobachter vermuten – anders als der EZB-Präsident es offiziell tut – eine Staatsfinanzierung, also die Monetarisierung von öffentlichen Haushaltsdefiziten. Dieselben Beobachter haben zumeist auch – wiederum anders als der EZB-Präsident – Schwierigkeiten, eine Deflation in der Eurozone zu erkennen, und bewerten deshalb die expansive Geldpolitik deutlich kritischer als die EZB selber.

Freytags-Frage Wem nützt ein schwacher Euro?

Die EZB setzt ihre Geldschwemme fort. Manche Unternehmen könnten nun leichter Geld verdienen. Langfristig dürfte der schwache Euro aber allen schaden – den Unternehmen und den krisengeplagten Euro-Ländern. Eine Kolumne.

Es gibt bereits einige Prognosen, die den Dollar demnächst in der Parität zum Euro sehen. Für die Eurozone ist das langfristig keine gute Nachricht. Quelle: dpa

Insofern tut sich hier wieder der alte (etwas stilisierte) Graben zwischen den Anhängern der Stabilität (den sogenannten Falken) und den Anhängern der Phillipskurve (den sogenannten Tauben) auf, der in der ersten Dekade der gemeinsamen Geldpolitik durch die scheinbar positiven Effekte der gemeinsamen Währung zugeschüttet wurden. Italien und Frankreich haben in der Zeit vor der Währungsunion die Geldpolitik deutlich stärker für allgemeine Wirtschaftspolitik eingesetzt als Deutschland und dies mit höherer Inflation „bezahlt“ – und daswohl kalkuliert. Dadurch konnten sie angebotspolitische Mängel überspielen; dies ist in der Währungsunion – bei Einhaltung der strengen Regeln – nicht möglich. Nun sehen sie sich gezwungen, die Geldpolitik wieder für allgemeine wirtschaftspolitische Zwecke einzusetzen. Dies geschieht sozusagen heimlich oder mit fadenscheinigen Argumenten.

Das sind die drei Leitzinssätze der EZB

  • Der Hauptrefinanzierungssatz

    Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz. Er legt den Mindestzins fest, den Geschäftsbanken der EZB für einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit im Rahmen der sogenannten Tenderauktionen bieten müssen. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und am Kapitalmarkt aus.

  • Die Spitzenrefinanzierungsfazilität

    Für Banken, die sehr kurzfristig Geld brauchen, wird es teurer, hier bietet die EZB die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität an. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag. Der Zins, den Banken für das über Nacht geliehene Geld zu zahlen haben, ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er liegt in der Regel rund einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz.

  • Die Einlagefazilität - der Strafzins für Banken

    Die Einlagefazilität ist das Gegenstück zur Spitzenrefinanzierungsfazilität. Sie gibt Banken die Möglichkeit, einen Überschuss an flüssigen Mitteln bis zum nächsten Geschäftstag bei der Zentralbank zu parken. Die Verzinsung gibt der Einlagefazilitätssatz an. Spitzen- und Einlagefazilität sind Instrumente, mit denen die EZB weitere Feinsteuerung verwirklichen kann. Wenn die Banken zum Beispiel nur sehr wenig oder gar keinen Zins auf das Geld bekommen, das sie bei der EZB parken, dann steigt der Anreiz, es an einen Kunden zu verleihen. Derzeit ist der Einlagezins negativ - und bestraft somit Banken, die Geld bei der EZB parken.

Dadurch zeichnet sich eine Abkehr vom seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehr erfolgreichen geldpolitischen Grundkonsens in Europa ab, nämlich die Fiskal- und Wirtschaftspolitik im Grundsatz von der Geldpolitik zu trennen. Die Inflationsabwehr scheint nicht mehr länger das vorrangige Ziel der Geldpolitik zu sein. Die EZB scheint hingegen eine ganze Reihe von Zuständigkeiten zu besitzen (beziehungsweise aufgebürdet bekommen zu haben), die zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen recht schwierig, wenn nicht unmöglich sein dürfte. Neben der Preisniveaustabilität als Ziel der Gelpolitik sind offenbar seit Beginn der Eurokrise die Stabilität (und Prosperität) der Finanzmärkte, die Ankurbelung der Investitionen, die realwirtschaftliche Erholung und die Beschäftigungssteigerung getreten. Soweit die offizielle Lesart. Es wirkt zudem so, als ob Staatsfinanzierung ganz oben auf der Agenda der Zentralbanken steht, allen Beteuerungen zum Trotz. Das Anfa-Abkommen nährt diesen Verdacht ganz gewaltig. Damit schreitet die Lateinamerikanisierung der europäischen Geldpolitik in Riesenschritten voran.

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